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Theaterblog

DAS PATRIARCHAT IM BLICK

Essay zu MÄDCHENSCHRIFT von Schauspiel-Dramaturgin Bettina Schuster-Gäb

Was bedeutet es, sich als Frau zu lesen? Und was macht Frau-Sein gegenwärtig aus? Das waren zentrale Einstiegsfragen in die Arbeit an Özlem Özgül Dündars Stück und für die Bürger*innen-ensemble-Akquise. Für das Außen, das die Autorin in ihrem Text beschreibt, sind es die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale. Sie werden, meist ungefragt, betrachtet und bewertet und nicht selten ungefragt berührt. Ihre Forderung: „Dass damit Schluss ist, bäm“.

Mensch wird gelesen. Mensch liest sich selbst. Aus diesem Verständnis heraus ist das, was in Dündars Stück erzählt wird ein Vorgang des Gelesenwerdens: Das sexualisierende Betrachten eines Mädchens durch ein Außen oder der als sexualisierend empfundene Umgang mit dem Mädchen, aus ihrer Ich-Perspektive erzählt. Kurzum, die scheinbar harmlosen Anfänge einer weiblichen Sozialisation mit 12, 13, 14.

Özlem Özgül Dündar geht in ihrer Beschreibung explizit, jedoch auch sehr behutsam vor – mit zahlreichen „und“ reiht sie, gleich einer atemlosen, getriebenen Erzählweise, die Erlebnisse wie Bilder aneinander: die Wachstumsschmerzen in der Brustgegend, die erste Periode, die soziale Aufmerksamkeit, die als übertriebene Aufmerksamkeit bisweilen einer sozialen Kontrolle gleichkommt. Auch die Übergriffigkeit von Blicken und Berührungen durch Jungen und Männer wird benannt. Stark sind die Assoziationen zur gesellschaftlichen Irrelevanz, wie die Protagonistin sie empfindet: Dündar findet hierfür das Bild des Gedrückt-Werdens, der pulsierenden Belastung, der Kleinhaltung bis hin zur Silberfisch-Fantasie. So irrelevant und zum hilflosen Tierchen gemacht sei sie, das Mädchen, dass sie sich zwischen Dielenbrettern verschwinden und ins weite Meer hinausgespült sähe.

Blicke als Zäsur

Adjusted levels from File:Sandro Botticelli – La nascita di Venere – Google Art Project.jpg, originally from Google Art Project. Compression Photoshop level 9., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22507491

Es sind Blicke, die ein Missverhältnis schaffen: Blicke, die bewerten und Objekte der Betrachtung schaffen. Sie haben nichts Angenehmes. Vielleicht noch die anfänglichen Bekundungen durch weibliche Familienmitglieder, aber selbst diese kehren sich letztlich um und bauen Druck auf. Druck, binären Vorstellungen zu entsprechen und damit normgerecht und erwartbar zu funktionieren. Über die Blicke des Außen – sprich Familie, Freunde, Fremde – passiert die wertende Selbst-Wahrnehmung beim Mädchen*. Wie sähe das körperliche Reifen aus, wenn es, also die Wahrnehmung dessen, rein bei ihr bliebe? Wertfrei und enthierarchisierend. Noch vor den Taten oder Berührungen im engeren Sinne, teilen diese Blicke Kindheit in ein Davor und ein Danach.

Eine kollektive Erinnerung

Dündar versteht es, die kleingehaltene Frau* in der Erwachsenen zu beschwören. Möglicherweise weckt sie mit ihren Beschreibungen verschüttete Analogien: Die Unbeschwertheit des Moments „als ich nicht wußte“, wie es im Stück heißt, oder das Gefühl des Danach, das dem Kind keine Rückkehr mehr ins nicht-sexuell verstandenen Sein ermöglicht. Die Konfrontation mit äußerlich gelesener alternativlos binärer Geschlechtlichkeit war und ist für Frau* eine Schockerfahrung, die das Potenzial einer kollektiven Erfahrung hat. Dündars Stück beschwört uns, uns an die eigenen Erfahrungen des Heranwachsens zu erinnern.

Jetzt könnten defätistische Stimmen sagen: es sind nur Blicke. Dass das Gewaltvolle bereits im Blick und im darin angelegten räumlichen Übergriff steckt, ja, passiert, wird in dieser Selbstbetrachtung mehr als deutlich. Die US-amerikanische Philosophin und Feministin Judith Butler, welche mit ihrem Werk Gender Trouble (Das Unbehagen der Geschlechter, 1990) eine einschneidende Betrachtung von biologischem und sozialem Geschlecht beschreibt, entlarvt  derartige Phänomene als kulturelle Praktiken, die Geschlechterbilder formieren. Hier passiert eine soziale Performance, ein Doing Gender. Auch diese Blicke schaffen Geschlecht – nämlich eine Verknüpfung von Weiblichkeit und Schutzlosigkeit. Wie kann, mit diesem Bewusstsein konstruierter Geschlechterbilder, gegen ein hier wirkendes Machtgefälle angearbeitet werden?

Laut sein hilft das Nixen-Stadium zu überwinden

Ein starkes, optisch deutliches Zeichen begleitet die Inszenierung dabei durchgängig auf der Bühne: die Meeresnixe in Form einer Tasche. In der Mode überdauert sie die Kult-Embleme Ananas und sogar das Lama, an ihr kam niemand in den letzten Jahren vorbei. „Tief unten im Meer“ säuselt es einer* im Ohr – noch aus Disney’s Ariel-Film der 1990er-Jahre – und manche erinnert sich womöglich, wie lebendig diese Meerjungfrau sich drehte, ihre wallenden Haare mit ihr mit und wie ihre großen Augen in Anwesenheit des Prinzen noch größer wurden. Und obwohl Ariel weder Sprache noch Entfaltungsmöglichkeiten außerhalb der Wasserwelt hatte, war sie ein ungebrochener Kinderstar. Sie war eine fügsame, stille Kindfrau. Warum übt dieses kleingehaltene Wesen, zumindest in der Ausdeutung der Pop-Ära, eine Faszination auf Generationen an heranwachsenden Frauen aus? Und vor allem, warum ändert Aufklärung so wenig daran?

Erinnern, claimen, allyship

Drückt es denn bei euch nicht?
Ich sehe doch, wie es auch bei euch drückt.
Ich sehe es doch.

(Auszug aus „Mädchenschrift“, Ö.Ö. Dündar)

In der Inszenierung erfährt der Topos der verstummten Meerjungfrau Ablösung durch berichtende und claimende Frauen zwischen 20 und 60 Jahren. Ihre Mädchenfigur wird anfangs gedrückt – von allen Seiten lässt sich der Druck, lässt sich das Kleingehaltenwerden spüren, ist Einengung durch unsichtbare Grenzen und Instanzen erfahrbar. Das Mitteilen ist der erste Schritt der Sichtbarwerdung. Die Einsicht in die eigene Stimme und ihre Stärke. Also, nein, Özlem Özgül Dündar hat definitiv kein Stück über Wassernixen geschrieben.

Gingen wir davon aus, dass die durch die Autorin beschriebenen Erfahrungen mehr als ein Einzelfall sind. Gingen wir des Weiteren davon aus, dass darin ein kollektives Moment steckt, das kollektiv erinnert werden will. In feministischer Ausdeutung kann ein kollektives Erinnern helfen, den Moment patriarchaler systemischer Unterdrückung zu überwinden. Dafür braucht es eine einende Haltung aller Geschlechter, braucht es Allyship und andere Formen von Solidarität und offenem Diskurs. Feminismus muss raus aus der diffamierenden Schmuddelecke, in die Gleichberechtigungsforderungen neuerdings wieder salonfähig verbannt werden können. Auch, indem Abschottungsmechanismen wie Klassismus, Rassismen aller Art oder auch Tabuisierung von Themen gemeinsam durchbrochen werden, indem wir sie gemeinsam betrachten – rund um Dündars Setzung die rape culture zu benennen, haben die Ensemblemitglieder eigene Texte eingebracht, die das Recht auf Abtreibung oder die mitunter lange Lebensphase der Menopause aufgreifen. Dazu ein Textauszug aus einem kollektiven Ensemble-Text des Abends:

„tick tack tick tack tick tack….
Ein Ruck, ein Ziehen, ein Flimmern im Körper, der sich nicht mehr fügen will in das erwartete Bild.
Ihre Haut erzählt Geschichten, die wir nicht hören wollen.
Ihr Körper schreibt ein neues Kapitel, doch wir blättern ständig zurück. (…)
Dabei leuchtet sie, anders, tiefer, ehrlicher.
Auch wenn wir sie stumm stellen, ihr den Blick verweigern:
Altern heißt nicht Vergehen, sondern Werden.
Aber das ist nichts, was man auf Plakate druckt.“

Ein Plädoyer für körperliche Selbstbestimmung

Einen weiteren und auch weiterführenden Aspekt streifen Stück und Inszenierung über den Blick und den offenen Tabubruch „Regelblutung“: das Thema körperliche Selbstbestimmung der Frau. Das Organ, das mit der Regelblutung in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt wird, ist die weibliche Gebärmutter – und mit ihr über weibliche Sexualität als Lust hinaus die volle Konsequenz geschlechtlicher Reproduktion. Dabei gibt es, juristisch betrachtet, gar keinen Zweifel: Lust und Reproduktion fallen unter das Persönlichkeitsrecht. Es sind Entscheidungen, die das Individuum für sich fällt, und zwar unter Ausschluss der öffentlichen Meinung. Der in realitas mehrheitlich stattfindende Prozess, wie im Stück beschrieben, ist ein anderer: es ist eine sozial ausgelebte öffentliche Inbesitznahme des weiblichen Körpers. Eine Politisierung eben dieses Körpers. Spitzt man die Thematik also weiter zu, fällt einmal mehr auf, wie das reproduktive Recht und politische (patriarchal strukturierte) Ordnung zusammengeführt und rechtskonservativ genutzt werden.

Dündars fragmentarische Betrachtungen exerzieren ebendiesen Machtdiskurs exemplarisch durch, welcher das Mädchen* und die Frau* nur beschädigen kann – er ist übergriffig wie sexistisch und manifestiert sich in der Bildsprache des Blicks. Daran, wie selbstverständlich er innerhalb einer Gesellschaft passieren kann, lässt sich auch der gelebte Zustand einer Demokratie ablesen: wie emanzipiert sind wir in Deutschland und Europa im Jahr 2026 wirklich?

Leider sind wir es (noch) nicht genug – nicht gleichberechtigt: es braucht, wie viele Aktivist*innen es fordern, Entkriminalisierung von Abtreibungen in Medizin, Politik und Recht. Nur damit kommt man dem gesamtgesellschaftlichem Freiheitsrecht nach.

Freiheit birgt nur die gleichberechtigte Offenheit allen Gesellschaftsmitgliedern gegenüber – das ist der Gesellschaftsvertrag einer Demokratie. Darin liegt der am Ende beschriebene „knifflige Knoten“ – nur zusammen, alle Geschlechter übergreifend, in fortwährender Aufklärungs-, Erinnerungs- und Empowerment-Arbeit können wir ihn lösen. Bettina Schuster-Gäb

WEITERFÜHRENDE IMPULSE

Gegen politische Einflussnahme in der Frauenheilkunde: Weiterbildungen für Gynäkolog*innen & Hausarztpraxen:

Reproduktive Rechte als Freiheitsrecht:

Menopause:

Schwarzsein in der weißen Mehrheitsgesellschaft:

Frauengesundheit:

Aktiv sein – Impulse aufnehmen – Spenden: