Kategorien
Hinter dem Vorhang

WIE DER ERSTE TAU, ÄH, BLICK, ÄH, WORT, AUF FRANZÖSISCH

Von Dramatik, Zukunftsforschung und Kulturfrönen

Ich lese von Krise, ich lese von Betrachtungen der Krise und ich lese von der Welt nach der Krise. Und dann gibt es da noch dieses Projekt »Literatur«. Ganz verrückt: aber darin kommt das Virus gar nicht vor. Darf es das, einfach keine Rolle spielen? Es ist gut, wenn es zukünftig keine Rolle mehr hat, mehr hätte, dieses einfach unbesetzt auf der Weltbühne aufgetauchte Virus alias Corona. Aber so einfach wird das wohl nicht werden. Ahnen wir alle.

Dennoch: es darf auch Welten geben, die uns von einer Wunschwelt im Sinne einer handfesten Utopie erzählen – und die dürfen fiktiv sein und sie dürfen aus der Vor-Krise stammen. Sage ich mir und lese weiter. Entweder à a) Französisch am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen: frankophone Dramatik auf Französisch für das Autor*inn*en-Festival PRIMEURS im November oder à b) Glückstexte für ein baldiges Projekt, wenn wir alle wieder dürfen: wir, proben und spielen und Sie, kommen. a) b) a) b) a) b) – a).

Und vorher ein bisschen Kopf-Zukunft gestalten mit Zukunftsgedanken von Matthias Horx und seinem Zukunftsinstitut, Kolumne 51, »Das Neue Normal«. Alles, was eine Zukunft im Sinne der Menschheit und weniger der Wirtschaftslobby zu gestalten hilft – aus welcher Zeit es auch immer stammen mag – hilft. Dramatik, Kunst allgemein und eigene Gedanken – alle unsere Zukunftsentwürfe, all unser positives Denken, machen das vor-krisige Bisherige, das in irgendeiner Form und anteilig sicher auch wieder einsetzen wird, besser. Ich persönlich brauche dazu Sprache. Und von Denkern und Weltenerfindern zu lesen, denen das sicher auch so geht (gemeint sind Autor*inn*en), befriedet mich doch sehr. Außerdem haben die gerne auch mal Lösungsanregungen parat. Kommen lohnt! Denken auch.

  1. www.festivalprimeurs.eu
  2. https://www.horx.com/51-das-neue-normal/

Gegenwart und Zukunft, I <3 you.

Bettina Schuster-Gäb,
Schauspieldramaturgin

Kategorien
Der Dramaturgieschreibtisch

ALLES IN DER MACHE

Varianten von Spielplan und Gesellschaft

Es stapeln sich Stücke. Theatertexte aus allen Epochen. Besonders nah sind einem plötzlich wieder die Vertreter des Absurden, Ionesco. Auch schon vor Corona. Wie Nashörner kamen einer weltoffenen Bürgerschaft die lauten Anti-Herden (Anti-Gleichheit, Anti-Meinungsfreiheit, Anti-Kunstfreiheit, Anti-Jegliches-Spektrum außer Rechts) vor. Und die literarische Gegenwart ist auch nicht zimperlich in der Befragung des Ist-Zustandes: Was ist zum Beispiel mit unserer menschlichen Skrupellosigkeit gegenüber unserem Planeten? Oder wie steht es um unsere Ängste?

»Wer von Angst getrieben ist, vermeidet das Unangenehme, verleugnet das Wirkliche und verpasst das Mögliche«, kommentiert der Soziologe Heinz Bude in seinem Buch »Gesellschaft der Angst« (Hamburger Editionen 2014) Franklin D. Roosevelts Präsidentschaftsrede von 1933, der darin sagte »The only thing we have to fear is fear itself. Das einzige, was wir fürchten müssen, ist die Furcht selbst.«. Wir wollen das Mögliche. Also, ich will das.

Ich will die maximal mögliche humane Gesellschaft, die ihre demokratische Struktur verteidigt und füllen kann. Mit Vielheit und zwischenmenschlichem Respekt. Eine Gesellschaft des Austauschs, die die Meinung (ohne Haltung) und emotionalisierende Hetze aus ihrer Mitte verdrängt haben wird. Viren zu verdrängen, ist hingegen schwer. Schwer zu akzeptieren, dass sie Teil der Chose »Sein« sind. Pandemien aller Art – ob ideologische, ob virologische – sind einfach suspekt und skrupellos. Hier, im entleerten Bau des Theaters jedenfalls ringen wir täglich um eine Vision, eine Abbildung von dem, was zu werden, wir als Gesellschaft vermögen. Variante 1, 2, 3, u.v.m. … – welche (Spielplan und Gesellschaft) wird’s?

Bettina Schuster-Gäb,
Schauspieldramaturgin