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Neues Storytelling der Gegenwart in Saarbrücken

Eine Stadt betrachtet verbindende Momente unseres gelingenden Miteinanders – noch bis zum 14. April 2021 mit rund 65 Veranstaltungen und Aktionen.

Wenn eine Stadt sich geistig vernetzt, kommt Glück für alle heraus. Das hat die Initiative Insieme geschafft und zahlreiche soziale, kulturelle und kirchliche Akteure des Regionalverbandes aufgerufen sich einem unüblichen Thema anzuschließen:

»Auf der Suche nach dem Glück in besonderen Zeiten« – eine Befragung, deren Impulsgeber das Saarländische Staatstheater mit seinem Schauspielabend GLÜCK. EIN ABEND MIT 7 GEWINNERN UND DEN BESTEN MOMENTEN IN ZEITLUPE (in der Regie von Schauspieldirektorin Bettina Bruinier) aus dem September des vergangenen Jahres war.

Am Samstag flankierte eine gestreamte Veranstaltung aus dem Rathaus-Festsaal die laufende Aktionswoche – Göttin Fortuna (Juliane Lang) und der Utopist (Sébastien Jacobi) gaben mit ihrem Aufruf den Hygiene-Abstand in utopischen Raum umzuwidmen den Kernimpuls des Theaterabends weiter an uns Saarländer*innen.

Amei Scheib gestaltete zudem einen musikalischen Chorabend, der die vielschichtigen Lebenswelten der Region und freie musikalische Assoziationen zum Thema Glück aufgriff – ein aufgezeichneter Stream wird in Bälde online gestellt. In einer kurzen Zeitspanne fanden sich trotz unsicherer Pandemielage genügend Stadtakteure zusammen, die sich mit der Frage des Zusammenhalts und der Stärke – entgegen der Narration dieser Krise – beschäftigen wollten: dieses neue Storytelling brauchen wir heute mehr denn je und es kann uns alle beruhigen wie auch bestärken, dass wir mit diesem Bedürfnis und dieser Vision nicht alleine sind.

SST goes Rathaussaal: Göttin Fortuna (Juliane Lang) und der Utopist (Sébastien Jacobi) gaben mit ihrem Aufruf den Hygiene-Abstand in utopischen Raum umzuwidmen den Kernimpuls des Theaterabends weiter an uns Saarländer*innen. Foto © Bettina Schuster-Gäb

»Auch in Saarbrücken fällt es nach einem Jahr der entbehrungsreichen Pandemie vielen Menschen schwer, optimistisch nach vorne zu blicken. Ist das der richtige Zeitpunkt, um nachzudenken über das Glück? INSIEME sagt: Ja! Wann, wenn nicht jetzt?« Initiative Insieme

Noch bis Mitte der Woche laufen die vielfältigen Aktionen, in denen über das Glück nachgedacht, performt, geredet, getanzt, philosophiert und diskutiert wird. Es werden Geschichten erzählt, Briefe geschrieben, Videos gedreht, Lieblingsorte gezeigt, es wird aus Büchern gelesen, Erde umgegraben, miteinander gekocht, gespielt, gewandert, geturnt und gesungen. So viel wie möglich wird »in echt« stattfinden: in der Natur, auf den Straßen, in Parks und Gärten – alles natürlich coronakonform. Vieles andere wird sich digital abspielen, schreiben die Koordinator*innen.

Hochkarätige Impulsvorträge behandeln die gesellschaftliche, philosophische und politische Dimension von Glück in Zeiten der Pandemie – drei Online-Veranstaltungen gibt es zu entdecken:

  • In guten wie in schlechten Zeiten. Krisen gemeinsam meistern lautet der Titel des Vortrags von Dr. Raban Daniel Fuhrmann vom Weltethos-Institut Tübingen kann als Aufzeichnung angesehen werden – er fragt danach, wie eine Stadt die Krise gemeinsam aufarbeiten kann, um für künftige Krisen gestärkt zu sein.
  • Am 14. April um 19 Uhr diskutieren in der Stiftung Demokratie und im Livestream der bosnische Schriftsteller Dzevad Karahasan, der Musiker Oliver Strauch, Justin Hayo vom Chance Network, die Theologin Jutta Lehnert, Jean-Luc Ferstler von Emmaus Forbach und die Philosophieprofessorin Lena Kästner über das Thema Glück gibt zu denken.

Das ausführliche Programm mit Informationen zu Veranstaltungen und Mitwirkenden finden Sie hier:

www.saarbruecken.de/glueck

Unterstützt wird die Aktionswoche durch die Landeshauptstadt Saarbrücken, das Ministerium für Bildung und Kultur und die Saarland Sporttoto GmbH – sowie durch die vielen Mitveranstalter*innen, die sich von Anfang an engagiert, kreativ und mit eigenen Ressourcen in die Planung eingebracht haben. Danke dafür!

Glücksglitter zum Aufsaugen. Foto © Bettina Schuster-Gäb.

Bettina Schuster-Gäb,
Schauspieldramaturgin

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Früher gab es viele Theater in Venezuela

Der Kostümbildner Alexander Djurkov Hotter wurde in Venezuela geboren. Am Saarländischen Staatstheater gestaltete er in der Spielzeit 2019/20 die Kostüme für »Die kleine Meerjungfrau« und »Amadeus«, in der Spielzeit 2020/21 das Kostümbild für »Im weißen Rössl«. Christina Klein und Simone Kranz sprachen im Januar 2020, also noch vor der globalen Ausbreitung der Corona-Pandemie, mit ihm.

Kostümbildner Alexander Djurkov Hotter. Foto © Felix Grünschloß.

Nachdem du 2010 nach Deutschland gekommen bist, hast du zunächst Architektur an der TU in Berlin studiert. Wie bist du dann dazu gekommen, Kostümbildner zu werden?

Ich habe mich schon immer für Kleidung interessiert. Allerdings war es in Südamerika, wo ich geboren bin, für einen Mann nicht üblich, einen Beruf auszuüben, der feminin belegt ist, wie z.B. Modedesign oder Kostümbild.
Davon abgesehen wusste ich, bis ich vor 10 Jahren nach Europa gezogen bin, nicht, dass es den Beruf Kostümbildner/ Kostümbildnerin überhaupt gibt. Selbst Modedesign galt bei uns nicht wirklich als Beruf, sondern als Zeitvertreib bis zur Heirat für Töchter aus besseren Familien. Meine Eltern hätten eine Ausbildung in die Richtung damals wahrscheinlich auch gar nicht zugelassen. Somit blieb einem homosexuellen Jungen in Venezuela, der etwas mit Design machen möchte, nur noch ein Architekturstudium.
Obwohl ich eigentlich schon einen Studienplatz an der Zentraluniversität in Venezuela hatte, haben mir meine Eltern dann wegen der politischen Situation vorgeschlagen, in Deutschland zu studieren. Ich bin dann nach Deutschland gegangen, doch das Architekturstudium an der TU in Berlin war sehr technisch und nicht so künstlerisch ausgerichtet wie man es von Venezuela her kennt.
Nach einem Jahr wollte ich etwas anderes machen. Zuerst habe ich über Modedesign nachgedacht, deswegen kehrte ich nach Venezuela zurück, um 4 Monate lang bei einem Modedesigner ein Praktikum zu machen. Auf seine Empfehlung hin, entschied ich mich, erstmal eine Maßschneider Lehre zu absolvieren, um das Handwerk zu erlernen.
Gleich zu Beginn meiner Ausbildung im Atelier »das Gewand« in Düsseldorf erfuhr ich, vom Beruf des Kostümbildners/ der Kostümbildnerin. Dort kam ich mit dieser Welt zum ersten Mal in Berührung.
Nach meiner Ausbildung begann ich an diversen Theatern zu hospitieren und eine Bewerbung an der Universität der Künste in Berlin stand an. Aber irgendwann habe ich dann Moidele Bickel (Moidele Bickel (*1937 – † 2016) gilt als eine der wichtigsten Kostümbildnerinnen ihrer Zeit. Sie wurde besonders durch ihre Zusammenarbeit mit Peter Stein an der Berliner Schaubühne berühmt, arbeitete später aber auch international und stattete zahlreiche Filme aus.  Anm. d. Red.) getroffen, sie war der Meinung, ich würde mich an der Universität nur langweilen und versprach mir, dass ich alles, was ich dort lernen würde, von ihr lernen könnte. Währenddessen sollte ich weiterhin als Assistent arbeiten und so viel Berufserfahrung sammeln wie möglich, denn Berufserfahrung sei eine der wichtigsten Komponenten des Berufs.

Kostümentwurf von Alexander Djurkov Hotter für Catarina Cavallieri.

Gibt es denn überhaupt eine Theaterszene in Venezuela?

Vor 10-15 Jahren gab es eine relativ große Theaterszene in Venezuela, sogar ein sehr wichtiges internationales Theater Festival, die »Feria Internacional de Teatro de Caracas«. Allerdings sind heute die meisten Theater nicht mehr in Betrieb, einige wurden von der Chavez Regierung geschlossen, noch bevor ich nach Deutschland ging.
Private Theater mussten schließen, weil sie keine Möglichkeit mehr hatten, sich zu finanzieren. Die hohe Kriminalität im Lande hatte dazu geführt, dass immer weniger Leute nach Einbruch der Dunkelheit ihr Haus verlassen wollten, somit sanken die Besucherzahlen drastisch.
Kultur wird heute in Venezuela leider nur sehr wenig gefördert und wenn, dann nur Kultur, die der Propaganda der Regierung dient. Diejenigen, die inszenieren dürfen, sind Anhänger der Regierung, zum Teil auch Menschen ohne jeglicher Theatererfahrung.
Eine der letzten Produktionen, die ich vor einigen Jahren dort sah, war das romantische Ballett »Spartacus«. Das wurde mit roten Flaggen, ganz im Stil des chinesisch-kommunistischen Balletts »The Red Detachment of Women« (»The Red Detachment of Women« ist eine der 8 Modellinszenierungen, die während der chinesischen Kulturrevolution auf dem chinesischen Theater als Vorbild für alle weiteren Inszenierungen galt. Das Ballett wurde im Februar 1972, anlässlich des China Besuchs von U.S. Präsidenten Richard Nixon, gezeigt. Anm.d. Red.)  
Es war allerdings nicht so toll wie das Original, es war vollkommen lächerlich. Obwohl früher sehr viele klassische und moderne venezolanische Stücke gespielt wurden, ging man auch da schon hauptsächlich ins Theater, um die Telenovela Schauspieler auf einer Bühne live zu sehen. Man wollte sich entspannen, Abwechslung zum Alltag und der politischen Situation des Landes haben. Heute gibt es nicht mal mehr diese Art von Theater in Venezuela.  

 

Wolfgang Amadeus Mozart und …
… seine Frau Constanze Mozart.

Fühlst du dich dem Land noch verbunden?

Ja, mir ist es ganz wichtig, dass Venezuela als meine Heimat in meiner Vita vorkommt, obwohl ich schon seit zwölf Jahren hier lebe, integriert bin, muttersprachlich Deutsch spreche und einen deutschen Pass besitze. Venezuela ist durch Kolonisation entstanden, was zur Folge hatte, dass die Bevölkerung und die Kultur ein Gemisch aus unterschiedlichen Ethnien und Traditionen ist. Jeder Venezolaner hat Wurzeln in Afrika, auf dem Kontinent selbst oder in Europa.  Es gibt niemanden, der ursprünglich nur Venezolaner ist.
Ich selbst bin zwischen unterschiedlichen Traditionen und Sprachen aufgewachsen und die letzten 10 Jahre in Deutschland haben auch ihre Spuren hinterlassen aber Venezolaner zu sein, bedeutet für mich automatisch, multinational und multikulturell zu sein und darum hänge ich u.a. so stark an dieser Nationalität.  

Kaiser Josef II.

Sarastro und Königin der Nacht.

Orsini Rosenberg.

Die Kostüme von Alexander Djurkov Hotter können Sie ab dem 8. April »Im weißen Rössl« und ab dem 14. April in »Amadeus« erleben.

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»Das Fenster« – eine Uraufführung in der sparte4

»Das Fenster« – eine Uraufführung in der sparte4

oder

Der mühsame Weg eine grenzüberschreitende Theaterproduktion in Zeiten von Corona zu einem Abschluss zu bringen.

Am Anfang stand die Idee einer grenzüberschreitenden Produktion zwischen den Theatern Les Théâtres de la Ville de Luxembourg und dem Saarländischen Staatstheater. Und da Theatermacher auch immer auf der Suche nach Talenten sind, wollten wir der jungen luxemburgischen Autorin Mandy Thiery, in dem man ihr einen Schreibauftrag gab, die Möglichkeit eröffnen, den Theateralltag besser kennen zu lernen.

Im einem gemeinsamen Probenprozess sollte ein neues Stück mit dem Arbeitstitel »Das Fenster« und den Themen Grenzerfahrungen bzw. Ängste und Nöte der jungen Generation entstehen. Im Herbst 2020 dachten wir, könnte das Projekt in Workshops und Lesungen an beiden Theatern schon mal vorgestellt werden und die Proben dann am 2. Dezember 2020 in Saarbrücken beginnen.

Nach einer Reihe von Voraufführungen in der sparte4 sollte die Uraufführung am Freitag, den 26. Februar 2021 in Luxemburg sein. So wurde es im Spielzeitheft in Luxemburg angekündigt und auf einem Besetzungszettel in Saarbrücken verkündet. So weit der Plan.

Die Spielstätte Théâtre des Capucins in Luxemburg.

Doch dann kam alles anders. Zweiter Lockdown! Die Theater wurden im November erneut geschlossen und der Grenzverkehr zum Problem. Was tun? Wir durften zwar noch probieren, doch in der geplanten Produktion sollten je zwei Schauspieler*innen aus Luxemburg (Jil Devresse und Timo Wagner) und Saarbrücken (Christiane Motter und Thorsten Rodenberg) spielen.

Außerdem war die Autorin Mandy Thiery geladen, das Stück mit dem Team um Regisseur Thorsten Köhler auf den Proben zu entwickeln? Wie sollte das funktionieren, wenn die Kollegen*innen aus Luxemburg nach den neusten Corona-Schutzverordnungen sich nicht länger als 48 Stunden in Deutschland aufhalten durften?

Konzeptionsprobe mit den Schauspielerinnen Christiane Motter, Jil Devresse, dem Schauspieler Timo Wagner, der Regieassistentin Gesa Oetting, dem Schauspieler Thorsten Rodenberg und dem Videokünstler Grigory Shklyar.

 Und überhaupt, welche Verordnung galt gerade in welchem Teil Europas? Sollte man die Koproduktion nicht absagen oder auf einen späteren Zeitpunkt verschieben? Aber was dann?

Allein die Disposition eines großen Theaters ist äußert kompliziert, wie soll da eine kurzfristige Verschiebung mit zwei so unterschiedlichen Häusern wie den Les Théâtres de la Ville de Luxembourg und dem Saarländischen Staatstheater funktionieren? Und was sollte aus den abgeschlossenen Verträgen werden?

Denn neben den Schauspieler*innen gehören der Bühnen- und Kostümbildner Justus Saretz, der Videokünstler Grigory Shklyar und der Musiker Achim Schneider, die alle auch in anderen Verträgen gebunden sind, zum künstlerischen Team.

So hielt man an der Produktion fest und die Proben begannen mit täglich zwischen Luxemburg und Saarbrücken pendelnden Künstlern, die fast länger im Bus oder Auto sitzen mussten, als auf der Probe sein zu können. Doch langsam aber stetig entwickelte sich das Stück von Szene zu Szene und der Regisseur Thorsten Köhler wurde mehr und mehr zum Ko-Autor neben der jungen Autorin Mandy Thiery.

Konzeptionsprobe auf der Probebühne in Saarbrücken mit dem Ausstatter Justus Saretz, der Autorin Mandy Thiery, dem Regisseur Thorsten Köhler und dem Musiker Achim Schneider.

Doch weil sich die Corona-Zahlen nicht wirklich besserten und man nicht absehen konnte und leider auch immer noch nicht kann, wann das Saarländischen Staatstheater wieder spielt, verordnete – auch auf Bitten des Betriebsrates – die Theaterleitung einen Probenstopp rund um Weihnachten und Neujahr.

Die Probenzeit für die Produktion »Das Fenster« wurde langsam knapp und eine Premiere im Januar immer unrealistischer. Zumal in Deutschland weiterhin ein Spielverbot bestand, während die Theater in Luxemburg längst wieder geöffnet hatten. So musste man die Proben im Januar 2021 erst einmal beenden, in Kurzarbeit gehen und neue Zeitfenster für die Endproben und Vorstellungstermine in Saarbrücken und Luxemburg suchen.

Nach vielen Gesprächen und neuen Planungen für beide Theater entschlossen wir uns, die Proben schließlich am 19. März wiederaufzunehmen, in der Hoffnung Ostersamstag endlich eine Premiere in Saarbrücken feiern zu können. Leider wird es auch zu diesem Uraufführungstermin nach den neusten Entwicklungen nicht kommen und so gehen die Planungen für neue Öffnungsszenarien weiter.

»Ja; mach nur einen Plan
sei nur ein großes Licht!

Und mach dann noch´nen zweiten Plan
Gehn tun sie beide nicht.«
(Bertolt Brecht)

Video-Dreh in den Saarwiesen mit dem Ensemble.

Doch mittlerweile ist der letzte Video-Dreh geschafft, das Stück vollendet und mit dem Untertitel »Eine Schauergeschichte für die letzten Generationen« versehen. Denn entstandenen ist eine Art Trash-Grusical mit viel Musik und nach Motiven aus »Peter Pan« von James Matthew Barries oder Horrorfilmen wie »Spuk im Hill House« nach dem gleichnamigen Roman von Shirley Jackson.

Anspielungsreich und lustvoll mit den Klischees und Phänomenen einer YouTube-, Instagram- und TikTok-Generation spielend, verweisen Stück und Inszenierung auf apokalyptische Vorstellungen und immer größer werdende Ängste vor einem gefährlichen und lebensbedrohlichem Draußen. Aber beginnt nicht erst jenseits der eigenen vier Wände und den ängstlich gezogenen Grenzen das aufregende Leben mit all seinen Abenteuern und spannenden Geschichten?

Horst Busch,
Chefdramaturg

Fotos © Horst Busch.

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Hinter dem Vorhang Theaterblog

Zum Welttheatertag

Heute ist der 27. März. Es ist Welttheatertag. Ein Tag, der 1961 vom Internationalen Theaterinstitut (ITI) ins Leben gerufen wurde. Ein jährlicher Aktionstag, der die Bedeutung und Wirkung der Bühnenkunst im gesellschaftlichen Kontext hervorheben soll.

Normalerweise finden an diesem Tag am Sitz der UNESCO in Paris (und darüber hinaus) zusammen mit Vertreter:innen des ITI und den Verfasser:innen der Botschaft öffentliche Veranstaltungen statt.

Die diesjährige Botschafterin ist Helen Mirren, weiter unten lesen Sie ihre Botschaft, in der sie auf die prekäre Lage für alle Kunst- und Kulturschaffenden während und durch die Corona-Pandemie verweist.

Auch das Saarländische Staatstheater begeht den Welttag des Theaters. In kurzen Videoclips erzählen Mitglieder des Hauses von ihrem beruflichen Alltag, der längst keiner mehr ist, jedoch vielleicht bald wieder zu einem wird, von den Herausforderungen, vor denen sie gerade stehen, aber auch von ihren Hoffnungn und Wünchen, wenn sich die Theatertüren (endlich) wieder öffnen. Die insgesamt 12 Videos finden Sie hier auf der Facebook-Seite des Saarländischen Staatstheater.

Die Botschaft des Internationalen Theaterinstituts (ITI) stammt dieses Jahr von der Schauspielerin Helen Mirren.

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Ein Theaterkurs in Pandemiezeiten?

Seit mehreren Spielzeiten treffen sich Theaterfans, die einmal hinter die Kulissen des Saarländischen Staatstheaters schauen möchten, zum Volkshochschulkurs »Theater kennt keine Grenzen«. In »normalen Zeiten« führen wir Gespräche mit Künstler*innen, besuchen Proben oder die Theater-Werkstätten, wie etwa die Abteilung Maske oder Kostüm. Doch in diesem Wintersemester war der übliche Seminarplan – wie so vieles anderes im Kultursektor – nicht möglich. Da das Theater für Publikumsverkehr geschlossen war, musste der Kurs teilweise in die Räume der Volkshochschule umziehen und fand ab Mitte Dezember dann digital statt. Hier einige Eindrücke der Kursteilnehmer*innen:  

Auch im Online Format kann man beim Diskutieren über Theater viel Spaß haben.
Benjamin Jupé zu Gast im Kurs.

»Der Kurs ist Corona bedingt in drei Intervallen verlaufen, wobei die erste Zeit dem entsprach, was ich mir als Kursteilnehmer vor allem erhoffte, nämlich der Besuch von Proben und deren Besprechung. So durften wir z.B. einer Probe des Singspiels >Im weißen Rössl< beiwohnen, dessen Aufführung bisher noch nicht stattgefunden hat. Aber schon die Ballett-Probe zur >Winterreise<, die ich sehr gerne gesehen hätte, ist uns verwehrt worden. Wir haben dann in VHS-Räumen Schauspieler (L. Trapp, R. Widra und M. Wischniowski) und Musiker (den Cellisten Benjamin Jupé und den Paukisten Martin Hennecke) näher kennen gelernt, wobei ich es immer spannend finde, deren Biographien zu erfahren. Sehr gut gefallen hat mir dabei, dass alle am Ende der Stunde ein Stück ihrer Wahl vortrugen bzw. vorspielten. Im dritten Intervall haben wir per Videokonferenz ein Tanztheater- und ein Theaterstück angesehen. Allerdings ist mir dabei klar geworden, dass Theaterstücke per Streaming anders wirken, weniger berühren, als in realen Situationen. Es fällt geradezu schwer, sich auf die zweidimensionalen Formate einzulassen. Sehr interessant fand ich im Anschluss daran, von welchen Annahmen man bei der Herstellung der Trailer ausgeht, die für das Staatstheater angefertigt werden, sowie die Vorgehensweise in der Schreibwerkstatt der Sparte 4, wobei ich gespannt bin, wie das daraus entstandene Stück >Das Fenster< in seiner Endfassung aussehen wird. Vielen Dank, dass in dieser >kulturlosen< Zeit noch solche Kurse stattfinden.« Klaus Fuhs

Konzertgenuss am Kaffeeautomat.

»Wie wahrscheinlich viele Menschen zu Corona-Zeiten musste auch ich mich an einen Theaterkurs im Home-Office erst gewöhnen. Die Vorteile gegenüber den vorhergehenden Präsenzterminen waren der Wegfall der Maskenpflicht, dadurch konnte man die Gesichter der Kursteilnehmer wieder in Gänze wahrnehmen, und die Verringerung des Erkältungsrisikos, da die nervigen Lüftungsintervalle entfielen. Unserer Kursleiterin Simone Kranz gelang es immer wieder interessante Gäste für die Zoom-Meetings zu gewinnen, so konnten wir einmal eine wunderbare Tanzperformance aus dem Carreau in Forbach quasi live erleben. Um uns bei Laune zu halten und zu verhindern, dass wir vergammeln, schickte Simone uns vor den Meetings Stücke, die wir lesen und Links zu Aufführungen, die wir uns anschauen sollten. Wie in jeder Klasse gab es Streber und Faulenzer! Da die Mehrzahl von uns Teilnehmern schon ein wenig in die Jahre gekommen ist und wir dementsprechend nicht übermäßig digitalaffin sind, hatte Simone es oft schwer die Diskussion via Zoom in Gang zu bringen, aber wir waren stets aufmerksame Zuhörer.« Alfred Ströher

»Wie sehr mir das Theater fehlt, habe ich schon während unserer Treffen in den VHS-Räumen bemerkt. Der virtuelle Kurs hat dieses Gefühl noch verstärkt, obwohl auch online der Kurs auf fabelhafte Art und Weise geleitet wurde. Wir haben uns durchaus mit interessanten Themen befasst. Ich fand die Tanz-Aufführung im Carreau ausgezeichnet  ̶  sie war ja auch thematisch nah dran an der allgemeinen Lockdown-Situation  ̶  , habe mich auch gerne mit Max Frisch befasst. Es war sehr interessant, zunächst den Text zu lesen und dann dessen Umsetzung auf der Bühne zu sehen. Aber gerade bei dieser Performance war mir besonders deutlich, in welch hohem Maße das reale Erlebnis im Theater zählt, wo alle Sinne angesprochen werden können. Und so empfinde ich einen virtuellen Kurs mangels Alternative schließlich als bereichernd, die Kommunikation über Video allerdings auch als anstrengend.« Margit Hoffmann

Kurslektüre: »Der Mensch erscheint im Holozän«. Die Dramatisierung des Schauspielhauses Zürich wurde zum Berliner Theatertreffen 2020 eingeladen und im Kurs besprochen.

Als »Kurs-Neuling« hatte ich natürlich gehofft, mehr Spielstätten und Theaterproben zu besuchen, aber……. Ich fand die Live-Treffen mit den Musikern und Schauspieler(in) trotz Masken sehr interessant – nicht nur ihre Darbietungen, auch ihre Lebensläufe und internen Berichte aus dem Schauspieler(in) – und Theaterleben. Trotzdem sind die Zoom-Schaltungen auch anstrengend. Man starrt 90 Minuten auf das Monitor-Rechteck, in dem optisch ja nicht so viel passiert. Auch waren die Gespräche bei den Treffen in den VHS-Räumen lebhafter. Es besteht also nur die Hoffnung, dass sich für den nächsten VHS-Kurs alles normalisiert.« Jens Merkle

»Ich fand es schön, dass wir unseren Theaterkurs auf diese Art trotz Lockdown fortsetzen konnten, trotzdem wünsche ich mir sehr, dass wir in Zukunft wieder >live< dabei sein können! Als Neue im Kurs hatte ich mich besonders darauf gefreut, Theaterluft im Theater schnuppern zu dürfen und Einblicke zu bekommen, wie ein Stück sich entwickelt.
Bei unseren Zoomkonferenzen war für mich besonders der Abend interessant, an dem wir ein Tanzstück live im Carreau verfolgen konnten  ̶  mit vorherigem Gespräch mit Juliette Ronceray vom Le Carreau und anschließendem Gespräch im Kurs über unsere Eindrücke. Sehr spannend war es auch, sich die ganz besondere Aufführung von >Der Mensch erscheint im Holozän< von Max Frisch aus dem Züricher Schauspielhaus anzusehen. Die Vorbereitung durch die Lektüre, das Sprechen über den Text und über unsere Eindrücke von der Aufführung haben dafür gesorgt, dass ich mich nachhaltig mit Text und Interpretation auseinandergesetzt habe!« Barbara Merkle

Was mich bei unseren Treffen beeindruckt und auch fasziniert hat, sind   

  • Die »Theaterleute« von einer oft sehr privaten Seite erleben zu dürfen. Mir gefällt diese offene, erfrischende Art und Ehrlichkeit. Herrlich normal!
  • Das Beseeltsein und den Enthusiasmus zu erfahren.  
  • Der Blick »hinter die Kulissen«. Die Entstehung eines Stückes bis zur Aufführung, die vielen Puzzlesteinchen, die sich finden und zusammengefügt werden. Sigrun Salgert

Simone Kranz,
Schauspieldramaturgin

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»Fair is foul, and foul is fair«

Die Rauhnächte am Staatstheater – Hexen in »Macbeth Underworld«.

Die sogenannten Rauhnächte sind die Nächte zwischen den Zeiten, also die Nächte vom 21. Dezember bis zum Dreikönigstag. Zeit und Raum existieren nicht. In dieser Zeit sieht man, was verheimlicht wurde, was böse und hinterhältig war und anderen geschadet hatte. Die Tore in die Unterwelt stehen in jenen Nächten offen. Aus dem Schattenreich zeigen sich unerlöste Seelen, teils blutüberströmt irren sie umher, um Erlösung zu finden. Hexen reiten durch die Nacht, sie kündigen verschlüsselte Wahrheiten an.

Man kann fast sagen, die Rauhnächte werden derzeit am Staatstheater leibhaftig zelebriert. Auf der Probebühne treiben die Weird-Sisters in Dusapins Oper »Macbeth Underworld« ihr Unwesen.

Schon bei der Übersetzung hatte ich Schwierigkeiten: »Zauberschwester«, »Unheimliche Schwestern«, »Seltsame Schwestern«, »Eigensinnige Schwestern«? Nun, es sind die Hexen aus William Shakespeares »Macbeth«, dem Drama, dessen titeltragender Name in englischen Theaterkreisen nicht ausgesprochen werden darf, weil ein rätselhafter Fluch auf dem »Schottischen Stück« lastet. Großes Unglück, Bühnenunfälle und ja, auch Pandemien sollen bei Nennung des Werkes ausbrechen. Nun, dieses Stück trägt ganz gewiss keine Schuld an der derzeitigen Weltsituation.

Frankreichs wahrscheinlich bekanntester zeitgenössischer Komponist, Pascal Dusapin, und sein kongenialer Librettist Frèdéric Boyer haben es als Vorlage für ihre Oper »Macbeth Underworld« ausgewählt und eine Spiegelgeschichte geschrieben.

Das sich liebende Paar Macbeth und seine Lady sind in der Unterwelt gestrandet, vor der Pforte zur Hölle. Sie sind gezwungen, ihre Untaten wieder und wieder zu wiederholen und können dieser Zeitschleife nicht entrinnen. Und die Hexen, sich als Ungeziefer durch den Seelenmüll der beiden wühlend, weben die Schicksalsfäden.

Nichts vermochte den mutigen Krieger Macbeth im realen Leben zu erschrecken, aber die Mächte, die offenbar aus einer anderen Welt kommen, jagen ihm Furcht ein. Nostalgisch blickt er auf die heidnische Vergangenheit zurück, in der der Mensch, einmal tot, den Anstand besaß, tot zu bleiben – von wegen Auferstehung, von wegen Christentum.

Shakespeare wollte mit seinem »Macbeth« König James I. als Dank für die Ehrung seiner Theatertruppe mit dem Titel »The King’s Men« ein besonders für den König zugeschnittenes Stück zukommen lassen, so hat er die Bedeutung der Hexen gegenüber der Vorlage des Chronisten Raphael Holinshed noch forciert.

James I. war nämlich sehr empfänglich für Okkultismus und hatte sogar 1597 ein Buch »Dämonologie« veröffentlicht. Ihn muss die Uraufführung von »Macbeth«, vermutlich im August 1606 in Hampton Court, sehr gefallen haben.

Hoffentlich kommen wir wohlbehalten durch die Rauhnächte und können unser Publikum mit der Deutschen Erstaufführung von »Macbeth Underworld« auch begeistern. Regisseur Lorenzo Fioroni, das Saarbrücker Publikum hat bestimmt seine grandiose Inszenierung von Martins »der Sturm« – auch nach Shakespeare – noch im Gedächtnis, und sein Team arbeiten mit dem Sängerensemble auch in den Rauhnächten fieberhaft daran.

Renate Liedtke,
Musikdramaturgin