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Hinter dem Vorhang Theaterblog

Ein Theaterkurs in Pandemiezeiten?

Seit mehreren Spielzeiten treffen sich Theaterfans, die einmal hinter die Kulissen des Saarländischen Staatstheaters schauen möchten, zum Volkshochschulkurs »Theater kennt keine Grenzen«. In »normalen Zeiten« führen wir Gespräche mit Künstler*innen, besuchen Proben oder die Theater-Werkstätten, wie etwa die Abteilung Maske oder Kostüm. Doch in diesem Wintersemester war der übliche Seminarplan – wie so vieles anderes im Kultursektor – nicht möglich. Da das Theater für Publikumsverkehr geschlossen war, musste der Kurs teilweise in die Räume der Volkshochschule umziehen und fand ab Mitte Dezember dann digital statt. Hier einige Eindrücke der Kursteilnehmer*innen:  

Auch im Online Format kann man beim Diskutieren über Theater viel Spaß haben.
Benjamin Jupé zu Gast im Kurs.

»Der Kurs ist Corona bedingt in drei Intervallen verlaufen, wobei die erste Zeit dem entsprach, was ich mir als Kursteilnehmer vor allem erhoffte, nämlich der Besuch von Proben und deren Besprechung. So durften wir z.B. einer Probe des Singspiels >Im weißen Rössl< beiwohnen, dessen Aufführung bisher noch nicht stattgefunden hat. Aber schon die Ballett-Probe zur >Winterreise<, die ich sehr gerne gesehen hätte, ist uns verwehrt worden. Wir haben dann in VHS-Räumen Schauspieler (L. Trapp, R. Widra und M. Wischniowski) und Musiker (den Cellisten Benjamin Jupé und den Paukisten Martin Hennecke) näher kennen gelernt, wobei ich es immer spannend finde, deren Biographien zu erfahren. Sehr gut gefallen hat mir dabei, dass alle am Ende der Stunde ein Stück ihrer Wahl vortrugen bzw. vorspielten. Im dritten Intervall haben wir per Videokonferenz ein Tanztheater- und ein Theaterstück angesehen. Allerdings ist mir dabei klar geworden, dass Theaterstücke per Streaming anders wirken, weniger berühren, als in realen Situationen. Es fällt geradezu schwer, sich auf die zweidimensionalen Formate einzulassen. Sehr interessant fand ich im Anschluss daran, von welchen Annahmen man bei der Herstellung der Trailer ausgeht, die für das Staatstheater angefertigt werden, sowie die Vorgehensweise in der Schreibwerkstatt der Sparte 4, wobei ich gespannt bin, wie das daraus entstandene Stück >Das Fenster< in seiner Endfassung aussehen wird. Vielen Dank, dass in dieser >kulturlosen< Zeit noch solche Kurse stattfinden.« Klaus Fuhs

Konzertgenuss am Kaffeeautomat.

»Wie wahrscheinlich viele Menschen zu Corona-Zeiten musste auch ich mich an einen Theaterkurs im Home-Office erst gewöhnen. Die Vorteile gegenüber den vorhergehenden Präsenzterminen waren der Wegfall der Maskenpflicht, dadurch konnte man die Gesichter der Kursteilnehmer wieder in Gänze wahrnehmen, und die Verringerung des Erkältungsrisikos, da die nervigen Lüftungsintervalle entfielen. Unserer Kursleiterin Simone Kranz gelang es immer wieder interessante Gäste für die Zoom-Meetings zu gewinnen, so konnten wir einmal eine wunderbare Tanzperformance aus dem Carreau in Forbach quasi live erleben. Um uns bei Laune zu halten und zu verhindern, dass wir vergammeln, schickte Simone uns vor den Meetings Stücke, die wir lesen und Links zu Aufführungen, die wir uns anschauen sollten. Wie in jeder Klasse gab es Streber und Faulenzer! Da die Mehrzahl von uns Teilnehmern schon ein wenig in die Jahre gekommen ist und wir dementsprechend nicht übermäßig digitalaffin sind, hatte Simone es oft schwer die Diskussion via Zoom in Gang zu bringen, aber wir waren stets aufmerksame Zuhörer.« Alfred Ströher

»Wie sehr mir das Theater fehlt, habe ich schon während unserer Treffen in den VHS-Räumen bemerkt. Der virtuelle Kurs hat dieses Gefühl noch verstärkt, obwohl auch online der Kurs auf fabelhafte Art und Weise geleitet wurde. Wir haben uns durchaus mit interessanten Themen befasst. Ich fand die Tanz-Aufführung im Carreau ausgezeichnet  ̶  sie war ja auch thematisch nah dran an der allgemeinen Lockdown-Situation  ̶  , habe mich auch gerne mit Max Frisch befasst. Es war sehr interessant, zunächst den Text zu lesen und dann dessen Umsetzung auf der Bühne zu sehen. Aber gerade bei dieser Performance war mir besonders deutlich, in welch hohem Maße das reale Erlebnis im Theater zählt, wo alle Sinne angesprochen werden können. Und so empfinde ich einen virtuellen Kurs mangels Alternative schließlich als bereichernd, die Kommunikation über Video allerdings auch als anstrengend.« Margit Hoffmann

Kurslektüre: »Der Mensch erscheint im Holozän«. Die Dramatisierung des Schauspielhauses Zürich wurde zum Berliner Theatertreffen 2020 eingeladen und im Kurs besprochen.

Als »Kurs-Neuling« hatte ich natürlich gehofft, mehr Spielstätten und Theaterproben zu besuchen, aber……. Ich fand die Live-Treffen mit den Musikern und Schauspieler(in) trotz Masken sehr interessant – nicht nur ihre Darbietungen, auch ihre Lebensläufe und internen Berichte aus dem Schauspieler(in) – und Theaterleben. Trotzdem sind die Zoom-Schaltungen auch anstrengend. Man starrt 90 Minuten auf das Monitor-Rechteck, in dem optisch ja nicht so viel passiert. Auch waren die Gespräche bei den Treffen in den VHS-Räumen lebhafter. Es besteht also nur die Hoffnung, dass sich für den nächsten VHS-Kurs alles normalisiert.« Jens Merkle

»Ich fand es schön, dass wir unseren Theaterkurs auf diese Art trotz Lockdown fortsetzen konnten, trotzdem wünsche ich mir sehr, dass wir in Zukunft wieder >live< dabei sein können! Als Neue im Kurs hatte ich mich besonders darauf gefreut, Theaterluft im Theater schnuppern zu dürfen und Einblicke zu bekommen, wie ein Stück sich entwickelt.
Bei unseren Zoomkonferenzen war für mich besonders der Abend interessant, an dem wir ein Tanzstück live im Carreau verfolgen konnten  ̶  mit vorherigem Gespräch mit Juliette Ronceray vom Le Carreau und anschließendem Gespräch im Kurs über unsere Eindrücke. Sehr spannend war es auch, sich die ganz besondere Aufführung von >Der Mensch erscheint im Holozän< von Max Frisch aus dem Züricher Schauspielhaus anzusehen. Die Vorbereitung durch die Lektüre, das Sprechen über den Text und über unsere Eindrücke von der Aufführung haben dafür gesorgt, dass ich mich nachhaltig mit Text und Interpretation auseinandergesetzt habe!« Barbara Merkle

Was mich bei unseren Treffen beeindruckt und auch fasziniert hat, sind   

  • Die »Theaterleute« von einer oft sehr privaten Seite erleben zu dürfen. Mir gefällt diese offene, erfrischende Art und Ehrlichkeit. Herrlich normal!
  • Das Beseeltsein und den Enthusiasmus zu erfahren.  
  • Der Blick »hinter die Kulissen«. Die Entstehung eines Stückes bis zur Aufführung, die vielen Puzzlesteinchen, die sich finden und zusammengefügt werden. Sigrun Salgert

Simone Kranz,
Schauspieldramaturgin

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Der Dramaturgieschreibtisch

DiG IT ALL – Gekommen um zu bleiben

Ein Erfahrungsbericht vom ersten Teil der Dramaturgischen Jahreskonferenz 2021 DIG IT ALL #1 LET`S MEET.

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich gehöre zur Generation der sognannten »digital immigrants« (digitalen Einwanderern), also den Menschen, die sich noch an ein Erwachsenen-Leben ohne Internet erinnern können. Um so interessanter und spannender war für mich das Thema der diesjährigen vierteiligen Dramaturgischen Konferenz: »Dig it all«, bei der es um das Verhältnis von Digitalität und Darstellenden Künsten gehen sollte. Obwohl der Konferenzschwerpunkt schon vor zwei Jahren mit der Dortmunder »Akademie für Theater und Digitalität«, dem Gastgeber der Konferenz, entwickelt wurde, erhielt das Thema durch die Corona bedingte Verlagerung vieler Theaterformate ins Internet eine besondere Brisanz. Wie Judith Ackermann es in ihrem Eröffnungsvortrag ausdrückte wurden die Theater »zwangs digitalisiert«, indem sie bei geschlossenen Zuschauerräumen versuchten, Vorstellungen und andere Formate digital anzubieten.

Da passte es gut, dass der erste Teil der Konferenz am 23. und 24. Januar dann auch gleich komplett im digitalen Raum stattfand. Auch wenn man sich ja als Teil der im Homeoffice arbeitenden Bevölkerung inzwischen an digitale Konferenzen gewöhnt hat, war das Format von »DIG IT ALL #1 LET`S MEET«,  für mich neu: Die Jahreskonferenz fand nämlich komplett im virtuellen Raum auf der 3D-Social-Media-Plattform »Mozilla Hubs« statt. Konkret bedeutete das, dass man sich, um sich an den Vorträgen, Tischgesprächen und Artist Talks der Konferenz beteiligen zu können, erstmal einen Avatar als virtuellen Repräsentanten generieren musste.

Meeting der Avatare: Der Vorstand der Dramaturgischen Konferenz trifft sich mit Vertretern der Akademie.

Mit Hilfe eines im Generierungsprogramm aufgenommenen Fotos, sollte der Avatar einem ähneln, um auch für andere Konferenzteilnehmer optisch erkennbar zu sein. Doch zu meinem großen Erstaunen war der mit meinem Foto generierte Avatar dann ein 16-jähriges Mädchen im Ringelpulli, das meinem tatsächlichen Erscheinungsbild wenig entsprach. Und auch die anderen Konferenzteilnehmer*innen erschienen als Avatare wundersam verjüngt. In der virtuellen Welt scheint es weder Alter noch Vergänglichkeit zu geben.

Meinen jugendlichen Avatar konnte ich dann durch die vom Künstlerduo »minuseins«, (Nils Corte & Roman Senkl) nachgebauten, virtuellen Arbeitsräumen der Akademie in Dortmund manövrieren. Dort präsentierten die an der Akademie forschenden Künstler ihre Arbeiten in einzelnen virtuellen Räumen und standen zum anschließenden Gespräch zur Verfügung. (Siehe auch https://dramaturgische-gesellschaft.de ).

Diese Gespräche, als auch die Keynotes der Wissenschaftlerinnen Judith Ackermann und Manuela Naveau wurden gleichzeitig auf twitch.tv übertragen, d.h. es richteten sich, hatte man einmal das Wort ergriffen, kleine insektenartige, blinkende Kamera-Wesen auf das eigene avatarische Haupt. Überhaupt war das Erlebnis, nicht kontrollieren zu können, wer einem gerade zuhörte und was mit den aufgezeichneten Daten alles veranstaltet werden könnte, gespenstisch.  

Der zweite Konferenztag bot mit 14 Tischgesprächen mit Expert*innen zu Theater und Digitalität Raum für Reflektion und Wissenstransfer. Mich interessierte dabei besonders die neu gegründete Plattform Spectyou (https://www.spectyou.com/de/), auf der man Theateraufführungen hochladen und ansehen kann. Neu war mir auch das Berufsfeld der Digital-Dramaturgin, wie es Tina Lorenz, die »Projektleiterin für digitale Entwicklung am Staatstheater Augsburg«, präsentierte. Beim dortigen Theater kann man sich u.a. als Zuschauer VR-Brillen nach Hause schicken lassen und damit Vorstellungen des Theaters, die die Möglichkeiten der Virtuell Reality nutzen, ansehen. Sicherlich auch ein ungewöhnlicher Ansatz mit interessanten Möglichkeiten.  

Dem ersten Teil der digitalen Konferenz werden zwei weitere folgen, die sich u.a. mit narrativen Strukturen von Games (in Kooperation mit dem Studiengang Spiel & Objekt der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin), mit dem utopischen Potential des digitalen Raums und der Notwendigkeit einer digitalen Ethik auseinandersetzen wollen. Und ja: ab Sommer soll all das auch wieder »leibhaft« vor Ort in Dortmund stattfinden. – Hoffen wir das Beste!

Mehr Material zur Dramaturgischen Konferenz, sowie die Key Notes zur Eröffnung von Judith Ackermann kann man unter https://dramaturgische-gesellschaft.de/finden.

Simone Kranz,
Schauspieldramaturgin

Ausschnitt einer Arbeit von Lukas Rehm.