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Der Dramaturgieschreibtisch

Täglich grüßt die Menschheitsgeschichte

Die virale Krone als Teil davon begreifen und das Unerwartete erwarten.

Eine Text, der in der sparte4-Notfrequenz läuft: https://www.staatstheater.saarland/sparte4/konzertsaison/detail/die-sparte4-notfrequenz

Es war einmal das Leben.
St. Martin.
Yakari.
Jim Knopf.
Lucky Luke.
Igraine Ohnefurcht.
Der kleine Maulwurf als Astronaut.
Kleine Raupe Nimmersatt.
Vicky der Wikinger
Drache Kokosnuss bei den Mayas.
Pippi Langstrumpf.
Pumuckl.
Daffwejder.

Seit etwa einem Jahr werde ich zur Menschheitsgeschichte befragt. Wie die Römer auf die Idee gekommen sind Straßen zu bauen? Wo Walhalla liegt? Ob sich Astronauten manchmal einsam fühlen? Warum Menschen kein Geld haben und ob es überhaupt wichtig ist? Auch zum Körper. Zum Leben und zum Tod.

Mein Sohn ist 7 und saugt die Welt mit einer Selbstverständlichkeit auf; ungefiltert und blank, wie sie sich ihm eben auftut. In den meisten Situationen ist die sich daraus ergebende Erkenntnis für mich verblüffend schön: es mangelt nicht an Antworten oder neuen Fragen rund um die sich ihm auftuenden Phänomene. Doch seit der Heimsuchung durch das Virus mit Krone schmerzt die sachliche Nüchternheit, mit der ich nun antworte – es sind Erklärungen der Jetztzeit, schützende, manchmal auch angsteinflößende. Und kein Held oder Heldin dahinter, keine große Nation wie die Römer, kein fleischfressender Oschidino wie der T-Rex, keine hochstapelnde Pippi. Dafür – und das mit ganzem Einsatz – natürlich die systemrelevanten Berufen, die er nun also auch schon kennt. (Mama gehört nicht dazu.)

Erklärungsklassiker, täglicher: Nicht popeln, weil er sich damit das Virus in den Mund schiebt. »Kann ich das auch bekommen?« – Ja. »Und ist das schlimm?« – Weiß ich nicht, das kommt auf den Verlauf an. – »Was heißt `Verlauf´?« Wie sich die Krankheit entwickelt. Außerdem kannst du es so auch an andere weitergeb- … – Kopfkino stopp. Gut, das ist die Angstschiene.

Aber es gibt auch den Entschleunigungsaspekt, den dieses Virus über uns bringt und den bekam mein Sohn sehr wohl mit. »Es ist gerade so schön ruhig und Schule mit euch ist toll.«, sagte er in seinem Wohlfühlton und meint vermutlich Toll, wieviel Zeit wir zusammen verbringen. Nebst dem Schreibtisch und seiner neuen Peer-Group 40+ (also uns) wurden der Wald und der Innenhof, sein Zuhause, seine Entdeckungsräume. War es denn nur schlecht, dass die allgemeine Geschwindigkeit, die sich exponentiell zu entwickeln schien und ein irres Erlebnis-Tempo vorgegeben hat – nicht zuletzt durch wegfallenden oder zumindest minimierten Konsum und minimierte, konzentrierte Kommunikation – nachließ, dass sich Erfahrungsfelder im Lokalen aufgetan haben, dass Körper, Bewegung, Berührung als Sinnesfelder (und nicht als Kult-, Mode- und Vermarktungs-Felder), ja, scheinbar entdeckt wurden?

Hier schlägt ein Gedanke an, den der Philosoph Byung-Chul Han so treffend runterbricht, wenn er beschreibt, dass »die heutige Hyperkommunikation die Freiräume des Schweigens und der Einsamkeit [unterdrückt], in denen es erst möglich wäre, Dinge zu sagen, die es wirklich verdienen, gesagt zu werden. Sie unterdrückt Sprache, zu der wesentlich das Schweigen gehört.« Der Preis dieser Entdeckungen war und bleibt freilich hoch: die jetzige Ausstoppung kam ungefragt und war fern davon selbst entschieden worden zu sein.

Klare Schlussfolgerung: Utopien müssen her.

Meine Rede. (Und Theater vertritt diese Forderung auch stetig und ständig.) Der Kulturwissenschaftler Jörg Metelmann schreibt in seinem zusammen mit Soziologe Harald Welzer herausgegebenem Buch Imagineering. Wie Zukunft gemacht wird:

»Wir genießen heute einen zivilisatorischen Standard in Sachen Freiheit, Sicherheit, Gesundheit und Wohlstand, der historisch unvergleichlich ist. Aber der materielle Stoffwechsel, auf dem dieser Fortschritt beruht, ist im 21. Jahrhundert nicht fortsetzbar.«

Er fordert ein Neudenken ein – den utopischen Realismus. Der Co-Herausgeber und Soziologe Welzer selbst versucht mit Initiativen wie futurzwei seit mindestens einem Jahrzehnt das Storytelling unserer Lebenswirklichkeit zu ändern: gemeint sind damit zukunftsweisende Geschichten für eine zukunftsträchtige Zukunft, statt Zukunftsmärchen vom ewigen Wachstum und daran geknüpften Wohlstand, die einen Großteil der Menschheit ausschließen und den planetaren Bankrott ignorieren.

Die Menschheitsgeschichte kam bei P wie Pandemie an, aber es bei diesem Story-Ausgang zu belassen, das verweigert nicht nur mein Sohn, das verweigere auch ich. Die Welt, die Zeit in pre und post aufzuteilen, ist mir schlichtweg zu viel verschenkter Fokus an ein Virus. Lieber will ich lernen und nach neuen Held*innen und neuen Geschichten Ausschau halten.

Auf was also kann mein Blick durch diese pandemische Ausnahmeerfahrung gelenkt werden und an was hält er, der Pandemie zum Trotz, fest?

Aus der praktischen »Menschheitsheld*Innenforschung« als Mama weiß ich, dass St. Martin nur derartig erfolgreich Nächstenliebe betreiben konnte, weil er eine ausgewogene Work-Life-Balance praktizierte und Jim Knopf die eine berühmte Reise mit Lukas dem Lokomotivführer unternehmen konnte, weil er keinem Leistungs- oder medialen Entdeckungsdruck ausgesetzt war und auch der kleine Maulwurf entdeckte pro Tag vor allem eine großartige Sache. Ein Akt bedeutete einmal alles.

Aufmerksamkeitsstreuung bedeutete nicht Spektrum, sondern war eine zersetzende Kraft. Doch vielleicht geht es nicht um ausgewogenes oder selektives Tun und Erleben, nicht um Erleben überhaupt, sondern um viel weitreichendere Sinnesöffnung: darum, das Unerwartete zu erwarten. Oder das Unerwartete zu erwarten. Fast auch zu suchen.

Was steckt nicht alles im Alltäglichen, in einem selbst, in den Möglichkeiten von Welt und Welterleben, das wir nicht kennen, weil wir es noch nie gedacht, also gedanklich zugelassen haben?

Ich mache meine Sinne, auch wenn sie von pandemischen Anforderungen ermüdet sind, also auf. Horche in den unentschlossen stillen Stadtdschungel.
Horche in ein gespenstisch leeres Theater.
Und warte angespannt und doch belustigt auf die neuen Geschichten, die man sich (und dort) erzählen wird.
Vom Leben mit dem Virus. Das ein gutes, weil erlebnisreiches, werden kann.
Das neben der sozialen auch die nicht zu planende Dimension unseres Sein wiederentdeckt.

Mein Sohn zuckt ob derlei Tiefgang gekonnt mit den Schultern: ist nicht ständig alles anders?
Selbsterfundene, verlebendigte Menschheitsgeschichte eben.

Programmtipps dazu:

Nachdenken über einen spielerischen Ansatz mit Wirklichkeit:
PUCK TRÄUMT EINE SOMMERNACHT
Stückentwicklung von Alice Buddeberg und Ensemble
Nach der Komödie »Ein Sommernachtstraum« von William Shakespeare
In der bearbeiteten Übersetzung von Rebekka Kricheldorf

Nachdenken übers Außen und Erlebensängste:
DAS FENSTER. EINE SCHAUERGESCHICHTE FÜR DIE LETZTEN GENERATIONEN
Eine Stückentwicklung von Mandy Thiery und Thorsten Köhler nach Motiven von J. M. Barrie

Nachdenken über entmenschlichte Systeme:
EINE KURZE CHRONIK DES ZUKÜNFTIGEN CHINAS
Schauspiel von Pat To Yan
Europäische Erstaufführung

Nachdenken über Materialismus:
DER GEIZIGE
Komödie von Jean-Baptiste Molière

Nachdenken über die Zustimmungskultur:
Byung-Chul Han: Die Austreibung des Anderen. Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute. Frankfurt a.M. 2016

Nachdenken über das Erfinden möglicher Zukünfte:
Jörg Metelmann und Harald Welzer: Imagineering. Wie Zukunft gemacht wird. Frankfurt a.M. 2020

Bettina Schuster-Gäb,
Schauspieldramaturgin

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Hinter dem Vorhang Theaterblog

NORA_SPIELEN!

Theater in Zeiten von Corona

Als am 13. März 2020 der Spiel- und kurz darauf auch der Probenbetrieb am Saarländischen Staatstheater wegen der Corona-Pandemie eingestellt werden musste, hatte das Team schon vier Wochen an Ibsens »Nora oder Ein Puppenhaus« gearbeitet. Das Bühnenbild war fertig und die Kostüme zugeschnitten. Die Proben liefen vielversprechend und alle waren höchst motiviert. Am 4. April sollte Premiere sein. Doch dazu kam es nicht mehr. Was tun?

Die Alte Feuerwache mit dem Bühnenbild von Carolin Mittler.

Alles verschrotten? Die Arbeit aufgeben? Die Regisseurin, die Ausstatterin, die Musikerin sang- und klanglos nach Hause schicken? Die Schauspielerinnen und Schauspieler auf die schon geplanten neuen Stücke der kommenden Spielzeit vertrösten? Nein! So wollten wir nicht mit der geleisteten Arbeit umgehen.

Doch wie könnte man das schon Entstandene, Diskutierte und An-Geprobte in die neue Spielzeit retten? Könnte das Team für einen neuen Zeitraum verpflichtet werden? Wie sah es mit ihren weiteren Engagements aus? Wir telefonierten, planten, tagten und legten einen neuen Probenzeitraum sowie einen neuen Premierentermin fest. Am 5. September könnte man die neue Spielzeit mit »Nora« in der Alten Feuerwache eröffnen! Doch wie sähe diese Arbeit aus? Hatte sich nicht alles verändert?

Die Regisseurin Schirin Khodadadian und Christiane Motter (Nora) auf der Probe.

Erneut diskutierte ich mit Schirin Khodadadian, der Regisseurin, über den Text. – Las sich nicht mit den Erfahrungen von Corona, der Lockdown-Zwangspause, der Lähmung und dem nicht mehr Spielen-Können alles anders? Bekannte und auf den Proben oft gehörte Sätze standen auf einmal in einem anderen Kontext, lösten andere Fragen und Assoziationen aus. Einige Stellen unserer Textfassung verloren an Bedeutung, andere bekamen scheinbar eine neue Dringlichkeit oder Dramatik.

»Eine Tochter soll ihren alten, todkranken Vater nicht schonen dürfen? Eine Frau soll ihrem Mann nicht das Leben retten dürfen?« Oder: »Dieser Dunstkreis von Unaufrichtigkeit vergiftet ein Zuhause. Jeder Atemzug, den die Kinder in so einem Haus tun, ist voller gefährlicher Keime.«

Aber vor allem die Frage: Wie spielt man Theater in Zeiten von Corona? Wie können wir proben mit all den neuen Sicherheitsbestimmungen und Distanzregeln? Und wie wird das Publikum die veränderte Situation und die andere Spielweise wahrnehmen?

Alle Plätze in der Alten Feuerwache haben eine Nummerierung erhalten.

Voller Fragen, aber glücklich begannen wir am Montag, den 17. August, erneut die Proben an Ibsens »Nora« und, um unseren Neustart mit all den Unsicherheiten sowie der Frage nach dem Sinn und der generellen Bedeutung – um nicht das Unwort »Systemrelevanz« zu benutzen – von Theater und Spiel zu markieren, änderten wir den Titel in »Nora_Spielen!«

Fabian Gröver (Doktor Rank), Christane Motter (Nora), Miriam Lustig (Regieassistentin), Martina Struppek (Anne-Marie, Kindermädchen) auf den Proben.

Tatsächlich ist dann auf den Proben auch alles anders geworden. Zwar steht das Bühnenbild, diese wunderbare Spiegel-Spielfläche von Carolin Mittler, wieder in der Alten Feuerwache, doch fast alle Spielrequisiten sind weggefallen. Kein Weihnachtsbaum, der geschmückt wird, keine Geschenkkartons, die ausgepackt und bespielt werden. Stattdessen landen einige Zuschauerstühle, die vom Publikum nicht besetzt werden können – auch hier gilt die Abstandregel von 1,5 Metern – auf der Bühne.

Gaby Pochert (Frau Linde) und Gregor Trakis (Advokat Helmar).

Denn, wenn alles anders ist, dann gilt es, das Andere, die »neue Realität« des Theaters zu befragen! Voller Spiel-Lust schmeißen sich die Spielerinnen und Spieler in die Proben und fragen: Wie hat sich Nora Helmars Puppen-Spiel-Welt verändert? Wie gehen ihre Figuren mit Distanz um? Was ist aus ihrer Sehnsucht nach Nähe geworden? Aber leben sie eh nicht alle in einer Scheinwelt? Spielen sie sich nicht alle etwas vor? Wollen sie nicht alle dabei sein, mitspielen und den schönen Schein wahren? Oder müssen sie mitspielen, um zu überleben? Wer ist Mit- und wer ist Gegenspieler? Jede Figur vertritt eine andere Spiel-Realität und verweist somit auf eine andere Möglichkeit des Lebens, auf ein anders Sein in diesem Ibsen-Kosmos. Doch die Rollenmuster verschieben sich.

Die brüchige Welt ist noch brüchiger geworden. Um so mehr brauchen alle den anderen, ein Gegenüber; wenn nicht als Mitspieler, dann als Zuschauer! Spätestens jetzt bekommen die Zuschauerstühle auf der Bühne eine neue, eine weitere Bedeutung. Spiel als wechselseitige Befragung und Vergewisserung des gesellschaftlichen Miteinanders und der eigenen Existenz.

Das allerdings schon vor Corona. Eine Schauspielerin oder ein Schauspieler nimmt eine Rolle an und spielt sie vor einem Publikum. Das ist die Definition des Theaters! Hier liegen der Reiz, die Lust, die Arbeit, die Erkenntnis und der Sinn.

Gregor Trakis (Advokat Helmar) und Thorsten Köhler (Rechtsanwalt Krogstadt).

Wer nicht dabei ist, hat was verpasst. Theater ist (wieder) live!

Horst Busch,
Chefdramaturg

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Hinter dem Vorhang Theaterblog

EIN ANFANG IST GEMACHT, ABER THEATER WURDE NOCH NICHT GESPIELT!

Endlich wieder auf der Bühne stehen, spielen, singen und das live vor einem Publikum.

Ein Schritt zurück zu dem, was Theater ausmacht: Sich als Mensch vor Menschen zeigen und die Vielfalt des Menschseins spielen! Nicht digital, nicht zweidimensional, sondern live, gemeinsam mit dem Publikum in einem Raum und dreidimensional. Mit allen Sinnen kommunizieren! Von der Bühne über die Rampe in den Zuschauerraum und umgekehrt.

Erst in Anwesenheit des Publikums entsteht Theater! An diesem Sonntag treffen sich im Großen Haus des Saarländischen Staatstheater eine Sopranistin, zwei Schauspielerinnen, ein Schauspieler und zu Gast ein Pianist aus der freien Szene – Valda, Verena, Laura, Raimund, Rick-Henry – und 50 Zuschauer im Parkett verteilt mit großem Abstand. Mehr dürfen den großen Saal des Staatstheaters nicht betreten. So verlangen es die aktuellen Schutzmaßnahmen.

Plakataufsteller vor dem Eingang

Das Schild »Die heutige Vorstellung ist ausverkauft« mahnt, keine weiteren Gäste ins Haus zu lassen. Das Einlasspersonal mit Mund- und Nasenschutz, den man im Rheinland humorvoll »Schnüssläppchen« nennt, empfängt jeden einzelnen Zuschauer und weist ihm seinen Sitzplatz zu. Service pur. Große Freude aber auch leichtes Befremden über die surreale Situation.

Neben der Bühne sitzt der Inspizient hinter Sicherheitsfolien an seinem Pult, dahinter der Bühnenmeister, die Bühnentechniker und die Feuerwehrfrau immer mit Sicherheitsabstand und auch hier selbstverständlich alle mit Mund- und Nasenschutz. Die Ton- und Beleuchtungstechniker sind einsatzbereit, genauso wie die Künstler*innen, die sich unter Anleitung der Maskenbildnerinnen aus Sicherheitsgründen selbst schminken mussten.

Es ist 20 Uhr. Der Inspizient Andreas Tangermann gibt die Vorbühne frei und die Vorstellung beginnt. Rick-Henry Ginkel setzt sich an den großen schwarzen Flügel und spielt mit leichten Händen eine Romanze von Jean Sibelius. Erster Applaus. Verena Bukal, die wie alle Künstlerinnen engagiert in ihrer Freizeit an der Zusammenstellung des Abends beteiligt war, tritt auf, begrüßt das Publikum und spricht von der riesigen Freude, wieder auf der Bühne stehen zu dürfen. Doch bei allen Künstlerinnen und Künstlern ist es mehr als nur große Freude. Es ist die Möglichkeit, wieder ihren Beruf, ihrer Berufung nachgehen zu können. Verena beginnt mit ihrem ersten Lied: »Guten Abend, gut‘ Nacht« danach rezitiert Raimund Widra einen ersten Brecht-Text. Es folgt Laura Trapp mit einem weiteren Song. Darin die Zeilen: »…wenn du lachst ist der Krieg vorbei / in der schwärzesten Nacht / kommt ein Licht…«

Schattenriss auf der Seitenbühne

Alle sind sehr nervös und so ziehe ich als Dramaturg des Abends dem Geschehen lauschend wie ein Tier im Käfig meine Kreise durch noch nicht abgebaute Kulissen hinter dem Eisernen Vorhang. Das jähe Ende der Spielzeit hat sie erst einmal funktionslos gemacht. Nach wie vor keine Oper, kein Schauspiel und kein Ballett. Wir spielen auf der Vor-Bühne über dem Orchestergraben. Ein richtiger Bühnenbetrieb bedeutete bei einer solchen Zuschauerbelegung einen enormen finanziellen Verlust. So sind viele Kollegen weiterhin in Kurzarbeit und warten auf ihren Einsatz.

Auto aus der Produktion »Don Carlos«

Doch Valda Wilson ist wie wir alle anderen überglücklich wieder vor Publikum spielen zu können und überrascht mit einem ungewohnten Song für eine Opernsängerin: »Coin Operated Boy«, den sie mit Ukulele selbst begleitet. Raimund Widra zeigt dazu eine Pantomime. Das zweifelhafte Glück zwischen »münzbetriebenen Mann« und begehrende Sängerin ist komisch und traurig zugleich. Menschen sollten niemals bei Maschinen Trost suchen müssen.

Wie unbezahlbar und kostbar daneben ein Leben in Gesellschaft, in gelebter menschlicher Gemeinschaft. Was ist es für ein Glück, im Theater davon wieder erzählen zu können. Für diesen Augenblick scheinen die Ängste und Entbehrungen der letzten Monate überwunden.

Und so endet nach vielen weiteren Liedern und poetischen Texten von Liebe und Tod, um den kalten, scheinbar so sachlichen Corona-Zahlen etwas entgegen zu setzen, dieser sehr persönliche, anrührende, gleichermaßen melancholische wie fröhliche Abend mit roten Rosen für Künstler und Publikum. Ein Anfang ist gemacht, wenn auch noch nicht Theater gespielt wurde.

Zugabe: Verena Bukal, Laura Trapp, Valda Wilson, Raimund Widra, Rick-Henry Ginkel

Glücklich über das Wiedersehen trifft man sich am Bühneneingang, verabredet sich auf ein Getränk in einer nahen Kneipe und redet über die Zeit und den gemeinsamen erlebten Abend.

Horst Busch,
Chefdramaturg