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Der Dramaturgieschreibtisch

Täglich grüßt die Menschheitsgeschichte

Die virale Krone als Teil davon begreifen und das Unerwartete erwarten.

Eine Text, der in der sparte4-Notfrequenz läuft: https://www.staatstheater.saarland/sparte4/konzertsaison/detail/die-sparte4-notfrequenz

Es war einmal das Leben.
St. Martin.
Yakari.
Jim Knopf.
Lucky Luke.
Igraine Ohnefurcht.
Der kleine Maulwurf als Astronaut.
Kleine Raupe Nimmersatt.
Vicky der Wikinger
Drache Kokosnuss bei den Mayas.
Pippi Langstrumpf.
Pumuckl.
Daffwejder.

Seit etwa einem Jahr werde ich zur Menschheitsgeschichte befragt. Wie die Römer auf die Idee gekommen sind Straßen zu bauen? Wo Walhalla liegt? Ob sich Astronauten manchmal einsam fühlen? Warum Menschen kein Geld haben und ob es überhaupt wichtig ist? Auch zum Körper. Zum Leben und zum Tod.

Mein Sohn ist 7 und saugt die Welt mit einer Selbstverständlichkeit auf; ungefiltert und blank, wie sie sich ihm eben auftut. In den meisten Situationen ist die sich daraus ergebende Erkenntnis für mich verblüffend schön: es mangelt nicht an Antworten oder neuen Fragen rund um die sich ihm auftuenden Phänomene. Doch seit der Heimsuchung durch das Virus mit Krone schmerzt die sachliche Nüchternheit, mit der ich nun antworte – es sind Erklärungen der Jetztzeit, schützende, manchmal auch angsteinflößende. Und kein Held oder Heldin dahinter, keine große Nation wie die Römer, kein fleischfressender Oschidino wie der T-Rex, keine hochstapelnde Pippi. Dafür – und das mit ganzem Einsatz – natürlich die systemrelevanten Berufen, die er nun also auch schon kennt. (Mama gehört nicht dazu.)

Erklärungsklassiker, täglicher: Nicht popeln, weil er sich damit das Virus in den Mund schiebt. »Kann ich das auch bekommen?« – Ja. »Und ist das schlimm?« – Weiß ich nicht, das kommt auf den Verlauf an. – »Was heißt `Verlauf´?« Wie sich die Krankheit entwickelt. Außerdem kannst du es so auch an andere weitergeb- … – Kopfkino stopp. Gut, das ist die Angstschiene.

Aber es gibt auch den Entschleunigungsaspekt, den dieses Virus über uns bringt und den bekam mein Sohn sehr wohl mit. »Es ist gerade so schön ruhig und Schule mit euch ist toll.«, sagte er in seinem Wohlfühlton und meint vermutlich Toll, wieviel Zeit wir zusammen verbringen. Nebst dem Schreibtisch und seiner neuen Peer-Group 40+ (also uns) wurden der Wald und der Innenhof, sein Zuhause, seine Entdeckungsräume. War es denn nur schlecht, dass die allgemeine Geschwindigkeit, die sich exponentiell zu entwickeln schien und ein irres Erlebnis-Tempo vorgegeben hat – nicht zuletzt durch wegfallenden oder zumindest minimierten Konsum und minimierte, konzentrierte Kommunikation – nachließ, dass sich Erfahrungsfelder im Lokalen aufgetan haben, dass Körper, Bewegung, Berührung als Sinnesfelder (und nicht als Kult-, Mode- und Vermarktungs-Felder), ja, scheinbar entdeckt wurden?

Hier schlägt ein Gedanke an, den der Philosoph Byung-Chul Han so treffend runterbricht, wenn er beschreibt, dass »die heutige Hyperkommunikation die Freiräume des Schweigens und der Einsamkeit [unterdrückt], in denen es erst möglich wäre, Dinge zu sagen, die es wirklich verdienen, gesagt zu werden. Sie unterdrückt Sprache, zu der wesentlich das Schweigen gehört.« Der Preis dieser Entdeckungen war und bleibt freilich hoch: die jetzige Ausstoppung kam ungefragt und war fern davon selbst entschieden worden zu sein.

Klare Schlussfolgerung: Utopien müssen her.

Meine Rede. (Und Theater vertritt diese Forderung auch stetig und ständig.) Der Kulturwissenschaftler Jörg Metelmann schreibt in seinem zusammen mit Soziologe Harald Welzer herausgegebenem Buch Imagineering. Wie Zukunft gemacht wird:

»Wir genießen heute einen zivilisatorischen Standard in Sachen Freiheit, Sicherheit, Gesundheit und Wohlstand, der historisch unvergleichlich ist. Aber der materielle Stoffwechsel, auf dem dieser Fortschritt beruht, ist im 21. Jahrhundert nicht fortsetzbar.«

Er fordert ein Neudenken ein – den utopischen Realismus. Der Co-Herausgeber und Soziologe Welzer selbst versucht mit Initiativen wie futurzwei seit mindestens einem Jahrzehnt das Storytelling unserer Lebenswirklichkeit zu ändern: gemeint sind damit zukunftsweisende Geschichten für eine zukunftsträchtige Zukunft, statt Zukunftsmärchen vom ewigen Wachstum und daran geknüpften Wohlstand, die einen Großteil der Menschheit ausschließen und den planetaren Bankrott ignorieren.

Die Menschheitsgeschichte kam bei P wie Pandemie an, aber es bei diesem Story-Ausgang zu belassen, das verweigert nicht nur mein Sohn, das verweigere auch ich. Die Welt, die Zeit in pre und post aufzuteilen, ist mir schlichtweg zu viel verschenkter Fokus an ein Virus. Lieber will ich lernen und nach neuen Held*innen und neuen Geschichten Ausschau halten.

Auf was also kann mein Blick durch diese pandemische Ausnahmeerfahrung gelenkt werden und an was hält er, der Pandemie zum Trotz, fest?

Aus der praktischen »Menschheitsheld*Innenforschung« als Mama weiß ich, dass St. Martin nur derartig erfolgreich Nächstenliebe betreiben konnte, weil er eine ausgewogene Work-Life-Balance praktizierte und Jim Knopf die eine berühmte Reise mit Lukas dem Lokomotivführer unternehmen konnte, weil er keinem Leistungs- oder medialen Entdeckungsdruck ausgesetzt war und auch der kleine Maulwurf entdeckte pro Tag vor allem eine großartige Sache. Ein Akt bedeutete einmal alles.

Aufmerksamkeitsstreuung bedeutete nicht Spektrum, sondern war eine zersetzende Kraft. Doch vielleicht geht es nicht um ausgewogenes oder selektives Tun und Erleben, nicht um Erleben überhaupt, sondern um viel weitreichendere Sinnesöffnung: darum, das Unerwartete zu erwarten. Oder das Unerwartete zu erwarten. Fast auch zu suchen.

Was steckt nicht alles im Alltäglichen, in einem selbst, in den Möglichkeiten von Welt und Welterleben, das wir nicht kennen, weil wir es noch nie gedacht, also gedanklich zugelassen haben?

Ich mache meine Sinne, auch wenn sie von pandemischen Anforderungen ermüdet sind, also auf. Horche in den unentschlossen stillen Stadtdschungel.
Horche in ein gespenstisch leeres Theater.
Und warte angespannt und doch belustigt auf die neuen Geschichten, die man sich (und dort) erzählen wird.
Vom Leben mit dem Virus. Das ein gutes, weil erlebnisreiches, werden kann.
Das neben der sozialen auch die nicht zu planende Dimension unseres Sein wiederentdeckt.

Mein Sohn zuckt ob derlei Tiefgang gekonnt mit den Schultern: ist nicht ständig alles anders?
Selbsterfundene, verlebendigte Menschheitsgeschichte eben.

Programmtipps dazu:

Nachdenken über einen spielerischen Ansatz mit Wirklichkeit:
PUCK TRÄUMT EINE SOMMERNACHT
Stückentwicklung von Alice Buddeberg und Ensemble
Nach der Komödie »Ein Sommernachtstraum« von William Shakespeare
In der bearbeiteten Übersetzung von Rebekka Kricheldorf

Nachdenken übers Außen und Erlebensängste:
DAS FENSTER. EINE SCHAUERGESCHICHTE FÜR DIE LETZTEN GENERATIONEN
Eine Stückentwicklung von Mandy Thiery und Thorsten Köhler nach Motiven von J. M. Barrie

Nachdenken über entmenschlichte Systeme:
EINE KURZE CHRONIK DES ZUKÜNFTIGEN CHINAS
Schauspiel von Pat To Yan
Europäische Erstaufführung

Nachdenken über Materialismus:
DER GEIZIGE
Komödie von Jean-Baptiste Molière

Nachdenken über die Zustimmungskultur:
Byung-Chul Han: Die Austreibung des Anderen. Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute. Frankfurt a.M. 2016

Nachdenken über das Erfinden möglicher Zukünfte:
Jörg Metelmann und Harald Welzer: Imagineering. Wie Zukunft gemacht wird. Frankfurt a.M. 2020

Bettina Schuster-Gäb,
Schauspieldramaturgin

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Hinter dem Vorhang Theaterblog

Zum Welttheatertag

Heute ist der 27. März. Es ist Welttheatertag. Ein Tag, der 1961 vom Internationalen Theaterinstitut (ITI) ins Leben gerufen wurde. Ein jährlicher Aktionstag, der die Bedeutung und Wirkung der Bühnenkunst im gesellschaftlichen Kontext hervorheben soll.

Normalerweise finden an diesem Tag am Sitz der UNESCO in Paris (und darüber hinaus) zusammen mit Vertreter:innen des ITI und den Verfasser:innen der Botschaft öffentliche Veranstaltungen statt.

Die diesjährige Botschafterin ist Helen Mirren, weiter unten lesen Sie ihre Botschaft, in der sie auf die prekäre Lage für alle Kunst- und Kulturschaffenden während und durch die Corona-Pandemie verweist.

Auch das Saarländische Staatstheater begeht den Welttag des Theaters. In kurzen Videoclips erzählen Mitglieder des Hauses von ihrem beruflichen Alltag, der längst keiner mehr ist, jedoch vielleicht bald wieder zu einem wird, von den Herausforderungen, vor denen sie gerade stehen, aber auch von ihren Hoffnungn und Wünchen, wenn sich die Theatertüren (endlich) wieder öffnen. Die insgesamt 12 Videos finden Sie hier auf der Facebook-Seite des Saarländischen Staatstheater.

Die Botschaft des Internationalen Theaterinstituts (ITI) stammt dieses Jahr von der Schauspielerin Helen Mirren.

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Hinter dem Vorhang Theaterblog

Ein Theaterkurs in Pandemiezeiten?

Seit mehreren Spielzeiten treffen sich Theaterfans, die einmal hinter die Kulissen des Saarländischen Staatstheaters schauen möchten, zum Volkshochschulkurs »Theater kennt keine Grenzen«. In »normalen Zeiten« führen wir Gespräche mit Künstler*innen, besuchen Proben oder die Theater-Werkstätten, wie etwa die Abteilung Maske oder Kostüm. Doch in diesem Wintersemester war der übliche Seminarplan – wie so vieles anderes im Kultursektor – nicht möglich. Da das Theater für Publikumsverkehr geschlossen war, musste der Kurs teilweise in die Räume der Volkshochschule umziehen und fand ab Mitte Dezember dann digital statt. Hier einige Eindrücke der Kursteilnehmer*innen:  

Auch im Online Format kann man beim Diskutieren über Theater viel Spaß haben.
Benjamin Jupé zu Gast im Kurs.

»Der Kurs ist Corona bedingt in drei Intervallen verlaufen, wobei die erste Zeit dem entsprach, was ich mir als Kursteilnehmer vor allem erhoffte, nämlich der Besuch von Proben und deren Besprechung. So durften wir z.B. einer Probe des Singspiels >Im weißen Rössl< beiwohnen, dessen Aufführung bisher noch nicht stattgefunden hat. Aber schon die Ballett-Probe zur >Winterreise<, die ich sehr gerne gesehen hätte, ist uns verwehrt worden. Wir haben dann in VHS-Räumen Schauspieler (L. Trapp, R. Widra und M. Wischniowski) und Musiker (den Cellisten Benjamin Jupé und den Paukisten Martin Hennecke) näher kennen gelernt, wobei ich es immer spannend finde, deren Biographien zu erfahren. Sehr gut gefallen hat mir dabei, dass alle am Ende der Stunde ein Stück ihrer Wahl vortrugen bzw. vorspielten. Im dritten Intervall haben wir per Videokonferenz ein Tanztheater- und ein Theaterstück angesehen. Allerdings ist mir dabei klar geworden, dass Theaterstücke per Streaming anders wirken, weniger berühren, als in realen Situationen. Es fällt geradezu schwer, sich auf die zweidimensionalen Formate einzulassen. Sehr interessant fand ich im Anschluss daran, von welchen Annahmen man bei der Herstellung der Trailer ausgeht, die für das Staatstheater angefertigt werden, sowie die Vorgehensweise in der Schreibwerkstatt der Sparte 4, wobei ich gespannt bin, wie das daraus entstandene Stück >Das Fenster< in seiner Endfassung aussehen wird. Vielen Dank, dass in dieser >kulturlosen< Zeit noch solche Kurse stattfinden.« Klaus Fuhs

Konzertgenuss am Kaffeeautomat.

»Wie wahrscheinlich viele Menschen zu Corona-Zeiten musste auch ich mich an einen Theaterkurs im Home-Office erst gewöhnen. Die Vorteile gegenüber den vorhergehenden Präsenzterminen waren der Wegfall der Maskenpflicht, dadurch konnte man die Gesichter der Kursteilnehmer wieder in Gänze wahrnehmen, und die Verringerung des Erkältungsrisikos, da die nervigen Lüftungsintervalle entfielen. Unserer Kursleiterin Simone Kranz gelang es immer wieder interessante Gäste für die Zoom-Meetings zu gewinnen, so konnten wir einmal eine wunderbare Tanzperformance aus dem Carreau in Forbach quasi live erleben. Um uns bei Laune zu halten und zu verhindern, dass wir vergammeln, schickte Simone uns vor den Meetings Stücke, die wir lesen und Links zu Aufführungen, die wir uns anschauen sollten. Wie in jeder Klasse gab es Streber und Faulenzer! Da die Mehrzahl von uns Teilnehmern schon ein wenig in die Jahre gekommen ist und wir dementsprechend nicht übermäßig digitalaffin sind, hatte Simone es oft schwer die Diskussion via Zoom in Gang zu bringen, aber wir waren stets aufmerksame Zuhörer.« Alfred Ströher

»Wie sehr mir das Theater fehlt, habe ich schon während unserer Treffen in den VHS-Räumen bemerkt. Der virtuelle Kurs hat dieses Gefühl noch verstärkt, obwohl auch online der Kurs auf fabelhafte Art und Weise geleitet wurde. Wir haben uns durchaus mit interessanten Themen befasst. Ich fand die Tanz-Aufführung im Carreau ausgezeichnet  ̶  sie war ja auch thematisch nah dran an der allgemeinen Lockdown-Situation  ̶  , habe mich auch gerne mit Max Frisch befasst. Es war sehr interessant, zunächst den Text zu lesen und dann dessen Umsetzung auf der Bühne zu sehen. Aber gerade bei dieser Performance war mir besonders deutlich, in welch hohem Maße das reale Erlebnis im Theater zählt, wo alle Sinne angesprochen werden können. Und so empfinde ich einen virtuellen Kurs mangels Alternative schließlich als bereichernd, die Kommunikation über Video allerdings auch als anstrengend.« Margit Hoffmann

Kurslektüre: »Der Mensch erscheint im Holozän«. Die Dramatisierung des Schauspielhauses Zürich wurde zum Berliner Theatertreffen 2020 eingeladen und im Kurs besprochen.

Als »Kurs-Neuling« hatte ich natürlich gehofft, mehr Spielstätten und Theaterproben zu besuchen, aber……. Ich fand die Live-Treffen mit den Musikern und Schauspieler(in) trotz Masken sehr interessant – nicht nur ihre Darbietungen, auch ihre Lebensläufe und internen Berichte aus dem Schauspieler(in) – und Theaterleben. Trotzdem sind die Zoom-Schaltungen auch anstrengend. Man starrt 90 Minuten auf das Monitor-Rechteck, in dem optisch ja nicht so viel passiert. Auch waren die Gespräche bei den Treffen in den VHS-Räumen lebhafter. Es besteht also nur die Hoffnung, dass sich für den nächsten VHS-Kurs alles normalisiert.« Jens Merkle

»Ich fand es schön, dass wir unseren Theaterkurs auf diese Art trotz Lockdown fortsetzen konnten, trotzdem wünsche ich mir sehr, dass wir in Zukunft wieder >live< dabei sein können! Als Neue im Kurs hatte ich mich besonders darauf gefreut, Theaterluft im Theater schnuppern zu dürfen und Einblicke zu bekommen, wie ein Stück sich entwickelt.
Bei unseren Zoomkonferenzen war für mich besonders der Abend interessant, an dem wir ein Tanzstück live im Carreau verfolgen konnten  ̶  mit vorherigem Gespräch mit Juliette Ronceray vom Le Carreau und anschließendem Gespräch im Kurs über unsere Eindrücke. Sehr spannend war es auch, sich die ganz besondere Aufführung von >Der Mensch erscheint im Holozän< von Max Frisch aus dem Züricher Schauspielhaus anzusehen. Die Vorbereitung durch die Lektüre, das Sprechen über den Text und über unsere Eindrücke von der Aufführung haben dafür gesorgt, dass ich mich nachhaltig mit Text und Interpretation auseinandergesetzt habe!« Barbara Merkle

Was mich bei unseren Treffen beeindruckt und auch fasziniert hat, sind   

  • Die »Theaterleute« von einer oft sehr privaten Seite erleben zu dürfen. Mir gefällt diese offene, erfrischende Art und Ehrlichkeit. Herrlich normal!
  • Das Beseeltsein und den Enthusiasmus zu erfahren.  
  • Der Blick »hinter die Kulissen«. Die Entstehung eines Stückes bis zur Aufführung, die vielen Puzzlesteinchen, die sich finden und zusammengefügt werden. Sigrun Salgert

Simone Kranz,
Schauspieldramaturgin

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Hinter dem Vorhang Theaterblog

Ballet with a distance

Der Tanz am SST in den Zeiten von Corona.

Yaiza Davilla Gómez, Hope Dougherty und Alexander Andison tanzen im Saarländischen Staatsballett. In einem Interview sprechen sie über die Produktion »Sound & Vision«, die am 3. Oktober 2020 Premiere hatte.

Wie bist du mit dem Tanz verbunden, und inwiefern war diese Verbindung vom Lockdown und der Pandemie betroffen?

Y. D. G.: Vor dem Lockdown befand ich mich in einer kritischen Situation. Ich tanze seit elf Jahren professionell, und es fühlte sich so an, als wäre die Zeit gekommen, etwas anderes zu machen. Der Lockdown von März bis Mai ließ mich jedoch erkennen, dass ich es liebe zu tanzen. Ich habe es so sehr vermisst, und als wir endlich wieder auf der Bühne standen, war ich so glücklich – ich fühlte mich wieder verbunden zu dieser Liebe.

H.D.: Während des Lockdowns hatte ich eine Phase, in der ich dachte: »Wen interessieren Tänzer?« oder »Wir spielen keine Rolle«. Zur selben Zeit aber fühlte es sich so an, als könnte ich ohne den Tanz nicht existieren, ich fühlte mich so leer. Das war die längste Pause vom Tanz, die ich je hatte, und jetzt bin ich wieder motiviert und will wieder loslegen, aber mein Körper ist einfach noch nicht bereit. Es ist frustrierend, wieder zurückkommen zu wollen, aber dazu einfach nicht in der Lage zu sein, weil das Training gefehlt hat. Man muss sehr geduldig sein, wie am Anfang.

A. A.: Wenn dir etwas Selbstverständliches genommen wird, lehrt es dich, den Hunger darauf oder die Notwendigkeit dessen zu schätzen. Am Anfang des Lockdowns, als wir alle nach Hause geschickt wurden, gab es eine Dualität: unser künstlerischer Appetit konnte nicht befriedigt werden, und unsere Körper waren unterfordert. Für mich war es relativ einfach, meine künstlerischen Bedürfnisse zu erfüllen, indem ich mir Zeit nahm, andere Dinge zu tun, beispielsweise Lesen oder Filmeschauen. Der professionelle Tanz ist auf eine bestimmte Weise sehr rituell: Täglich üben wir und beginnen jeden Tag gleich, mit dem gleichen Training; es bereitet einen auf den restlichen Tag vor. Es ist eine Möglichkeit, einen Schritt zu sich selbst zu machen und sich mit seinem Körper zu verbinden, wie in der Meditation oder im Yoga.

Alexander Andison; Micaela Serrano Romano; Shawn Throop | Foto: Bettina Stöß

In »Sound & Vision« sind Projektionen von euch und anderen Ensemblemitgliedern bei Bewegungsübungen zu Hause zu sehen. Welche Probleme hattet ihr in dieser Zeit?

H. D.: Es war furchtbar! Meine Wohnung hat einen alten Dielenboden, und unter mir wohnt eine Familie mit kleinen Kindern. Außerdem hatten wir Training über Zoom, was mit dem winzigen Bildschirm meines Handys sehr anstrengend war. Ich war leicht abgelenkt, und bereits Kleinigkeiten störten mich viel mehr als gewöhnlich. Am Ende des Tages war ich erschöpft, obwohl ich körperlich fast nichts machen konnte. Für die Videos habe ich einen Beitrag in einer kleinen Ecke meiner Wohnung gemacht, die mir nie richtig aufgefallen war. Dadurch, dass ich gezwungen dazu war, kreativ mit meiner Umgebung umzugehen, fand ich heraus, dass es einen gewissen Charme hat, die Decke mit meinen Füßen zu berühren.

A. A.: Stijn sagte mal etwas darüber, wie wichtig es sei, in einer Zeit des Leidens als Tanzgruppe präsent zu sein. Es diene dazu, unseren Platz in der Gemeinschaft klarzustellen und dass wir zusammen seien, wenn auch nicht räumlich. Ich genoss es, zu Hause einen Fokus auf Theorie und Achtsamkeit zu legen, aber ich glaube, ein Großteil des Tanzens ist die Bewegung durch den Raum, das Benutzen der Extremitäten und aller Dimensionen des Raumes um einen herum. Mit Online-Unterricht geht das einfach nicht richtig. Ich habe es als zuträglich für meine mentale Gesundheit gesehen, und zur körperlichen Auslastung habe ich mit dem Laufen und dem Fahrradfahren begonnen.

Y. D. G.: Es war sehr kompliziert. Man muss komische Sachen mit dem Körper anstellen, um sich an die Umgebung anzupassen. Sei es ein viel zu tiefer Stuhl, der als Stange herhalten muss, oder der knarzende Wohnzimmerboden. Wir hatten einmal Zoom-Unterricht von einem Lehrer aus Italien, einem Spezialisten für Rolfing, einer Körpertherapiemethode. Die Übungen waren alle sehr langsam und minimalistisch; ein großer Teil davon ist das Verständnis über die eigene körperliche Verfassung. Er leitete uns dazu an, uns unserer selbst bewusst zu werden. Das fand ich sehr schön, da man in der Alltagsroutine einfach keine Zeit für so etwas hat. Man muss sich selbst und seine Kunst immer wieder an die Grenzen bringen.

Jetzt seid ihr in den Proben für ein neues Stück, »Winterreise«. Wie fühlt es sich an, die nächste Produktion in einem Lockdown zu erarbeiten?

H.D.: Nun, wir wissen noch nicht, wann die Premiere stattfindet. Vielleicht im Juni? Ich fände es allerdings sehr seltsam, »Winterreise« in der Sommerhitze zu tanzen. Außerdem ist es etwas ganz anderes als »Sound & Vision«. Es hat eine Art Narration und einen eher düsteren Rahmen. Vorher haben wir etwas Heiteres gemacht, konnten zu Popmusik tanzen, es war energetisch. Jetzt bricht der Winter an, und es macht wirklich den Anschein, als würden wir uns auf eine Winterreise begeben.

A. A.: Das ist jetzt vielleicht ein etwas großer Gedanke, aber ich denke oft über unsere Rolle in der Gesellschaft nach. Es ist toll, dass wir die Unterstützung von der Regierung bekommen, wir können weiterhin proben und arbeiten, aber es fühlt sich albern an, das nur für uns zu machen und nicht für ein Publikum. Wir arbeiten ohne Aussichten auf Auftritte. So etwas lässt einen den Beruf hinterfragen, die eigene Kunst – und das macht es sehr schwer, optimistisch zu bleiben.

Y. D. G.: Bereits die Produktion von »Sound & Vision« war sehr anspruchsvoll. Wir konnten nur zu dritt oder zu viert proben. Wenn sich die ganze Kompanie im Prozess einer Uraufführung befindet, gibt es fast immer eine neue Idee, neue Impulse von einem Mitglied, wodurch alles viel einfacher fließt. In kleinen Gruppen zu arbeiten war dadurch ziemlich anstrengend, auf der anderen Seite konnte Stijn Celis sich sehr auf die Individuen konzentrieren und ein Stück kreieren, bei dem jeder Vorschläge einbringen konnte. Ich persönlich habe es sehr genossen, ihm Ideen anzubieten, mit denen er dann gespielt hat. Auf diese Weise beinhaltet das Stück die Persönlichkeit von uns allen. Ich hoffe es wird alles wieder normal, aber ich glaube nicht, dass das in naher Zukunft passiert. Wir müssen uns einfach damit abfinden.

Hope Dougherty in »Sound & Vision« | Foto: Bettina Stöß.

Wie habt ihr euch gefühlt, als ihr zum ersten Mal wieder mit den anderen tanzen durftet?

H. D.: Als ich die vielen Menschen gesehen habe, war ich sehr verunsichert über mein Verhalten: Wie sagt man hallo, ohne unhöflich zu sein? Zu der Zeit war alles so unsicher. Man wollte mit den anderen tanzen, aber gleichzeitig sich an die Vorschriften halten, wobei man nicht einmal wusste, welche Vorschriften tatsächlich sinnvoll waren. Am Anfang wurden kleine Vierecke auf den Boden abgeklebt, die uns vorgaben, wo wir bleiben sollten. Das war urkomisch, weil es natürlich kein bisschen funktionierte.

Y. D. G.: Normalerweise berühren sich Tänzer sehr oft, wir sind immer beieinander. Wir fingen allerdings irgendwann an, damit zu spielen. Es war etwas Neues, und plötzlich mussten wir mehr Solomaterial produzieren. Auch das wurde aber nach einer Zeit sehr einseitig, und wir brauchten etwas anderes. Ich liebe es, mit Menschen zu tanzen, mit ihnen eine Verbindung einzugehen, sich gegenseitig in die Augen zu sehen oder ihr Gewicht zu spüren – aber jetzt gibt es nur dich.

H. D.: Denken wir daran: Wenn die Pandemie vorbei ist, müssen wir akzeptieren, dass es schwer wird, wieder mit anderen zu tanzen. Zusammen zu tanzen muss immerzu geübt werden und ist durch nichts ersetzbar.

A. A.: An diesem Punkt kommt man schon fast zur Wissenschaft des Tanzes: Wenn man den Körper eines anderen nimmt und sein Gewicht tragen muss, geht es um Balance und Physik. Das haben wir schon lange nicht mehr üben können, weshalb auch ich mit Sicherheit nervös werde, sobald es wieder dazu kommt. Ich glaube, »Sound & Vision« war ein gutes Beispiel für das Arbeiten mit unseren Parametern. Es ist, wie wenn man ein Sinnesorgan verliert, beispielsweise wenn die Augen geschlossen sind, dann erwachen die anderen Sinne, und ich glaube, das ist ganz ähnlich, wenn im Tanz die Partnerarbeit oder das Anfassen nicht erlaubt sind. Man muss sich auf andere Dinge verlassen. So hatten wir die Bühne als Gruppe. Beobachtet man das Drehen und Verschieben des Raumes, wirkt es, als wären mehr Menschen da und wäre mehr Bewegung im Stück.

In »Sound & Vision« habt ihr oft synchron getanzt. Hat das ein Gemeinschaftsgefühl auf irgendeine Weise hergestellt?

H. D.: Natürlich hat man dabei ein Gefühl des Zusammenseins, aber man sieht es eher von außen. Es wird sichtbar, wie sich Körper, trotz Entfernung, zusammen bewegen können. Für mich als Beobachterin wirkte der Abschnitt der Männer wie eine starke Einheit an Kraft.

A. A.: Ich empfand den Teil der Frauen zu Edith Piafs Musik wie einen Schwarm fliegender Vögel. Wenn man synchron tanzt, ist ein wichtiger Teil das synchronisierte Atmen und das Finden des richtigen Rhythmus. Atmen ist die Essenz des menschlichen Wesens, und es ist der Kern unseres Seins; das ist etwas, womit ich mich beim Tanzen verbunden fühle.

H. D.: Jetzt, wo du es sagst: Ich fand den Frauenteil sehr herausfordernd, weil wir alle nach vorne geschaut haben und ich keine der anderen sehen konnte, und wir alle hatten ein seltsames Gefühl. Irgendwie waren wir dennoch verbunden. Ich frage mich fast, ob, weil wir uns nicht berühren durften, es besser als sonst war. Es war eine ganz neue Art von Intimität.

Alexander Andison; Hope Dougherty | Foto: Bettina Stöß

Hope und Alexander, ihr beiden habt auch bei dem Part des Stücks mitgewirkt, in dem ihr im schwarzen Mantel mit politischer oder persönlicher Aussage darauf ganz vorne auf der Bühne gesprochen habt. Was sagt ihr zu diesem anderen Aspekt des Stücks?

A. A.: Wir wurden tatsächlich gefragt, was wir auf den Mänteln haben wollten, und die Kostümbildnerin Laura Theiss hat uns zu politischen Aussagen ermutigt. Dieses Stück war für mich allerdings nicht das Umfeld, in dem ich so etwas ausdrücken wollte, daher waren meine Aufschriften eher motivierend und aufbauend. Ich wollte auf das vergangene Jahr blicken, was so herzzerreißend war, nicht nur des Virus wegen. Viele im Ensemble sind aus Nordamerika, und dort finden gerade diverse politische und kulturelle Revolutionen statt. Stijn hat ebenfalls familiäre Verbindungen in die USA, dadurch wurde die Thematik eng in das Stück eingeflochten. Ich bewundere, wie subtil das erfolgt ist. Begriffe wie »Hoffnung« können auf unzählige Dinge anspielen, die gerade vor sich gehen, wie Politik, Sozioökonomie, (geistige) Gesundheit etc.

H. D.: Stijn hat auch nicht viel darüber geredet, es wurde einfach unabhängig von der aktuellen Situation gezeigt, und es hat gepasst. Es hätte einfach nur ein Zufall sein können. Was die Beschriftung meines Mantels angeht, so wollte ich etwas Humorvolleres. Wie »Hope never dies«, was auch ein Spiel mit meinem Namen ist.

Alexander Andison; Hope Dougherty; Conner Bormann; Edoardo Cino | Foto: Bettina Stöß.

Wie findet ihr die ausgewählten Lieder?

H. D.: Ich mochte David Bowie, das hat viel Spaß gemacht. Die Songs, die ausgewählt wurden, sind voller Energie. Obwohl es leicht hätte kitschig werden können, hat es sich doch sehr gut entwickelt. Durch Edith Piaf kam etwas Europäisches hinzu und brachte mich zum Nachdenken, wie es ist, als Amerikanerin in Europa zu sein. Ich habe diesen multikulturellen Aspekt sehr genossen.

Y. D. G.: Ich habe die Musik geliebt! Ich war glücklich über diesen Soundtrack. Nach dem Lockdown wäre es ein Leichtes gewesen, zu düsterer und deprimierender Musik zu choreographieren. So haben wir musikalisch eine fröhliche musikalische Atmosphäre geschaffen, wodurch nicht nur das Publikum die Show richtig genießen konnte, sondern auch die Kompanie. Es hat viel Spaß gemacht! Dabei war es nicht nur »Letʼs Dance«, die ganze Show war wie ein Festmahl. Ich mochte auch den Teil sehr, in dem die anderen gesprochen haben; diese Art musikalischer Sprache hat viel zur Show beigetragen.

A. A.: Viel davon war Popmusik. Wir hatten alle eine schwere Zeit gehabt, und es war einfach schön zu sehen, wie ein paar Leute ihre Körper zu fröhlicher Musik bewegen, zu der man eine Verbindung hat und die man vielleicht aus der Jugend kennt. Die beweglichen Wände haben auch dazu beigetragen, dass sich die Bühne wie eine große Jukebox anfühlte, die mit jedem Lied ihre Farbe wechselte. Dieses Format hat mir sehr gefallen.

Obwohl die Vorstellungen gut besucht waren, coronabedingt jeweils nur mit rund 250 Zuschauer*Innen, muss es sich seltsam angefühlt haben, vor einem gefühlt fast leeren Haus zu tanzen, oder?

H. D.: Ich dachte, dass es sich sehr leer und weniger energiegeladen anfühlten würde, aber irgendwie war es besser als erwartet. Bei der letzten Vorstellung im Oktober, vor dem erneuten Lockdown, wurde ich sehr emotional, weil die Menschen das Stück sehr mochten und wir nun wieder aufhören mussten. Der Applaus am Ende war magisch.

A. A.: Ich war sehr fokussiert auf meine Dankbarkeit, wieder auf der Bühne zu stehen und dass die Menschen da waren, um uns zu sehen. Viele von uns haben Freunde und Familie in Nordamerika, die seit fast einem Jahr nicht mehr arbeiten konnten. Ich habe also viel Glück, dass ich meiner Kunst nachgehen kann und sie tatsächlich bei den Menschen ankommt. Ich habe versucht, eher auf das halbvolle als auf das halbleere Glas zu schauen. Vielleicht schien es nur so, aber auch vom Publikum ging ein Gefühl der Dankbarkeit aus, hier sein zu dürfen, daran teilzuhaben und die Kunst zu unterstützen.

Y. D. G.: Die erste Vorstellung, die Premiere, war sehr merkwürdig. Auf der Bühne sah man fast nur Dunkelheit mit einzelnen, sporadisch verteilten Reflexionen aus dem Publikum, mit viel Platz dazwischen. Bei der letzten Vorstellung Ende Oktober wurde ich auch sehr emotional. Der Applaus war so stark; es war sehr intensiv. Die Leute waren wirklich bei uns, bei unserer Kunst, und dafür war ich sehr dankbar.

Das Interview führte Lara S. Happ, FSJ-lerin in der Dramaturgie des Saarländischen Staatstheaters.

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Trockenübungen

Licht an – »Wir schreiben den 3.12.2020. Es ist 20:50 Uhr. Gerade haben wir unsere Generalprobe von DAMALS – ZEITZEUGEN DER POSTAPOKALYPSE gespielt. Keine Ahnung wann wir dieses Stück aufführen werden oder ob überhaupt oder in welcher Form. Aber wir tun jetzt einfach mal so, als würden wir Premiere feiern.« – MusikRegieanweisung: Jugendliche applaudieren sich und gehen dann von der Bühne.

Das Junge Ensemble des SST bei der Generalprobe von »DAMALS – ZEITZEUGEN DER POSTAPOKALYPSE«.

Alle sind traurig auf einmal. Hatte sich das Junge Ensemble doch eigentlich vorgenommen ganz nah am Puls der Zeit etwas auf die Bühne zu bringen: Als Zeitzeugen sich und anderen bewusstmachen, dass diese Situation, in der wir gerade schweben, außergewöhnlich grenzwertig ist und ein Chance für Schaffensgeister sein kann. Und nun sieht sich das Junge Ensemble erneut auf den Kopf gestellt. Das erschaffene Bühnendokument ist wahrscheinlich in einer Woche schon wieder überholt und in einem Monat vielleicht völlig verpufft. Aber manchmal kann man nichts machen, außer weiter. Zwei intensive Monate voller Proben liegen hinter dem Jungen Ensemble des Saarländischen Staatstheaters, bestehend aus 10 Jugendlichen zwischen 16 und 20 Jahren. In dieser Zeit hatten sie kurz wieder das Gefühl, sie würden auf eine ganz normale Premiere hinarbeiten. Dieser imaginäre Premierentermin hat viele Kräfte freigesetzt und die ganze Gruppe auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten lassen. Eine große Spannung wurde aufgebaut und die will nun gehalten werden. Bis irgendwann. – Musik – Regieanweisung: Augen schließen und sich blendendes Licht, Menschenmassen und tosenden Applaus vorstellen. – Black

Luca Pauer,
Leiterin Junges Staatstheater/ Leiterin sparte4

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Kaufmännischer Direktor Matthias Almstedt als Bühnenheld 2020 ausgezeichnet!

Im November 2020 erreichte die Dramaturgie eine Ausschreibung des Aktionsbündnis Darstellende Künste*. Darin wurde dazu aufgerufen, Personen zu nominieren, die sich innerhalb der Theaterlandschaft durch besonders umsichtiges Handeln in Pandemie-Zeiten hervorgetan hatten:

»Das Jahr 2020 hat die Welt der darstellenden Künste auf den Kopf gestellt und wenn sowieso schon alles andersherum ist, warum nicht gleich weiter machen? Das Aktionsbündnis Darstellende Künste verleiht zum ersten Mal den Bühnenheld*innen-Preis an Nicht-Künstler*innen. Unsere Held*innen stehen nicht im Scheinwerferlicht, sie performen nicht über die Rampe hinweg und die vierte Wand gehört in der Regel zur Büroausstattung. Unsere Held*innen arbeiten in Kulturämtern, Verwaltungen oder engagieren sich ehrenamtlich für die darstellenden Künste. Sie bleiben im »Wild Wild West« der Tanz- und Theaterlandschaft sichtbar und gehen nicht in Deckung. Und genau deshalb sind sie für uns die wahren Helden.«

Für die Dramaturgie war klar, dass Prof. Dr. Matthias Almstedt diese Auszeichnung verdient hatte. Im März 2020 hatte er ein finanzielles Ausgleichsmodell für pandemiebedingte Gagenausfälle von Gast-Darsteller*innen aller Sparten entwickelte. Diese auch als »Saarbrücker Modell« bezeichnete Regelung war und ist in besonderer Weise sozial, indem sie nicht alle Vorstellungsgagen gleichbehandelt, sondern niedrige Gagen zu einem höheren Anteil ersetzt. Diese differenzierte Behandlung schafft in besonderer Weise einen Interessensausgleich zwischen dem Theater und dem Gast – und das in individualisierter Form.

Die Preisjury sah das genauso. In einer Online Preisverleihung am 6.12. 2020 zeichnete das Aktionsbündnis Darstellende Künste Preisträger in sechs Kategorien aus.

»1. Denn sie wissen, was sie tun: Kulturpolitiker*innen

2. Spiel mir nicht das Lied vom Theatertod: Die Leitung eines Stadttheaters/einer Produktionsstätte

3. 4 Stempel für ein Halleluja: Verwaltungen/Verwaltungsmitarbeiter*innen/Sachbearbeiter*innen

4. Für keine Handvoll Dollar: Einzelpersonen, Freundeskreise, Kulturinitiativen/Vereine

5. Jenseits von Reden: Sonderauszeichnung für strukturelle Verbesserungen, Innovationen in den letzten Jahren, Impulsgeber*innen, Alternativen

6. Wanted: geliebt und lebendig: Der Publikumspreis«

Matthias Almstedt bekam seinen Bühnenhelden Preis in der Kategorie »4 Stempel für ein Halleluja«. Insgesamt wurden 39 Preisträger*innen aus 161 Nominierungen durch eine Fach Jury ausgewählt. Diese Beteiligung zeigt auch, wie wichtig das Sichtbarmachen des aktiven Engagements gerade auch in Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft ist.

Mehr Informationen zu den Preisträgern und der Preisverleihung unter https://buehnenheldinnen.de/. Wer mehr über die Situation die Lage der Solo Selbständigen Künstler im Saarland und das »Saarbrücker Modell« erfahren möchte, dem sei auch der Beitrag im Aktuellen Bericht des SR empfohlen: https://www.sr-mediathek.de/index.php?seite=7&id=96003.

Herzlichen Glückwunsch an alle Preisträger, und besonders natürlich an Matthias Almstedt!

Simone Kranz,
Schauspieldramaturgin

* Das Aktionsbündnis Darstellende Künste wurde 2018 im Rahmen der 3. bundesweiten Ensemble-Versammlung am Schauspielhaus Bochum gegründet. Es ist ein Zusammenschluss verschiedener Dachverbände (art but fair, Bund der Szenografen, Bundesverband Freie Darstellende Künste, Dachverband Tanz Deutschland, Dramaturgische Gesellschaft, dramaturgie-netzwerk, ensemblenetzwerk, GDBA, Netzwerk flausen+, Pro Quote Bühne, regie-netzwerk, Ständige Konferenz Schauspielausbildung, sowie Verband der Theaterautor*innen. Das Aktionsbündnis versteht sich als offene Diskussions- und Kommunikationsplattform. An den regelmäßigen Arbeitstreffen nehmen gelegentlich auch der Deutsche Bühnenverein, die Allianz der Freien Künste und der Fonds Darstellende Künste teil.