Kategorien
Auf ein Wort Theaterblog

Realität wird dekonstruiert und neu zusammengesetzt

Yannick Meisberger ist Mitarbeiter des Adolf-Bender-Zentrums für Demokratie und Menschenrechte in St. Wendel. Aus Anlass der Uraufführung von »Ich, Akira« sprach Simone Kranz mit ihm über die Entstehung von Verschwörungserzählungen. Am Mittwoch den 5. Oktober wird es vor der Vorstellung »Ich, Akira« um 19 Uhr einen Vortrag von Yannick Meisberger zum Thema »Fake News, Hate Speech und Verschwörungserzählungen« in der sparte4 geben. Der Eintritt zum Vortrag ist frei.

Collage des Regieteams (Lea Jansen, Lorenz Nolting, Martha Szymkowiak) zu »Ich, Akira«.

Laut einer Statistik des Bundeskriminalamtes stieg die Anzahl der politisch motivierten Straftaten im Kontext der Covid-19-Pandemie in Deutschland von 3559 in 2020 um 159% auf 9201 Fälle in 2021. Wie erklären Sie sich diesen Anstieg?

Die Proteste gegen Politik und die Corona-Hygieneschutz-Maßnahmen brachten in den letzten zweieinhalb Jahren bundesweit viele Menschen auf die Straße. Menschen machten ihren Ängsten und Sorgen ― auch existentieller Art ― Luft und mobilisierten sich bis zuletzt zu Tausenden in vielen deutschen Städten. Die Demonstrationen und Kundgebungsveranstaltungen waren geprägt von Teilnehmer:innen unterschiedlichster Hintergründe und Szenen.
So sammelten sich von Menschen der bürgerlichen Mitte über Esoteriker:innen, Verschwörungsideolog:innen, rechtspopulistischen und -extremen Personen und Initiativen verschiedenste Motive auf der Straße. Dabei ist der Anstieg politisch motivierter Straftaten aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen.
Zunächst brachten Menschen auf diese Veranstaltungen vermehrt Symbole und Parolen, die antisemitische und volksverhetzende Inhalte propagierten oder auch den Holocaust verharmlosten oder gar leugneten. Hier wurden von kritischen Beobachter:innen der Demos vermehrt Strafanzeige gestellt auf Grundlage des §130 StGB. Ebenso potenzierten sich diese und ähnliche Straftaten auch im Internet.
Des Weiteren häuften sich in den letzten beiden Jahren die Angriffe auf staatliche Institutionen durch Feind:innen der Demokratie. Politisch motivierte Sachbeschädigungen, Beleidigungen im Netz (aber auch offline) und Angriffe auf Polizei oder Journalist:innen sind seit 2020 bei den Corona-Protesten allgegenwärtig.

Attila Hildmann wurde zunächst als Star der veganen Kochszene berühmt, bevor er sich ab 2020 an Demonstrationen des Querdenker-Milieus und der Corona-Leugner Szene beteiligte. Dabei kam es auch zu der im Stück zitierten Äußerung »Hitler war ein Segen im Vergleich zur Kommunistin Merkel, denn sie plant mit Gates einen globalen Völkermord von sieben Milliarden Menschen.« (Quelle: YouTube, Videotitel: Attila Hildmann verteidigt Hitler, greift Bundeskanzlerin und die Grünen auf seiner Kundgebung an, hochgeladen von: Jüdisches Forum, Link: https://www.youtube.com/watch?v=_lRFjPrwVFA ).
Ist diese Verquickung von Historie und politischen Vorgängen heute, typisch für die Thesen von Verschwörungserzählungen?

Collage von Thorsten Köhler zu »Ich, Akira«

Die Thesen der Verschwörungsideolog:innen sind keine neuen und auch wenig bis überhaupt nicht modern in ihren Inhalten. Sogenannte »Verschwörungserzählungen« erzählen seit Jahrhunderten altbekannte Inhalte weiter. In der extremen Rechten hält sich seit vielen Jahrzehnten die Verschwörungserzählung des »großen Austausches«, in dem behauptet wird, dass die Europäer:innen durch arabische Menschen ausgetauscht werden sollen – ein angeblicher Plan der »Elite«. Allein dieses Beispiel zeigt, wie sehr die Rechtsextreme mit Angst und Panik »arbeitet«, um politisch Stimmung zu machen. Verschwörungserzählungen beinhalten nicht zuletzt Narrative von »die da oben« gegen »uns hier unten«. Somit wird ein dichotomes Weltbild generiert und Menschen werden in Gut und Böse aufgeteilt.
Verschwörungsglaubende vermuten sich natürlich immer in der Gruppe der Guten und Aufgeweckten und sehen hinter allem staatlichem die Verschwörung gegen das Volk. Attila Hildmann ist ein spannendes und ebenso gefährliches Beispiel, wie sich Menschen radikalisieren und somit keine Gegenrede mehr zulassen wollen und können. In Krisenzeiten berufen sich Menschen nicht selten dann auch noch auf Zeiten in denen es »dem eigenen Volk« vermeintlich besser ging. Somit ist der Bezug Hildmanns auf den Nationalsozialismus mitunter zu erklären.

Inzwischen liegt ein Haftbefehl wegen Volksverhetzung, Beleidigung, Bedrohung und öffentlicher Aufforderung zu Straftaten gegen Attila Hildmann vor, der nicht vollstreckt werden kann, weil er sich in die Türkei abgesetzt hat und als türkischer Staatsbürger nicht ausgeliefert wird. Trotzdem ist er noch im Netz, vor allem über den Messenger Dienst Telegram aktiv. Kann man dagegen nicht vorgehen?

Telegram ist ein Messenger, der sehr strenge Datenschutzrichtlinien einhält und somit keine Informationen an Strafverfolgungsbehörden regulär rausgibt. Das macht Telegram zwar nicht zu einem rechtsfreien Ort, allerdings ist es für Polizei und Staatsanwaltschaft mehr als herausfordernd Straftäter:innen ausfindig zu machen.

Am 8. September 2021 wurde in Idar-Oberstein ein 20-jähriger Tankstellenmitarbeiter von einem 49-jährigen Mann erschossen, weil er ihn aufgefordert hatte, seine Maske korrekt zu tragen. Zu seiner Tat befragt, äußerte der Angeklagte im Prozess, er habe » er habe ein Zeichen setzen« müssen. Ähnlich hat sich auch der Andres Breivik geäußert, der in Norwegen 2011, 77 Menschen aus rechtsradikalen Motiven heraus, tötete. Woher kommt dieser Wahn?

Wie zuvor schon erwähnt, fühlen sich Verschwörungsglaubende in ihrer Krise der Gruppe der Guten und Auferweckten zugehörig. Sie vermuten die Verschwörung ausgehend von Staat und »Elite«, meinen damit nicht zuletzt eine angebliche jüdische Weltverschwörung. Je nachdem wie tief sich Menschen in die Maschinerie der Verschwörungserzählungen hineinsteigern, entwickelt sich einerseits eine Art Verfolgungswahn und andererseits die Idee aktiv werden zu müssen, wenn man sich in die Ecke getrieben fühlt. Das »Zeichen setzen wolle« richtet sich dann an den Staat. Verschwörungserzählungen funktionieren mitunter so, dass sie Menschen vermeintlich leichte Erklärungsansätze für hochkomplexe (soziale) Zusammenhänge bieten, in Momenten in denen Menschen auf Sinn- und Identitätssuche sind. So wird eine Realität dekonstruiert und eigene Wahrheiten zu einer neuen Wirklichkeit zusammengebaut. Daher klingen Verschwörungserzählungen auch nicht selten so wirr und wahnhaft.

Graphik von Eric Schwarz zu »Ich, Akira«

Im Stück erzählt Akira davon, dass es nicht nur ihm als Hund unmöglich sei, mit seinem Herrchen, einem Verschwörungstheoretiker zu sprechen, sondern dass Menschen oft keine gemeinsame Sprache mehr hätten, wenn einer von ihnen Anhänger von Verschwörungstheorien sei. Ist das auch ihre Beobachtung? Kann man Anhänger:innen von Verschwörungserzählungen in Gesprächen überzeugen?

Pauschal kann man das schwer beantworten. Grundsätzlich wird es schwieriger mit Menschen im Gespräch zu bleiben, wenn sie wirre und wahnhafte Gedanken und Ideen glauben und verbreiten. Wenn das Gespräch aber erstmal abgerissen ist, wird es natürlich nicht einfacher vor allem lieb gewonnene Menschen weiterhin in seiner Nähe zu halten.
Es kommt auch darauf an, wie sehr sich Personen in diese Verschwörungserzählungen verstricken und was sie noch zulassen. Mit manchen kommt man vielleicht an den Punkt, an dem man solche Gespräche nicht weiterführen möchte und sich eine Verbindung somit verflüchtigt. Mit anderen ist die Verbindung so stark oder stark genug, um miteinander diskutieren zu können. In Diskussionen muss es immer ums überzeugen wollen und überzeugen lassen gehen. Wenn das auf der Grundlage von Fakten und Empathie geschieht, ist noch nicht alles verloren.

Mehr Infos zum Stück und den Vorstellungsterminen unter:

https://www.staatstheater.saarland/stuecke/schauspiel/detail/ich-akira

Kategorien
Hinter dem Vorhang Theaterblog

KLARHEIT IN DER UNKLARHEIT

Einsichten einer Dramaturgiehospitantin, die den Probenprozess von BERENIKE begleitet hat

Es gibt offensichtlich einige Fragen, die ich mir im Probenprozess zur Tragödie BERENIKE von Jean Racine gestellt habe: Wer ist eigentlich diese Berenike und welche Ziele hat sie? Wie heutig ist die Figur? Welche Rolle spielt die Politik in ihrem Leben?
Der Text, 1670 uraufgeführt, spielt im Jahr 79 nach Christus. Titus (Jan Hutter) ist gerade römischer Kaiser geworden und ist mit Berenike verlobt. Da gibt es aber auch Antiochus (Sébastien Jacobi), ein Freund von beiden aus Judäa, der Berenike seit Jahren liebt. Beim Versuch, Antworten auf diese vielen Fragen zu finden, habe ich mit Laura Trapp (Schauspielerin der Berenike) und Alice Buddeberg (Regisseurin) gesprochen.

Schon bei meiner ersten Probe ist mir aufgefallen, dass es im Text keineswegs nur um eine tiefe Liebe geht, die durch äußere (und innere?) Umstände nicht in einem Happy End enden kann. Es geht vor allem auch darum, dass Frauen – egal in welchem Zeitalter – zu oft in Zwänge gebracht werden.
Dabei ist es irrelevant, ob diese Zwänge von Mitmenschen, Partner*innen oder äußeren Einflüssen begünstigt werden. In Berenikes Fall wird nie klar sein unter welchen Umständen und aus welchen Gründen sie – und auch Antiochus – nach Rom gekommen sind. Bei Racine ist die Liebe zu Titus der Grund, doch wir können uns nicht sicher sein, dass er das auch wirklich war. Doch wie damit umgehen? Sich der Menge beugen, die sie als Nicht-Römerin nie akzeptieren wird und ihren Weggang fordert? Einen Kompromiss finden? Der großen Liebe entsagen und mit dem zweitbesten gehen, der sie auch liebt? Einfach gehen – allein und ohne sichtbaren Plan? Im Stück werden verschiedene Optionen durchdacht und geplant.

Was interessiert uns aber an der Person Berenike? Erstmal vor allem der Konflikt in den sie im Krieg gerät: unter welchen Umständen und mit welchen Gründen kommt Berenike nach Rom? Welchen politischen Zwängen ist sie aufgrund des Krieges unterworfen? Ganz klar ist für Alice Buddeberg, dass sie in einer kaputten, kriegerischen Welt lebt, in der sie nicht anerkannt wird und die Beteiligten sich dann in Privatismen begeben, die natürlich vom Außen geprägt sind. Titus´ Vertrauter Paulinus (Fabian Gröver) vertritt die Menge des römischen Volkes, deren Ansichten und/oder seine eigenen Interessen.

Wie also eine so alte und doch so aktuelle Figur darstellen?

Laut Laura Trapp helfen vor allem die Kostüme mit Korsett und Pumphosen dabei den erhabenen, königlichen Aspekt darzustellen – nicht gerade etwas, was man heute häufig privat erlebt. Spannend ist auch, dass alle Schauspieler*innen das gleiche Grundkostüm tragen (Kostüm und Bühne Sandra Rosenstiel), was alle Genderfragen äußerlich irrelevant werden lässt. Ganz klar ist für sie aber auch, dass die Beziehungsgespräche, die im Stück geführt werden, auch heute noch so geführt werden. Die Sprache mag zwar eine andere sein, doch der Inhalt ist gleich. Auch in der Sozialisation von Frauen und Männern – Frauen suchen das Gespräch, trösten, unterstützen und Männer schweigen – gibt es eine Parallele. Auch Berenike erlebt das durch die Unwissenheit und Unklarheit, in der sie gelassen wird. »Sprich mit mir!« ist daher nicht ohne Grund einer der wichtigsten Sätze im Stück! Um ihre Zwänge und inneren Zustände darzustellen, hilft auch die Musik (Mirjam Beierle).

Jan Hutter (Titus) und Laura Trapp (Berenike). © Martin Kaufhold.

Der historische Hintergrund

Eine weitere spannende Frage ist die, was mit Berenike nach ihrer Zeit bei Titus in Rom passiert ist. Alle historischen Spuren verlieren sich kurz danach. Das Schöne an der Freiheit des Theaters ist in diesem Fall, dass jede*r ein eigenes persönliches Ende ihrer Geschichte finden kann. Ich bin sicher, jede*r Beteiligte*r hat seine eigene Version der Fortsetzung.

Berenike soll ganz klar keine wütende oder emotionale Furie sein, die typisch weiblich gelesen wird. Sie ist eine intelligente Frau, die wütend ist, doch der Auslöser dafür ist eine große zugrundeliegende Angst und Unsicherheit. Berenike ist ein Mensch der viel durchgemacht hat und versucht seine Gefühle zu ordnen und damit zu leben. Wie Alice Buddeberg schön beschreibt, ist sie radikal in ihrer Liebe aber sieht für sich nur einen Ausweg, den ich jetzt hier nicht vorwegnehmen will. So viel sei gesagt: sie wird gestärkt aus der Situation hinausgehen.

Über die Autorin dieses Artikels: Christina Schmidt (20) ist Studentin der Theaterwissenschaft und Germanistik an der JGU Mainz und hat in ihrer Dramaturgiehospitanz sowohl die Proben begleitet, als auch in der Dramaturgie gearbeitet. Ihre Aufgaben changierten von Bühneeinrichtung über Fassung aktualisieren zu Blogbeitrag schreiben. 

BERENIKE ab 17. September 2022 in der Alten Feuerwache des Staatstheaters.

Kategorien
Hinter dem Vorhang

Seid allesamt Willkommen sehr!

Im Wintersemester 2021/22 erarbeiteten fünf Studierende aus den Bereichen Kommunikationsdesign und freie Kunst der HBKsaar originalgrafischen Plakate zum Stück »Jedermann. Bliesgau/Monsieur Tout Le Monde«, das vom 4. – 19. Juni im Europäischen Kulturpark Bliesbruck-Reinheim gezeigt wird. Die Entwürfe kann man bis Ende der Spielzeit im Mittelfoyer des Staatstheaters und ab dem 4. Juni im Raum auf der Grenze des Kulturparks sehen. In loser Reihenfolge stellen die jungen Plakatkünstler sich und ihre Entwürfe an Hand eines Fragebogens, den Produktions- Dramaturgin Simone Kranz entwarf, vor.

Stellen Sie sich kurz vor:

Ich bin Christian Dietz, geboren in Ludwigshafen am Rhein. Nach fünf Jahren in der Weinbranche, beschloss ich 2018, das Handwerk zu studieren, das ich ohnehin die ganze Zeit verfolgte: Kommunikationsdesign. Aufgewachsen in einer südwestdeutschen Weinregion habe ich lange verschiedenste Kommunikationsmittel für Weingüter entworfen und sowohl Fotografie, Film, Grafik- und Webdesign kennenlernen dürfen. Nach Studienbeginn an der Hochschule der Bildenden Künste Saar im Wintersemester 2018/2019 trat ich dem dortigen Atelier für Typografie bei.

Was hat Sie an der Aufgabenstellung gereizt, für ein Theaterstück ein Plakat zu entwerfen?

Mich hat es zum einen gereizt, dass ich ganz offen gesagt glaube, dass Kulturinstitutionen wie Theater eine andere Offenheit für experimentelle Gestaltungsansätze haben und man sich hier gestalterisch schön entfalten kann. Diese Erfahrung hat sich in den Zwischengesprächen mit dem Saarländischen Staatstheater bewiesen – alle Ansätze, waren sie noch so ungewöhnlich, trafen auf offene Ohren, oder eher: Offene Augen. Auch die Möglichkeit, alle Entwürfe gesammelt in einer Ausstellung des Haupthaus zeigen zu können, war für mich reizvoll. Theaterstücke bieten eine tolle Vorlage für so viele unterschiedliche Gestaltungsansätze; es ergeben sich so viele Startpunkte, um etwas zu entwickelt, sei es vom Stück ausgehend oder vom Bühnenbild oder oder oder, das macht einfach Freude. Ich wählte den Ansatz, Zitate aus dem Stück typografisch in den analogen Drucktechniken aufzubereiten und ihnen so eine eigene Anmutung zu geben.

Wie sind Sie auf die Idee zu ihrem Entwurf gekommen?

Das ausgewählte Zitat »Seid allesamt willkommen sehr – Erweist mir heut’ die letzte Ehr’«, das Jedermann zu den Gästen seines letzten großen Festes im Wahn ausspricht, reizte mich beim Durchlesen des Stückes direkt, da es eine schöne Dimension zum Betrachtenden des Plakates eröffnet. Wer ist angesprochen? Das Zitat springt aus dem Stück heraus und übernimmt auf dem Plakat die Rolle der Einladung. Die Gestaltung wurde mit schwarzen, dicken Tape-Streifen analog erstellt, um das „fette, prassende“ Leben des Jedermann visuell aufzugreifen. Dazu mehr in der Erläuterung des Entwurfs.
Der Entwurf »Nun steckt er drin, schreit Ach und Weh. Das folgt halt wie aufs A das B.« geht auf das ambivalente Verhältnis zu Geld ein, das sowohl im ausgewählten Zitat, als auch im gesamten Stück steckt. Es wird durch einen Materialdruck mit 20ct-Münzen aufgegriffen.  
Geld wird Druckstock, bekommt also einen neuen, ganz anderen Wert, als der ihm eigentlich innewohnende, was besonders dadurch klar wird, wenn die 20ct-Münzen per Säge halbiert und geviertelt werden. Was sind sie jetzt noch, Geld oder Druckstock? Welchen Wert haben Sie nun – mehr oder weniger?
Das Zitat »Nun steckt er drin, schreit Ach und Weh. Das folgt halt wie aufs A das B.« interessierte mich, da es Jedermann im ersten Drittel des Stückes zu einem Schuldknecht sagt, der um eine kurze Fristverschiebung für seine Rückzahlung bittet. Diese gewährt Jedermann aber nicht und bestraft den Schuldknecht weiter. Später aber, wenn Jedermann selbst in der Situation steckt, seine Sünden in der kurzen ihm verbliebenen Zeit wiedergutzumachen, erbettelt er plötzlich selbst eine Fristverschiebung vom Tod. Auch hier schreit die Ambivalenz.

Was war für Sie die besondere Herausforderung bei der Aufgabenstellung?

Mir war schnell klar, dass ich einen typografischen Ansatz an die Plakate wählen möchte, also mit Schrift arbeiten und Schriftbilder zeichnen möchte. Zum einen, weil sich die Techniken Hochdruck und Siebdruck hervorragend für den Umgang mit Schrift anbieten und zum anderen, weil ich auch im Gesamtgefüge des Kurses einen Ansatz wählen wollte, der neben den tollen Illustrationen eine weitere gestalterische Ebene darstellt. Ich stellte mir also persönlich die Herausforderung, Zitate aus der Textvorlage auszuwählen, die auf mehreren Ebenen lesbar waren und den Plakaten eine Mehrdeutigkeit geben können und diese dann auf experimentelle Art typografisch in den Druck zu bringen.  

Möchten Sie ihren Entwurf kurz erläutern?

»Seid allesamt willkommen sehr – erweist mir heut’ die letzte Ehr’« spricht der in Sünde gefallene »Jedermann« zu seinen Gästen, die er ein letztes Mal zu einem großen Festmahl einlud.
Im Theater spricht man davon, die »vierte Wand« zu durchbrechen, wenn Schauspieler*innen direkt mit dem Publikum interagieren. Dieser Entwurf übernimmt diese Rolle und durchbricht die vierte Wand, indem er mit dem Zitat aus dem Stück das potentielle Publikum direkt anspricht und einlädt, das Theaterhaus zu besuchen. So wird eine neue Ebene eröffnet, die besonders nach zwei Jahren Pandemie eine Geste der großen Einladung darstellt.
Um das fette Dasein des Jedermann, der ein prassendes Leben ohne Grenzen führt, aufzugreifen, wurde der Schriftzug mit dicken schwarzen Tape-Streifen analog gestaltet. So sollte zum einen eine anthropozäne Anmutung erzielt werden und gleichzeitig das »prassende, fette Leben« betont werden. Die aus Tape hergeleitete Schrift wurde dann auf eine A2-formatige Linolplatte übertragen und über eine Buchdruckpresse abgedruckt.
Bei »Schreit Ach & Weh« habe ich die Technik des Materialdrucks eingesetzt, um halbierte und geviertelte 20-Cent Euro-Münzen mit einer Buchdruckpresse auf handgeschöpftes Papier zu drucken. Das angefeuchtete, schmiegsame Büttenpapier war nötig, um das unterschiedliche Relief der Münzen sauber abzubilden. Dazu entwarf ich eine Schrift aus Viertel- und Halbkreisen; sägte und schleifte eine ganze Reihe von Münzen, die ich schließlich auf einen hölzernen Druckstock aufbrachte und abdruckte. Die Technik des analogen Drucks war nicht nur als Hintergrundidee, sondern auch als stilprägender Faktor in den gesamten Prozess der Gestaltung eingebunden.

Wollen Sie sonst noch etwas zum Projekt anmerken?

Es hat großen Spaß gemacht und ich bin natürlich sehr dankbar, dass einer meiner Entwürfe ausgewählt wurde, um dieses tolle Stück zu repräsentieren. Ich hoffe, die HBK und das SST verstärken ihre Zusammenarbeit auch in der Zukunft immer stärker! Die Kultur muss zusammenhalten. Danke für dieses tolle Projekt und danke für Ihre Offenheit.

Ein Projekt in Unterstützung des:

Kategorien
Hinter dem Vorhang

Wie bekomme ich Passanten dazu, vor dem Plakat stehen zu bleiben?

Im Wintersemester 2021/22 erarbeiteten fünf Studierende aus den Bereichen Kommunikationsdesign und freie Kunst der HBKsaar originalgrafischen Plakate zum Stück »Jedermann. Bliesgau/Monsieur Tout Le Monde«, das vom 4. – 19. Juni im Europäischen Kulturpark Bliesbruck-Reinheim gezeigt wird. Das Seminar fand unter Leitung von Dirk Rausch und Eva Walker statt. In loser Reihenfolge stellen die jungen Plakatkünstler sich und ihre Entwürfe an Hand eines Fragebogens, den Produktions- Dramaturgin Simone Kranz entwarf, vor. Hier die Antworten von Lea Hitzelberger. Alle Entwürfe kann man bis zum Spielzeitende im Mittelfoyer des Staatstheaters sehen. Außerdem gibt es am 4. Juni um 19 Uhr eine Vernissage der Ausstellung im Raum auf der Grenze im Europäischen Kulturpark.

Lea Katharina Hitzelberger studiert Kommunikationsdesign an der HBKsaar.

Stellen Sie sich kurz vor.

Mein Name ist Lea Katharina Hitzelberger, geboren und großgeworden bin ich im Saarland und seit Oktober 2020 studiere ich an der HBKsaar. Mein Fachbereich ist Kommunikationsdesign, besonders interessiert mich dabei das Gestalten und Layouten von Magazinen oder Plakaten, gleichzeitig begeistert mich aber auch das Illustrieren und Schreiben von (Kinder-)geschichten oder anderen Texten. Zudem habe ich im vorherigen Semester in Blockseminaren die Techniken des Hoch- und Tiefdrucks kennen- und lieben gelernt 🙂

Was hat Sie an der Aufgabenstellung gereizt, für ein Theaterstück ein Plakat zu entwerfen?

Der Kurs war eine tolle Chance, da ich so zum ersten Mal die Möglichkeit hatte, ein Plakat gebunden an bestimmte Vorgaben und für die Öffentlichkeit zu gestalten. Außerdem besuche ich selbst liebend gern Theaterstücke, was die Aufgabe der Gestaltung für ein Stück noch reizvoller gemacht hat.

Wie sind Sie auf die Idee zu ihrem Entwurf gekommen?

Ich wollte den Jedermann zum einen als Person, gleichzeitig aber auch den Begriff »Jedermann« in meinem Entwurf umzusetzen, da dies eben nicht bloß der Name der Hauptfigur des Stückes ist, sondern dessen Geschichte allgemeingültig und auf jeden zutreffend ist. Die Botschaft des Stückes ist zeitlos und hält unserer Gesellschaft einen Spiegel vor.

Was war für Sie die besondere Herausforderung bei der Aufgabenstellung?

Herausfordernd fand ich besonders, die Informationen zum Stück in Einklang mit meiner Illustration zu bringen. Welche Schriftart ist passend, wie setze ich den Text, wie bringe ich die wichtigsten Daten hervor, wie mache ich deutlich, worum es geht und wie bekomme ich Passanten dazu, vor dem Plakat stehen zu bleiben und es sich genauer anzuschauen?

Möchten Sie ihren Entwurf kurz erläutern?

Die Person auf meinem Entwurf stellt den Jedermann dar, dazu habe ich nach einem »neutralen« und typischen Portraitbild gesucht, als Vorlage diente mir dazu natürlich der Schauspieler Fabian Gröver, der die Rolle spiel. Bei der Bekleidung des Jedermann habe ich mich für ein klassisches Karohemd entschieden, da wohl (fast) jeder ein solches im Schrank hängen hat und die Übertragbarkeit Jedermanns Rolle auf uns alle deutlich gemacht wird.

Bei dem Portrait handelt es sich um einen Linolschnitt, die Schrift wurde gesiebdruckt.

Wollen Sie sonst noch etwas zum Projekt anmerken?

Ich freue mich auf die Aufführung, die Location im Kulturpark, bin gespannt auf die Umsetzung des Stückes und hatte viel Spaß dabei, das erste Mal etwas für einen ‚Kunden‘/ für die Öffentlichkeit gestalten zu dürfen! 🙂

Kategorien
Hinter dem Vorhang Theaterblog

Wer bin ich? Wer war ich? Wer will ich, wer kann ich sein?

Im Wintersemester 2021/22 erarbeiteten fünf Studierende aus den Bereichen Kommunikationsdesign und freie Kunst der HBKsaar originalgrafischen Plakate zum Stück »Jedermann. Bliesgau/Monsieur Tout Le Monde«, das vom 4. – 19. Juni im Europäischen Kulturpark Bliesbruck-Reinheim gezeigt wird. Das Seminar fand unter Leitung von Dirk Rausch und Eva Walker statt. In loser Reihenfolge stellen die jungen Plakatkünstler sich und ihre Entwürfe an Hand eines Fragebogens, den Produktions- Dramaturgin Simone Kranz entwarf, vor. Hier die Antworten von Meret Maike Paul. Alle Entwürfe kann man bis zum Spielzeitende im Mittelfoyer des Staatstheaters sehen.

Maike Paul

Stellen Sie sich kurz vor.

Ich heiße Maike Paul, komme gebürtig aus Saarbrücken und studiere seit Oktober 2019 an der HBKsaar Kommunikationsdesign, was auch meinem späteren Berufswunsch entspricht.

Was hat Sie an der Aufgabenstellung gereizt, für ein Theaterstück ein Plakat zu entwerfen?

Die Aufgabenstellung hat mich insbesondere deswegen gereizt, weil die Aufgabe aus einem künstlerischen Schaffungsprozess kam, an dem wir während unseres Gestaltungsprozesses teilhaben durften. So wurde uns z.B. die Konzeption des Bühnenbildes vorgestellt, die mich wiederum in meiner Plakatgestaltung sehr inspirierte.

Erster Plakatentwurf von Maike Paul.

Wie sind Sie auf die Idee zu ihrem Entwurf gekommen?

Zunächst habe ich mich mit dem Theaterstück auseinandergesetzt und die für mich prägnanten Details herausgearbeitet. Hierbei war auch der Austausch mit dem Team vom Theater und der Gruppe an der HBKsaar maßgebend. Gleichzeitig habe ich mit den analogen Drucktechniken des Sieb- und Hochdrucks experimentiert.

Was war für Sie die besondere Herausforderung bei der Aufgabenstellung?

Eine besondere Herausforderung für mich war, dass wir zu Beginn des Entwurfs erst einmal nur wenige Informationen zum Theaterstück hatten und dass der Entwurf gezielt im Sieb– und Hochdruckverfahren umgesetzt werden sollte.

Möchten Sie ihren Entwurf kurz erläutern?

Mein Entwurf »Ellipse« bezieht sich vor allem auf das Rennen gegen die Zeit, das Jedermann antritt, als er dem Tod begegnet. Bin ich gut? Bin ich böse? Die Zeit läuft ab, der Abgrund ist nahe.

Mein zweiter Entwurf »Verzerrt« hingegen bezieht sich mehr auf den inneren Kampf, das Ringen Jedermanns um Gut und Böse. Wer bin ich? Wer war ich? Wer will ich, wer kann ich sein?

Ein Projekt in Unterstützung des:

Kategorien
Hinter dem Vorhang Theaterblog

Wer kontrolliert wen? Jedermann das Geld oder das Geld Jedermann?

Im Wintersemester 2021/22 erarbeiteten fünf Studierende aus den Bereichen Kommunikationsdesign und freie Kunst der HBKsaar originalgrafischen Plakate zum Stück »Jedermann. Bliesgau/Monsieur Tout Le Monde«, das vom 4. – 19. Juni im Europäischen Kulturpark Bliesbruck-Reinheim gezeigt wird. Das Seminar fand unter Leitung von Dirk Rausch und Eva Walker statt. In loser Reihenfolge stellen die jungen Plakatkünstler sich und ihre Entwürfe an Hand eines Fragebogens, den Produktions- Dramaturgin Simone Kranz entwarf, vor. Hier die Antworten von Maurice Brossette. Alle Entwürfe kann man bis zum Spielzeitende im Mittelfoyer des Staatstheaters sehen. Außerdem gibt es am 4. Juni um 19 Uhr eine Vernissage der Ausstellung im Raum auf der Grenze im Europäischen Kulturpark.

Stellen Sie sich kurz vor.

Ich bin Maurice Brossette, im Saarland geboren und studiere Kommunikationsdesign an der HBKsaar. Besonders interessieren mich Grafikdesign und die Anwendung verschiedener analoger Drucktechniken.

Wie sind Sie auf die Idee zu ihrem Entwurf gekommen?

Wer kontrolliert wen? Jedermann das Geld oder das Geld Jedermann? Die Idee für den ersten Entwurf war Schnüre aus Gold abzubilden, als Symbol für das Vermögen an dem Jedermann hängt … wie eine Marionette.

Für den zweiten Entwurf wollte ich eine Verbindung zur Klimakrise und deren Kipppunkte schaf­fen. Für diese Darstellung hatte ich die Idee einer Sanduhr. Gleichzeitig stellt die Sanduhr die ver­rinnende Zeit in Jedermanns Leben dar.

Was war für Sie die besondere Herausforderung bei der Aufgabenstellung?

Für mich war die Herausforderung Plakate zu gestalten, die durch ihr reduziertes Design anspre­chend sind und gleichzeitig das Thema des Stückes passend aufgreifen. Eine weitere Herausfor­derung beim Entwerfen war auf die jeweiligen Einschränkungen, die die verwendeten Drucktech­niken mit sich bringen, zu achten.

Möchten Sie ihren Entwurf kurz erläutern?

Das Schnüre-Plakat entstand in insgesamt vier Druckdurchgängen. Zuerst wurde der Titel im Hochdruckverfahren mit Holzlettern gedruckt. Danach wurden die Schnüre im Siebdruckverfahren in drei Durchgängen gedruckt. Die Schnüre wurden digital aufgerastert, um einen dreidimensiona­len Effekt zu erzeugen. Die fette Typografie spannt den Bogen zu dem ausladenden Lebensstil des Jedermann.

Das Sanduhr-Plakat wurde in zwei Durchgängen gedruckt. Die grüne Fläche, bei der die Typo­grafie ausgespart wurde, entstand im Siebdruckverfahren. Die Sanduhr selbst ist ein Linolschnitt. Der umlaufende Text erinnert an den Sand, der durch die Sanduhr fließt. Jedermann fällt durch die Sanduhr in eine Leere. Er ist als gesichtslose Spielfigur abgebildet.

Beide Plakate zeigen simple, aber ausdrucksstarke Elemente, wodurch Wiedererkennbarkeit er­zeugt wird. Sie haben einen gewollten Interpretationsspielraum und transportieren eine bestimmte Stimmung.

Wollen Sie sonst noch etwas zum Projekt anmerken?

Toll, dass eine Kooperation zwischen der HBKsaar und dem saarländischen Staatstheater möglich war.

Ein Projekt in Unterstützung des: