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Hinter dem Vorhang Theaterblog

Tuschestriche, die Gruppen- und Einzeldynamiken festhalten

Im Wintersemester 2021/22 erarbeiteten fünf Studierende aus den Bereichen Kommunikationsdesign und freie Kunst der HBKsaar originalgrafischen Plakate zum Stück »Jedermann. Bliesgau/Monsieur Tout Le Monde«, das vom 4. – 19. Juni im Europäischen Kulturpark Bliesbruck-Reinheim gezeigt wird. Das Seminar fand unter Leitung von Dirk Rausch und Eva Walker statt. In loser Reihenfolge stellen die jungen Plakatkünstler sich und ihre Entwürfe an Hand eines Fragebogens, den Produktions- Dramaturgin Simone Kranz entwarf, vor. Hier die Antworten von Meret Sophie Preiß. Alle Entwürfe kann man bis zum Spielzeitende im Mittelfoyer des Staatstheaters sehen. Außerdem gibt es am 4. Juni um 19 Uhr eine Vernissage mit den Exponaten im Raum auf der Grenze im Europäischen Kulturpark.

Stellen Sie sich kurz vor.

Mein Name ist Meret Sophie Preiß, ich bin 2001 in Saarbrücken geboren und studiere seit dem WS 2019/20 an der HBKsaar Freie Kunst bei Prof. Katharina Hinsberg. Mein Hauptschwerpunkt liegt bei der Zeichnung, ich bin allerdings auch sehr interessiert an Text(-arbeit), was mich dazu gebracht hat, Ende 2020 ein zweites Studium an der Universität des Saarlandes zu beginnen, wo ich nun Kunst- und Bildwissenschaft im Hauptfach und Germanistik im Nebenfach studiere. Mein späterer Berufswunsch liegt definitiv im Kulturbereich – das Arbeiten als Freie Künstlerin möchte ich gerne kombinieren mit Kuratieren oder (kultur-) journalistischer Arbeit.

Was hat Sie an der Aufgabenstellung gereizt, für ein Theaterstück ein Plakat zu entwerfen?

Da ich selbst seit Jahren eine enge Verbindung zum Theater habe, Freude am Texte lesen und Interesse am Drucken, hat mich die Aussicht auf eine Kooperation mit dem Saarländischen Staatstheater, direkt angesprochen. Zwar hatte ich zuvor noch keine Erfahrung mit dem Entwerfen von Plakaten, wollte mich aber gerne der Herausforderung stellen.

Wie sind Sie auf die Idee zu ihrem Entwurf gekommen?

Nachdem ich am Anfang sehr unschlüssig war, wie ich an den Entwurf herangehen wollte, viel mit der Symbolik von Sand (Anm.: Sand ist Bestandteil des Bühnenbildes) herumprobiert hatte, aber zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis kam, machte mich Dirk Rausch auf die inhaltliche Parallele zu meiner aktuellen persönlichen künstlerischen Arbeit aufmerksam, bei der ich mit Tuschestrichen Gruppen- und Einzeldynamiken festhalte. Das einzelne Individuum verschwindet in der Homogenität der Masse; ein langer Schatten, der sich den einzelnen Gestalten anhängt, deutet auf eine sich außerhalb des Bildrandes befindende Lichtquelle hin, der sich die Menschen annähern, vielleicht aber auch davon fortbewegen. Damit war das Motiv gefunden, der darauffolgende Prozess beschäftigte sich dann mit der letztendlichen Anordnung der Schattenmenschen und des Designs.

Was war für Sie die besondere Herausforderung bei der Aufgabenstellung?

Besondere Herausforderung war für mich das Digitalisieren des Plakatentwurfs und das Arbeiten mit Schrift, da beides Bereiche sind, denen ich mich zuvor noch nicht unbedingt gewidmet hatte. Meine künstlerische Arbeit bewegt sich vor allem im analogen Bereich, weswegen ich mir hier und da Unterstützung meiner Kommiliton*innen aus dem Kommunikationsdesign holen musste, um meinen Entwurf umzusetzen.

Wollen Sie sonst noch etwas zum Projekt anmerken?

Alles in allem war es ein umfassend spannendes Projekt, da es sehr vielseitig war. Zum einen der Austausch mit dem Theater, wo wir beispielsweise via Zoom mit der Dramaturgin und der Bühnenbildnerin über die Ideen und geplanten Umsetzungen des Stückes redeten; einen Einblick in den Probenalltag erhielten oder eben Zuspruch und weitestgehend freie Hand über die Plakatentwürfe von Seiten der PR-Abteilung des Staatstheaters erhielten. Zum anderen aber auch die Arbeit in den Druckwerkstätten der HBKsaar, das Verwerfen und Erneuern von Entwürfen, die Umsetzung der Entwürfe mit zwei verschiedenen Drucktechniken (Siebdruck und Hochdruck) und die Begleitung durch Dirk und Eva, die wöchentlich mit uns an dem Projekt arbeiteten, sind Dinge, die ich aus dem Kurs bzw. der Kooperation mitnehmen konnte.

Weitere Informationen rund um Stück »Jedermann. Bliesgau/Monsieur Tout Le Monde« gibt es hier.

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Hinter dem Vorhang

Staatstheater arbeitet mit jungen Plakatkünstlern zusammen

Vernissage im Mittelfoyer am 9. Mai um 18 Uhr.

Stückplakate für eine Inszenierung? Viel zu teuer! Diese Einsicht gehört leider zum Alltag des Teams für Öffentlichkeitsarbeit am Saarländischen Staatstheater (Moni Liegmann und Ines Schäfer). Doch durch eine Kooperation mit der Hochschule für Bildende Künste Saar und die Unterstützung, des deutsch-französischen Bürgerfonds konnte bei dem bilingualen Theaterprojekt »Jedermann. Bliesgau/Monsieut Tout Le Monde« eine Ausnahme gemacht werden. Durch die Förderung ist es möglich, die Plakate in der Grenzregion zwischen Sarreguemines und Reinheim zu hängen und so Zuschauer von beiden Seiten der Grenze zu dem Projekt einzuladen.  In loser Reihenfolge stellt Dramaturgin Simone Kranz die Aktion und die jungen Plakatkünstler auf unserem BLOG vor. Den Anfang macht ein Text von Eva Walker und Dirk Rausch, den beiden Dozenten, die das Projekt an der HBKsaar leiten.

Schwierige Entscheidung: Dirk Rausch (HBKsaar, Ines Schäfer (Öffentlichkeitsarbeit SST), Horst Busch (Chefdramaturg), Simone Kranz (Produktionsdramaturgin), Bettina Bruinier (Schauspieldirektorin) und Eva Walker (HBKsaar) bei der Plakatauswahl.

Unter Druck – Hochdruck trifft Siebdruck

Im Wintersemester 2021/22 erarbeiteten fünf Studierende aus den Bereichen Kommunikationsdesign und freie Kunst originalgrafische Plakate zum Stück »Jedermann. Bliesgau/Monsieut Tout Le Monde«. Das Seminar fand in den Druckwerkstätten der Hochschule statt. Ziel war es, die beiden Drucktechniken Sieb- und Hochdruck gestalterisch und technisch miteinander zu verbinden. Eine ungewöhnliche Herausforderung für die Studierenden, die Grenzen und Potentiale beider Druckmedien auszuloten. Im Gegensatz zu rein digital entworfenen Plakaten, bedurfte es zudem mehr Zeit für die Vorbereitung und insbesondere für die Umsetzung. Während des Semesters stand die Gruppe dabei in Kontakt mit dem Produktionsteam des Staatstheaters und tauschte sich über Arbeitsprozesse und auch das Stück aus. Entstanden sind Plakate, die eine große Vielfalt an gestalterischen und technischen Herangehensweisen zeigen und die in Kleinauflagen produziert worden sind. Ein Entwurf von Christian Dietz aus dem Bereich Kommunikationsdesign wurde zur Ankündigung des Stücks ausgewählt. Die beteiligten Studierenden sind Lea Katharina Hitzelberger, Meret Preiß, Maike Paul, Maurice Brossette und Christian Dietz. Die Arbeiten werden in einer Vernissage am 9.5 um 18 Uhr im Mittelfoyer des Staatstheaters in Anwesenheit der Künstler vorgestellt und können käuflich erworben werden.

Eva Walker, Dirk Rausch

Ein Projekt in Unterstützung des:

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Auf ein Wort

ÜBER DEMOKRATISCHE SCHIEFLAGEN, EXALTIERTE FIGUREN UND ZEITGENOSSENSCHAFT

In dem Dramentext VERFAHREN geht es um den historischen NSU-Prozess und das Bedürfnis der Aufarbeitung dieser rechtsextremistischen Mordserie sowie um die neueren Anschläge und Methodiken aus der rechten Szene den Rechtsstaat zu schwächen. Ein Stoff, der durch die literarische und theatrale Bearbeitung zu einem fiktionalen Dialog mit uns Publikum geworden ist und – nicht ohne humoreske Überzeichnung – ein Appell der Positionierung an uns richtet. Regisseurin Marie Bues gibt uns im Gespräch mit Produktionsdramaturgin Bettina Schuster-Gäb Einblicke in ihren inszenatorischen Umgang mit Stück und Thematik.   

Foto © Martin Kaufhold.

Bettina Schuster-Gäb: Was ist inszenatorisch reizvoll an dem Verfahrensstoff?

Marie Bues: In erster Linie: die politische Botschaft! Verfahren ist einerseits ein Reflektieren des NSU-Prozesses und damit ein Reflektieren unseres Justizsystems und seiner Grenzen, sowie andererseits ein politisches Aufarbeiten unangenehmster jüngster deutscher Geschichte.

BSG: Es wendet sich also nicht nur den letzten 20 Jahren oder sogar den Nachwende-Jahren zu ,…

MB: … sondern auch unserem Hier und Jetzt, der Verlängerung der Terrorachse von rechts bis in unsere Gegenwart hinein und will diesen Rechtsruck thematisieren. In einer Zeit, in der Rechtsextremisten Attentate begehen, Hackangriffe auf Kommunen verüben, rechte Parolen über freie Wahlen wieder Einzug in Landesparlamente erhalten, in einer Zeit, in der rechte Meinungen also wieder salonfähig in der Mitte der Gesellschaft werden, und in der in nicht allzu fernen Ländern demokratische Grundprinzipien abgeschafft und mit den Füßen getreten werden, indem dort Diktatoren das Ruder übernehmen, in diesen Zeiten sollte das Theater und seine zeitgenössischen Autor*innen genau diese demokratische Schieflage reflektieren und in unser Bewusstsein bringen. 

BSG: Wie schafft dies Kathrin Röggla und an was kann sich die Regie hier abarbeiten?

MB: Das Stück betrachtet den Prozess nicht aus einer Opfer- oder Täterperspektive, sondern versucht »normalen« Bürger*innen, den Zuschauer*innen eines Prozesses und ihren unterschiedlichen Meinungen zu dem Prozess Raum zu geben. Damit bringt sie verschiedene Strömungen in der Gesellschaft zum Sprechen, und weist auch deren Ängste und Verwicklungen in die Themen, die der Prozess aufwirft, auf. Ihre Sprache ist präzise und humorvoll, ja manchmal von beißendem bitteren Humor, der entlarvend ist. Es ist die Sprache, die durch dieses Verfahren führt und uns die Kraft von Sprache im Gericht, überhaupt das Werkzeug der Sprache als Machtinstrument verständlich macht. Sie ist die eigentliche Hauptakteur*in.

BSG: Und was ist mit den Figuren im Stück? Wie schaffen sie die Balance zwischen dokumentarischem Material und literarischer wie auch theatraler Fiktion?  

MB: Multiperspektive ist ein vertrautes Mittel im Theater, durch Einteilung eines Textes in Figuren per se, und dennoch ein ungewöhnliches Mittel, wenn es um so einen hochpolitisierten Prozess geht, an dem sich gesellschaftlich so vieles entzündet hat. Es wäre einfacher, sich einseitiger, also klarer zu positionieren. Ich bin dankbar, dass Kathrin Röggla differenziert schaut, jahrelang verschiedene Perspektiven auf diesen Prozess recherchiert und in Worte gefasst hat. Das ist sehr wertvoll in einer Gesellschaft, die angesichts bestimmter Diskurse zur Generalisierung neigt. Dass die Rechtstaatlichkeit eine Grundstütze der Demokratie ist, was vielen im Alltag fernab politischer Entscheidungen so nicht klar ist, wird im Stück zur Grundthematik ausgebaut. Im Stück wird das durch die Gerichtsdienerin gezeigt, die sozusagen das Sprachrohr des Gerichts ist und immer mehr angegriffen wird, ins Schleudern kommt beim Reenactment dieses Prozesses. Weil er eben viel zu ausufernd ist, weil er einerseits zu klein angesetzt wurde (die Theorie eines Trios, anstatt eines großen Netzwerks) und anderseits nicht genug gerichtet hat (betreffend die Angeklagten selbst sowie die schweigenden rechten Helfer, die vor weitergehenden Ermittlungen verschont blieben, die Versäumnisse seitens des Staats betreffend) etc.

BSG: Insofern sprechen die Figuren auch über sich hinaus für eine Gerichtsöffentlichkeit, die Aufarbeitung verlangt. Hier geht es dann plötzlich viel mehr um Erinnerungskultur als um Figurenpsychologie – und damit auch um die Zukunft.

MB: Absolut. Da es im Text immer wieder die Schauspieler*innenebene gibt, in der die Spieler*innen darüber sprechen, wie das Reenactment des Prozesses ihnen so gelingt und was daran wiederum nicht ganz hinhaut, liegt in dieser Methodik auch die gesellschaftliche Möglichkeit der Selbsthinterfragung und der zukünftigen »demokratischen Verbesserung« für uns als Theaterschauende.

BSG: Das Regieteam besteht ja noch aus Heike Mondschein, Bahar Meriç und Kat Kaufmann – wie spielen die Elemente Bühne und Kostüme, Choreografie und Musik in dieser Arbeit ineinander?

MB: Wir haben uns für eine abstrakte Setzung entschieden: eine Bühne, die an Orte der demokratischen Öffentlichkeit erinnert, an eine antike Agora oder an öffentliche Platzarchitekturen, aber auch an ein Labyrinth. Wir haben das Stück so nicht direkt ins Gericht gesetzt (das macht ja bereits der Text), sondern an einen allgemeineren Verhandlungsort des öffentlichen Lebens, der Demokratie. Durch die abstrakte Setzung und die immergleiche Situation im Stück – das Warten auf den Prozess oder auf den Fortgang des Prozesses – haben wir uns erlaubt eine eigene Art theatraler Ebene einzuziehen: eine etwas grotesk überhöhte Körperlichkeit der Figuren und der Gruppe »Emporencommunity«. Die Choreographin Bahar Meriç hat hier an verschiedenen zeichenhaften Bewegungen für die einzelnen Figuren gearbeitet und einige Gruppenbilder und Choreografien geschaffen, die den Zustand der Prozessbeobachter*innen auf artifizielle Art und Weise beschreibt.

Die Kostüme sind sehr »fashionable«, extrem/exaltiert, und stimmen nicht in jedem Moment mit der im Stück befindliche Beschreibung der Figuren überein. Das haben wir gemacht, weil wir die Figurenbeschreibungen als gedankliche Verortungen empfanden, die auf der Bühne nicht 1:1 beglaubigt werden muss. Wir haben zum Beispiel auch nicht »typbesetzt«: den »Sogenannten Ausländer« spielt im Stück eben auch kein türkischstämmiger Schauspieler. Das wäre nicht gut gewesen und hätte Klischees bestätigt, gegen die das Stück sich aktiv wendet. So wenden wir uns auch in der Besetzung gegen ein Typcasting nach Nationalität, Hautfarbe oder Gender.

Die Musik von Kat Kaufmann versucht auch die Trauer und die Ernsthaftigkeit mit ins Zentrum zu rücken und auf der musikalischen Ebene neben aller Aufgedrehtheit der absurden Beobachter*innenpositionen das Wesentliche nicht aus dem Auge zu verlieren: die unfassbare Grausamkeit dieser Mordserie, und der Kontinuität dieser Taten und ihrer gedanklichen Anfänge in unserer Gesellschaft.

Foto © Martin Kaufhold.

BSG: Du hast dich seit Beginn deiner Regielaufbahn bewusst für zeitgenössische Dramatik entschieden – deine Regiearbeiten lesen sich als seismographische Stimme der Jetztzeit, u.a. lässt sich daraus eine enge Verbundenheit mit Thomas Köck und Sivan Ben Yishai, aber auch mit Felicia Zeller, Elfriede Jelinek und Sibylle Berg herauslesen. Was haben diese Texte, was klassische Stoffe nicht haben?

MB: Mich mit unserer unmittelbaren Gegenwart zu beschäftigen und dies mit unserer heutigen Sprache und unserem heutigen Humor zu reflektieren, ist eine ganz bewußte Entscheidung. Mit Autor*innen, mit denen ich mich auseinandersetzen kann, mit denen ich Themen der Stücke besprechen und damit auch ein stückweit erarbeiten kann. Das interessiert mich persönlich am meisten am Theater. Ich habe Spass daran mich damit zu beschäftigen, wie aus unserer Zeitgenossenschaft eine Sprache, wie daraus Perspektiven und Spielweisen entstehen. 

Foto © Kerstin Schomburg.

Marie Bues (Regisseurin und Künstlerische Leiterin des Theater Rampe Stuttgart) studierte Schauspiel an der Staatlichen Hochschule in Stuttgart. Seit 2008 inszeniert sie als freie Regisseurin u.a. am Staatsschauspiel Hannover, Theater Basel, Theater Osnabrück, Residenztheater München, Staatstheater Karlsruhe und am Nationaltheater Mannheim. An Produktionshäusern wie den Sophiensaelen Berlin, der Garage X Wien oder dem Schlachthaus Theater Bern arbeitet sie in unterschiedlichen freien Konstellationen. Eine kontinuierliche Zusammenarbeit verbindet sie mit Autor*innen wie Felicia Zeller, Sivan Ben Yishai, Thomas Köck und Nicoleta Esinencu. Am Saarländischen Staatstheater war 2016/2017 ihre Uraufführungsinszenierung von »Ich, dein großer analoger Bruder, sein verfickter Kater und du« von Felicia Zeller zu sehen. In dieser Spielzeit inszeniert Marie Bues nun die Uraufführung »Verfahren« von Kathrin Röggla.

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Der Dramaturgieschreibtisch

Else Lasker-Schüler-Dramatikpreisverleihung

Die Stückepreise gehen an Ariane Koch (»Die toten Freunde (Dinosauriermonologe)«), Patty Hamilton (»Peeling Oranges«) und Svenja Viola Bungarten (»Die Zukünftige«), die aus 100 Einsendungen von einer Jury ausgewählt wurden.

Nach einer Begrüßung durch die Intendanten Markus Müller (Mainz) und Urs Häberli (Kaiserslautern) und einem Musikbeitrag aus dem Else Lasker-Schüler Zyklus op.26A von Wilhelm Rettich verleiht die Ministerpräsidentin Malu Dreyer die Preise.

Sätze wie »Kultur ist das Herz der Gesellschaft«, »Theater und Kultur stehen für eine freiheitliche Welt und eine freie Gesellschaft« oder »Wir sind stolz auf unsere Theater« werden gesagt.

Es folgt eine szenische Lesung von Lisa Eder aus »Worst Case« von Kathrin Röggla, eine Laudatio von Dr. Frank Raddatz und Dankesworte von Kathrin Röggla.

Die Jury fand folgende Worte zum Schaffen Kathrin Rögglas:

Mit Kathrin Röggla wird eine Dramatikerin geehrt, die sich nicht scheut, gegenwärtige Themen aus dem Mittelpunkt unserer Gesellschaft in den Fokus ihrer Stücke zu nehmen. Die gebürtige Salzburgerin schafft es, mit Rhythmus, Bildlichkeit und Gestik hoch reflektierte Antworten auf das zu geben, was sie als forcierte Denkerin und Aktivistin wahrnimmt. Ihre Figuren werden sich selbst fremd, sie sprechen gerne im Konjunktiv oder in der dritten Person von sich selbst und spiegeln den Wahn nach Optimierung und der damit einhergehenden Überforderung wider. Um diesen realistischen Eindruck zu gewinnen und auf der Bühne darbieten zu können, hat Kathrin Röggla vor Ort für ihre Stücke recherchiert und Interviews mit in dieses Raster passenden Menschen geführt.

Nach einem Stehempfang steht die Vorstellung vom Pfalztheater Kaiserslautern »Der Popper« von Caren Jeß, der Stückepreisträgerin aus dem Jahr 2020 in einer Inszenierung von Ingo Putz, auf dem Programm.

Am 2. April 2022 hat die Uraufführung von Kathrin Rögglas Stück »Verfahren« Premiere in der Alten Feuerwache. Die Schriftstellerin und Dramatikerin kondensiert den fünf Jahre währenden Prozess um den NSU als literarische Zeitzeugin für uns in einen Theaterabend, der vielstimmig den Prozess und mit ihm verbundene Ängste und Erfahrungen offenlegt. Es ist kein Dokumentartheater, sondern ganz klar eine fiktive Grundsituation unter zivilen Prozessbeobachter*innen, die ein Wunsch eint: zu verfolgen, dass Recht Gerechtigkeit schafft.

Im Anschluss an die Vorstellungen am 27.04. und 19.05. gibt es die Möglichkeit, über das Gesehene zu sprechen. Unter dem Titel »Im Gespräch bleiben: Rassismus und Rechtsextremismus heute« lädt Schauspieldramaturgin Bettina Schuster-Gäb mit der Initiative Yalla! und dem Adolf-Bender-Zentrum zum Nachgespräch.


Horst Busch,
Chefdramaturg und Künstlerischer Leiter Schauspiel

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Der Dramaturgieschreibtisch

Nationaler Gedenktag für die Opfer von Terrorismus

Die Bundesregierung hat am 16.02.2022 die Einführung eines Nationalen Gedenktages für die Opfer terroristischer Gewalt sowie dessen jährliche Begehung ab dem 11. März 2022 beschlossen. Der 11. März knüpft an den Europäischen Gedenktag für die Opfer des Terrorismus an, der nach den Bombenanschlägen in Madrid vom 11. März 2004 eingeführt wurde. Die Europäische Union gedenkt seit 2005 jährlich den Opfern terroristischer Gräueltaten weltweit.

Der 11. März ist heute.

Streetart entlang der Saar erinnert an die Opfer des rechtsextremen Terroranschlags in Hanau. Foto © Bettina Schuster Gäb.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser sagte dazu: »Auch in den letzten Jahren haben furchtbare terroristische Taten wie das islamistische Attentat am Berliner Breitscheidplatz und die rechtsterroristischen Anschläge in Halle und Hanau unser Land erschüttert. Islamistische, rechtsextremistische und linksextremistische Anschläge haben in der Nachkriegsgeschichte großes Leid verursacht.

Wir wollen, dass das Schicksal der Opfer und ihrer Angehörigen uns allen in Staat und Gesellschaft bewusster ist. Wir wollen, dass die Opfer nie vergessen werden. Wir denken auch an die Menschen, die verletzt und traumatisiert wurden. Die Anschläge haben das Leben vieler Menschen dramatisch verändert. Viele kämpfen sich mit großer Kraft zurück ins Leben. Wir dürfen sie dabei nicht alleinlassen. Wir wollen die Betroffenen und ihre Familien mit mehr Empathie und Sensibilität unterstützen – in allen staatlichen Stellen.

Für all dies steht der Nationale Gedenktag für die Opfer terroristischer Gewalt, den wir ab diesem Jahr immer am 11. März begehen. Dieser Tag wird ein Tag der Erinnerung, des Mitgefühls, aber auch der Mahnung sein, mit aller Entschlossenheit gegen terroristische Bedrohungen vorzugehen.«

Die gesamte Pressemitteilung des Bundesministerium des Innern und für Heimat finden Sie hier: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2022/02/gedenktag-terroropfer.html

Die Namen der Opfer des rechtsextremen Terroranschlags in Hanau an einer Häuserwand entlang der Saar. Foto © Bettina Schuster Gäb.

Am 2. April 2022 hat die Uraufführung von Kathrin Rögglas Stück »Verfahren« Premiere. Die Schriftstellerin und Dramatikerin kondensiert den fünf Jahre währenden Prozess um den NSU als literarische Zeitzeugin für uns in einen Theaterabend, der vielstimmig den Prozess und mit ihm verbundene Ängste und Erfahrungen offenlegt. Es ist kein Dokumentartheater, sondern ganz klar eine fiktive Grundsituation unter zivilen Prozessbeobachter*innen, die ein Wunsch eint: zu verfolgen, dass Recht Gerechtigkeit schafft.

Im Anschluss an die Vorstellungen am 27.04. und 19.05. gibt es die Möglichkeit, über das Gesehene zu sprechen. Unter dem Titel »Im Gespräch bleiben: Rassismus und Rechtsextremismus heute« lädt Schauspieldramaturgin Bettina Schuster-Gäb mit der Initiative Yalla! und dem Adolf-Bender-Zentrum zum Nachgespräch.

Bettina Schuster-Gäb und Frederike Krüger,
Dramaturginnen

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Auf ein Wort

LACHEN TUT GUT

Ein Blick auf das weihnachtliche Beisammensein im Spiegel von Alan Ayckbourns Komödie »Schöne Bescherungen«.

Ulrike Jung | Foto © Julia Baur

S. Kranz: In »Schöne Bescherungen« wird eine Gruppe von Menschen gezeigt, die das Weihnachtsfest miteinander verbringen. Zum Teil sind sie verwandt, zum Teil befreundet. Innerhalb der Festgesellschaft gibt es bestimmte Konflikte, die sich über die Festtage dramatisch zuspitzen. Wahrscheinlich kennt jeder aus dem eigenen familiären Kontext, Konflikte, die sich um Weihnachten bündeln. Für manche sind die Weihnachtsfeiertage generell belastend. Woher kommt das eigentlich? Sind die Erwartungen an die als »Heile-Welt-Fest« vermarkteten Tage zu groß – und die Realität steht dem entgegen?

U. Jung: Ja. Ich denke, dass wir Menschen oft selbst eine bestimmte Erwartung an das Weihnachtsfest haben. Wir verbinden es gerne mit Ruhe, etwas Friedlichem und teilweise auch kindlichen Erwartungen. Wir hoffen darauf, nochmal Glitzer und etwas Traumhaftes zu erleben.

Anne Rieckhof in »Schöne Bescherungen« | Foto © Martin Kaufhold

S. Kranz: So scheint es auch der Hausherrin Belinda zu gehen. Ein guter Teil ihrer Energie ist darauf ausgerichtet, den Weihnachtsbaum zu dekorieren und so eine Glitzerwelt entstehen zu lassen. Angeblich macht sie das für die Kinder aber ihr scheint das auch viel zu geben.

U. Jung: Ja genau. Auf der einen Seite sind die Erwartungen, Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte vorhanden; auf der anderen Seite ist da aber das gelebte Leben mit den Menschen und den Beziehungen zu diesen Menschen, die teilweise doch sehr spannungsvoll sind. Und dann gibt es auch wieder Menschen, die gar nicht immer Teil der Familie sind und trotzdem dazugehören. Diese kommen nur an den Weihnachtsfeiertagen zur Familie und könnten sich seit dem letzten Fest verändert haben; die Erwartungen an sie speisen sich aber aus den Begegnungen, wie man sie kannte. Hier können Brüche entstehen. Außerdem treffen oft sehr verschiedene Charaktere aufeinander, so auch hier in diesem Stück: Harvey, Nevilles Onkel und der angeheiratete Schwager Bernard sind ja auch sehr unterschiedlich, wobei mich sehr gefreut hat, dass Bernard tatsächlich doch ein Stück seiner Kraft und Wut entdeckt hat und diese auch ausdrückt. Das fand ich sehr erfrischend.

S. Kranz: Harvey versucht ihn ja ständig zu provozieren, macht sich über sein Puppentheater lustig und spricht schlecht über ihn. Am Anfang versucht Bernard das zu ignorieren aber irgendwann wehrt er sich.
Aber kommen wir zurück zur Ausgangslage. Sie sagten, man sehnt sich zurück nach dem Weihnachtsfest der eigenen Kindheit. Aber die Kindheit ist ja für viele Menschen auch eine belastete Lebensperiode gewesen. Verdrängt man das dann alles, wenn man erwachsen ist, sodass die Kindheit als etwas Heiles erscheint und die Erinnerung an Weihnachten sich verklärt?

U. Jung: Nicht unbedingt. Aber eine schwierige Kindheit kann sogar zu den Sehnsüchten beitragen, einmal etwas Schönes, vielleicht auch Märchenhaftes und Verzaubertes erleben zu wollen.  Dieser Wunsch wird von der Wirtschaft genutzt, um Verkauf und Konsum zu steigern.

S. Kranz: Und warum schafft man das dann oft nicht, diesen Zustand mal zwei, drei Tage durchzuhalten?

U. Jung: Ich denke, es gibt dann wieder die anderen Teile im Menschen, die spannungsvollen Erfahrungen, die eigenen Begrenzungen. Man hat Sicherheiten, indem Dinge einem bestimmten gleichbleibenden Ablauf folgen, aber da sind dann auch die anderen Familienmitglieder, die die Feiertage auf ihre Weise gestalten wollen.

S. Kranz: Also zum Beispiel Phyllis, die Belindas herrliche Küche durch eine monströse Kochorgie ruiniert. Sie findet es normal, dass Belinda alle Aufgaben der Gastgeberin übernimmt und sieht die eigentliche Leistung bei sich, weil sie an einem Abend das Weihnachtsessen zubereitet.

U. Jung: Ja. Irgendwie ist man auch dünnhäutiger in diesen Tagen. Ein Gefühl von fehlender Wertschätzung oder nicht genügend Gesehen-Werden entwickelt sich dann leichter, was wiederum zu einem Eklat führen kann.

S. Kranz: Das Weihnachtsfest ist auch meistens mit einem familiär geprägten, alljährlich reproduzierten Ablaufs-Ritual belegt. Zum Beispiel was man an Weihnachten isst, ist immer gleich oder die Abfolge von Bescherungen und Essen ist auch schon vorgegeben. Warum ist das so? Warum sagt man nicht, zu Weihnachten kommt man zusammen und wir gucken einfach mal, wie sich der Abend entwickelt?

U. Jung: Dazu fällt mir eine Patientin ein, die genau von diesem Dilemma berichtete: Einerseits möchte sie eigentlich gerne dieses Märchenhafte, Funkelnde nochmal erleben – dies kennt sie von den vielen Familienfeiern; andererseits findet sie es aber schrecklich, dass seit 20 Jahren immer das gleiche Weihnachtsessen gekocht wird. Der Wunsch ist einfach da, selbst auch zu gestalten, Kreativität mit reinzubringen und das Fest lebendig zu erleben, anstatt es nur über sich ergehen zu lassen, denn das führt zur Starre; und die ist das Gegenteil von sich Wohlfühlen und Freude empfinden.

S. Kranz: Es gibt anscheinend eine Sehnsucht nach dem Ritual wie auf einer Hochzeit oder einem Geburtstag, es herrscht auch ein Bedürfnis nach einem ritualisierten Ablauf.

U. Jung: Das stimmt schon, da Rituale auch Sicherheit geben, vorausgesetzt sie werden freudvoll und gerne durchgeführt und nicht als verstaubt empfunden. Sie sollten eine gewisse Flexibilität haben, man sollte Dinge ändern können, aber sie sollten als Ritual noch zu erkennen sein. Dann fördern bekannte und grundsätzliche Abläufe das Gefühl von Zugehörigkeit, von Verbundenheit und das wiederum lässt ein Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden entstehen. Das Ritual bewusst zu zelebrieren, im besten Fall freudvoll, und die anderen Teilnehmenden – auch in ihrer Andersartigkeit – wertzuschätzen, das ist sehr wichtig. Zu erkennen, dass man nicht alles ändern muss, damit man sich wohlfühlt. Also Individualität ist durchaus möglich – je nachdem, wie die anderen Teilnehmer gestrickt sind – aber das Tragende und Wichtige ist, Verbundenheit in der Gruppe zu empfinden.

S. Kranz: Und wenn Sie jetzt diese Familie betrachten, wie sie im Stück vorgestellt wird, wie würden Sie sie beschreiben?

U. Jung: Ihnen allen fehlt die Fähigkeit zum Mentalisieren in größerem Ausmaß: Mentalisieren bedeutet die Fähigkeit eines Menschen, sich in den anderen hineinzuversetzen. D. h. nicht, dessen Sicht zu übernehmen und völlig d’accord mit ihm/ihr zu sein, sondern es bedeutet zu versuchen zu verstehen, wie denn sein/ihr Blick auf die Welt ist und was seine/ihre Beweggründe sein könnten. Das kann dann auch zu Empathie führen, was ja für das soziale Miteinander ein durchaus wichtiger Faktor ist. Ich finde, eine solche Fähigkeit fehlt in dieser Familie. Alle leben in ihren eigenen kleinen Welten – ihren Blasen – was eine Verbindung zwischen den Einzelnen sehr erschwert.

Ensemble »Schöne Bescherungen« | Foto © Martin Kaufhold

S. Kranz: Selbst Belinda, die versucht, der Konvention zu entsprechen, sich um alle zu kümmern, für Getränke zu sorgen, mit jedem ein Gespräch zu führen. Dabei ist sie auch sehr unsensibel…

U. Jung: Belinda kommt mir sehr frustriert vor. Sie hätte schon längst Konsequenzen aus der Gleichgültigkeit ihres Mannes ziehen sollen. Sie muss irgendwas in ihrem Leben ändern, ihr Leben auch aktiv und mit Verantwortung in die Hand nehmen und es nicht nur so vor sich hin plätschern lassen. Sonst kommt es genau an solchen Feiertagen und besonderen Anlässen zum Eklat. Sie scheint von ihrem Mann sehr frustriert zu sein, in allen möglichen Lebensbereichen. Denn sie will sich mit diesem Clive auf ein Abenteuer einlassen und nimmt damit sogar in Kauf, Rachel ihre Schwester, total auszustechen – das finde ich schon heftig.

S. Kranz: Ist das sexuelle Begierde, die sie da in dem Moment überkommt oder geht da für einen Moment so ein ganz neues Leben auf, wo man denkt: jetzt mach ich es einfach. Also sie bedenkt schon, dass sie leise sein müssen, sie hat also die anderen nicht vergessen.

U. Jung: Ich denke, die beiden Faktoren, die sie genannt haben, spielen da eine Rolle, aber auch die Hoffnung, nochmal gesehen zu werden. Damit geht eine Aufwertung des Selbstwertgefühls einher, das ja doch schon am Boden liegt. Ihr Mann lässt sie ja auch völlig abgleiten, als hätte er so ölige Haut und sie gleitet einfach immer an ihm ab. Also er grinst, tauscht mit seinem Freund Eddie Blicke aus und dann gehen die in eine Dorfkneipe und lassen »die Alte« allein. Das ist keine Wertschätzung!

S. Kranz: Und man hat auch irgendwie das Gefühl, dass Neville gar nicht merkt, wie er mit seiner Frau umgeht.

U. Jung: Genau. Da kommt die Mentalisierung wieder ins Spiel. Er kann sich überhaupt nicht in sie hineinversetzen; wie es ihr geht bei dieser Behandlung. Wahrscheinlich hat er das so vorgelebt bekommen und lebt es weiter: Frauen sind halt so, lassen wir sie halt bisschen schimpfen und alles organisieren während wir in die Kneipe gehen.

S. Kranz: Es scheint aber tatsächlich die Möglichkeit einer Beziehung oder zumindest einer Affäre zwischen Belinda und Clive zu geben. Er nennt, als er angeschossen wird und nur halb bei Bewusstsein ist, ihren Namen. Da hätte sie zu ihm stehen können.

U. Jung: Das macht ihr dann Angst, habe ich den Eindruck. Clive liegt ja auch angeschossen da, also – würde ich mich fragen – wird das dann noch was mit dem? Ich meine, der starke Ritter, der so glänzend daherkam, liegt jetzt angeschossen auf dem Boden und man weiß nicht, wie es mit ihm weiter geht. Sie will sich daher mit ihrem Ehemann nichts verspielen und die Schwester steht daneben, anklagend. Belinda versucht sich da rauszuziehen, um zu zeigen, da war gar nichts. Im Grunde wird Clive von ihr verraten.

S. Kranz: Clive kommt auch aus einer gescheiterten Beziehung und versucht sofort wieder die nächste – zumindest Affäre – anzufangen.

U. Jung: Also das gibt es oft. Vor allem bei den Menschen, die sich nicht wirklich mit dem Geschehenen konstruktiv auseinandersetzen wollen. Die Auseinandersetzung mit einer beendeten Beziehung kann wehtun, kann einsam machen – erstmal; aber ich glaube, durch diesen Teil muss man durch, um dann konstruktiv und mehr auf den eigenen Beinen zu stehen und damit gesünder in eine neue Beziehung zu gehen. Wenn ich von einer in die nächste flüchte, dann habe ich immer eine Last, die ich mit mir mitschleppen muss und die Chance, dass dann eine konstruktive, erfüllende Beziehung daraus wird, die auch lange hält, die wird immer kleiner. Was dann begeisternd ist, ist das erste Verliebtsein, der erste Rausch, aber das hat dann nichts mit einer tragenden, gegenseitig auch kräftigenden Beziehung zu tun. Eine solche ist nur möglich, wenn man selber gut auf den eignen Beinen steht. Also ich halte auch Clive nicht für sehr beziehungstauglich. Ist ja auch komisch, dass er wegen Rachel anreist und sich dann mit Belinda unter dem Weihnachtsbaum wälzt.

S. Kranz: Ja, aber sie ist ihm auch nicht gleichgültig. Also Clive scheint Rachel ja sehr wertzuschätzen, als Gesprächspartnerin, als Mensch, aber trotzdem ist sie sexuell nicht so anziehend für ihn oder das kann irgendwie nicht zusammenkommen zwischen den beiden.

U. Jung: Sowas gibt es, das ist dann auch in Ordnung. Ich unterstelle ihm jedoch, dass er sehr wohl mitgekriegt hat, dass Rachel sehr wohl Interesse an ihm hat. Auch sexuelles Interesse. Da fände ich es gut, wenn er das von Beginn an geklärt und gesagt hätte: »Ich schätze dich als Mensch, aber als Liebespartnerin habe ich dich nicht im Visier«. Das kann man ja dann mit mehr Worten und freundlich ausdrücken und ich denke, eine Klärung wäre dann schon wichtig. Rachel geht ja doch die ganze Zeit davon aus, dass da noch was entstehen könnte, bis zum Ende.

S. Kranz: Ich habe bei ihr aber so ein bisschen den Eindruck, dass das auch die gesellschaftliche Konvention ist. Sie hat das Gefühl, dass wenn sie mit einem Mann zusammen ist, dass dann auch etwas passieren muss. Sie ist im fortgeschrittenen Alter, die anderen Männer äußern sich despektierlich über sie. Sie denkt, dass sie da auch einem gewissen Bild entsprechen muss.

U. Jung: Das kann auch eine Motivation sein. Mein Eindruck war trotzdem beim Lesen der, dass sie anfangs Interesse an Clive hatte und sich dann aber auch gefragt hat – mit Aufregung und Angst verbunden – wird das überhaupt was, kann das was werden? Wenn man da nicht in der Übung ist, wird die Aufregung größer. Sie merkt dann am Ende, dass auch Spannung zwischen Clive und Belinda bei dem Spaziergang draußen entsteht usw., und denkt dann plötzlich, dass ihr die Felle wegschwimmen. Darum rechtfertigt sie für sich, ja ich will eigentlich überhaupt gar keine Beziehung.

S. Kranz: Ja, verstehe. Das spiegelt sich dann auch in einer Szene, in der sie sagt, dass Sexualität gar nicht sein muss und im Nachhinein gesteht sie ihm aber, dass sie das doch ganz gerne gehabt hätte.

U. Jung: Genau und das ist Rationalisieren. Die eigenen Beweggründe dann so drehen, dass es dann heißt: ach eigentlich wollte ich ja gar nicht.

S. Kranz: Aber ist das dann nicht eigentlich ungeschickt – das Rationalisieren, wenn man so Gefühle abschneidet oder ist das dann eher eine ganz gesunde Tendenz, um besser zurecht zu kommen? Was meinen Sie?

U. Jung: Also da kommt es auf die Stärke an, wie lange, wie vertieft und wie stark man diese Art der Abwehr vor unerwünschten Gefühlszuständen aufbaut. Sie kann einen in der Situation schützen, wenn man dies aber als ein ständiges Mittel einsetzt und sich über die eigentliche Motivation nicht mehr klar ist, dann steht sie der Eigenentwicklung im Weg.

S. Kranz: Weil das emotionale Erleben dann auch dazugehört.

U. Jung: Ja und indem man sich das so zurecht redet, werden auch Teile des emotionalen Erlebens verleugnet. Die ganze Bandbreite, der ganze Blumenstrauß von Möglichkeiten des emotionalen Erlebens reduziert sich.

S. Kranz: Jetzt haben wir noch gar nicht über das jüngste Paar gesprochen. Eddie und seine Frau, die jetzt mit ihrem vierten Kind schwanger ist, aber eigentlich will ihr Mann gar kein Kind. Der ignoriert sie auch völlig. Wie sehen Sie dieses Paar?

U. Jung: Es wurde mir kalt; es scheint eine ganz negative, traurige Verbindung zu sein. Also sie, im siebten Monat schwanger, erledigt alles Mögliche und fordert im Grunde zu wenig ein. Diese hilflose Position, die sie ins Kreischen bringt, ist nicht gut für sie. Da wäre es gut gewesen, früher schon zu sagen: das ist so nicht in Ordnung und das und das hätte ich gerne anders in unserem Miteinander. Im Grunde geht es darum, zu klären und auch Forderungen in angemessener Weise zu formulieren, um dann mit dem Partner zu verhandeln. Doch sie handelt aus einer hilflosen Position heraus, indem sie zwar anklagt und schimpft, aber dann doch die Dinge erledigt und keine Konsequenzen zieht. Eddie trauert außerdem darum, eine erfolgreiche Karriere verpasst zu haben, nur weil er sich mit dieser Frau zusammengetan hat und nun das vierte Kind erwartet. Also wie gesagt, es wurde mir kalt. Da ist so gar nichts Zugewandtes und nichts, wo man dran anknüpfen könnte, um die Beziehung zu retten.

S. Kranz: Und Phyllis als Alkoholikerin und ihr Mann Bernard, der eigentlich Arzt ist? Er sagt, er hat sein ganzes Leben seiner Frau geopfert. Was ist das für eine Art von Beziehung?

U. Jung: Keine gleichgewichtige. Die Waage ist nicht in Balance. Im Grunde nimmt sie ihren Mann nicht ernst und er hat sich ja völlig aufgegeben für diese Frau. Er hätte das gerne als ehrenhaft verbucht, aber in meinem Empfinden ist es die Angst, auf eigenen Beinen zu stehen, die ihn zu dieser Haltung führt. Also er flüchtet sich unter die Fittiche seiner Frau mit dem Argument: ich unterstütze sie und ich opfere mein Leben für sie.

S. Kranz: »Schöne Bescherungen« ist ein Stück, bei dem man als Leser oder Zuschauer oft lacht. Woher kommt das? Ist man dann so froh, dass man selber nicht in dieser Lage ist oder erkennt man sich darin? Wodurch entsteht das Lachen beim Publikum?

U. Jung: Ich denke, die beiden Faktoren gehören dazu. Zum einen ist die Geschichte aus dem Leben gegriffen, zum anderen ist sie aber auch teilweise überzeichnet, sodass man gut denken kann: zum Glück ist das bei mir nicht so schlimm.

S. Kranz: Und das wirkt befreiend? Geht der Zuschauer, der sich eine solche Komödie aussucht, darum ins Theater?

U. Jung: Ja, vielleicht um den Spiegel vorgehalten zu bekommen – auf eine Art, die noch gut zu nehmen, die teilweise humorvoll überzeichnet ist. Als Zuschauer kann man das Bedrückende der Situation dann ertragen, kann darüber lachen. – Das Theater sehe ich außerdem als einen Ort, wo Verwandlung stattfindet, wo sich das Kreative bis hin zum Traumhaften entwickeln kann. Damit meine ich eine andere Welt als die reale; eine, in der auch ausprobiert werden kann, in der sich die Kreativität eher entfalten kann als im Alltag. Das tut dann seine Wirkung, denn damit wird auch die Kreativität des Zuschauers angeregt. Die Wirkung des Theaters ist eine andere als zum Beispiel die des Fernsehens. Der Rahmen, den das Theater als Veranstaltungsort schafft, die direkte Begegnung mit den Schauspielern und Akteuren auf der Bühne – all dies öffnet nochmal eigene Räume im Inneren – in einem selbst.

S. Kranz: Aber es gibt viele Zuschauer, die im Theater gar nicht so sehr problemhafte Inszenierungen sehen wollen, sondern sich auch gerne wohlfühlen. So habe ich den Eindruck.

U. Jung: Ja. Das ist, denke ich, jetzt auch verstärkt durch Corona der Fall – die Menschen haben das Bedürfnis, eben auch etwas Entlastendes zu erleben. Meiner Meinung nach hat Humor hier eine ganz wichtige Funktion – und in diesem Stück »Schöne Bescherungen« gibt es davon eine Menge. Das Theaterstück befasst sich zwar mit den Schwierigkeiten, als Familie zusammen Weihnachten zu feiern; durch den Humor nimmt man es auf eine andere Art auf, er lässt andere Seiten in einem schwingen und man kann zu lachen und das tut gut.

Gregor Trakis und Gaby Pochert in »Schöne Bescherungen« | Foto © Martin Kaufhold

Das Gespräch wurde von Maxine Theobald verschriftlicht.