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Der Dramaturgieschreibtisch Theaterblog

Wir feiern das Doppel-Jubiläum

125 Jahre Alte Feuerwache – 40 Jahre Spielstätte Alte Feuerwache

… mit einem Gastspiel der Theaterakademie München »Noch ist nicht aller Tage Abend«, der Premiere »Der Weg zurück«, dem Start einer Diskussionsreihe zum Spielzeitmotto IN GESELLSCHAFT! und im Sommer mit einem Theaterbrunch auf dem Landwehrplatz.

Anno 1897 wurde die Alte Feuerwahr nach Plänen des Architekten Wilhelm Franz als Städtische Turnhalle des Turnerbundes St. Johann sowie als Feuerwehrhaus im Erdgeschoss fertiggestellt. Nach Neugestaltung der Innenräume durch den Architekten Lu Kas entstand dann 1982 aus der Turnhalle die zweite Spielstätte des Saarländischen Staatstheaters. Mit der Kabarett-Revue »Von Kopf bis Fuss auf Deutschland eingestellt… « zusammengestellt von Herbert Hauck, Jürgen Kirchhoff und Gottfried Stramm wurde sie am 16. Januar 1982 als Raumbühne mit einer variablen Bestuhlung von maximal 240 Zuschauerplätzen eröffnet und zur künstlerischen Heimat des Sprechtheaters.

»Der Umbau der Feuerwache zur kulturellen Nutzung ist ein Versuch Schwellenängste abzubauen und einem eingefahrenen Kulturbetrieb neu Impulse zu geben, um damit das kulturelle Leben unserer Stadt reicher zu machen«. (Aus der Neujahrsansprache des damaligen Oberbürgermeister Oskar Lafontaine)

Der damalige Schauspieldirektor Lothar Trautmann verstand die neue Spielstätte als »Freiraum künstlerischer Phantasien« und als eine Einladung »in Sachen ‚Theater‘ auf Entdeckungsreise zu gehen“.

Diese Einladung gilt bis heute! So ist auch unter dem Intendanten Bodo Busse und der Schauspieldirektorin Bettina Bruinier die Alte Feuerwache ein Ort der unterschiedlichsten Theater-Erlebnisse aller Sparten des Saarländischen Staatstheaters, aber auch der Festivals LOOSTIK, PRIMEURS, PERSPECTIVES oder dem TANZFESTIVAL SAAR.

Die Alte Feuerwache im Jahr 2020 © Honkphoto

Schon im ersten Jahr der neuen Intendanz wurde die Alte Feuerwache beispielsweise in einen Werbe-Lichtkasten (LICHT IM KASTEN), in ein Live-Hörspiel-Studio (WINNETOU), in eine Raumstation (SOLARIS), in ein Wasserbecken (IPHIGENIE) oder in ein Schlachtfeld (DAS WUNDER UM VERDUN) verwandelt. Es folgten Rauminstallationen u.a. für DAS ACHTE LEBEN (FÜR BRILKA) von Nino Haratischwili, der Uraufführung WERWOLF von Rebekka Kricheldorf oder GAME OVER, eine Open-World-Simulation von Prinzip Gonzo.

»Das Wunder um Verdun« in der Spielzeit 2017/2018 © Martin Kaufhold

So blieb die Alte Feuerwache bis heute ein »Freiraum künstlerischer Phantasien« für Ausstattung und Regie, wenn auch die alte Zuschauer-Tribühne in die Jahre gekommen und leider nicht mehr variable ist. Eine Erneuerung steht dringend an!

In dieser und in der vorhergehenden Spielzeit brachte allerdings die Corona-Pandemie auch den Spielplan der Alten Feuerwache tüchtig durcheinander. Immer wieder mussten neue Wege des Spielens und Erzählens gefunden und auf die jeweiligen Vorgaben des Arbeits- und Infektionsschutzes reagiert werden. Doch Dank Impfungen und Testungen müssen auf der Bühne wenigstens die einschränkenden Abstandsregeln nicht mehr eingehalten werden.

Mit Beginn des neuen Jahres und unter Berücksichtigung der 2G+ Regeln freuen wir uns, endlich auch den regulären ABO-Spielbetrieb wieder aufnehmen und allen Theaterfans einen abwechslungsriechen Spielplan anbieten zu können.

»Puck träumt eine Sommernacht« ©Astrid Karger

So stehen im Schauspiel nicht nur die Produktionen »Puck träumt eine Sommernacht« – eine Stückentwicklung von Alice Buddeberg und Ensemble nach William Shakespeares Komödie »Ein Sommernachtstraum«, das Lustspiel »Trüffel Trüffel Trüffel« von Eugène Labiche in einer Inszenierung von Julia Prechsl und das Schauspiel »Gabriel« von George Sand als deutsche Erstaufführung in der Regie von Sébastien Jacobi, sondern auch die Wiederaufnahme und Neueinrichtung Bettina Bruiniers Inszenierung »Weh dem, der aus der Reihe tanzt. Sulzbach« nach dem Roman von Ludwig Harig und die erste Premiere im neuen Jahr »Der Weg zurück« des Engländers Dennis Kelly in der Regie von Christoph Mehler auf dem Programm.

»Der Weg zurück« © Martin Kaufhold

Außerdem kann man am 6. Januar das Gastspiel der Münchner Theaterakademie August Everding »Noch ist nicht aller Tage Abend – Eine Vision in vier Bildern nach Werner Schwabs ‚Volksvernichtung‘ mit Texten von Nietzsche, Lem und einer künstlichen Intelligenz« der Regieabsolventin Malena Große erleben.

»Noch ist nicht aller Tage Abend« ©Alvise Predieri

So wollen wir auch einer ganz jungen aber schon mit einem Preis für die beste Regie ausgezeichneten Regiehandschrift einen Raum geben und Sie einladen, sich auf das Spiel um die Frage: Wie verändert sich das Menschenbild in einer digitalisierten Welt? einzulassen.

Denn die Alte Feuerwache ist nicht nur eine wunderbare Raumbühne und zweite Spielstätte des Saarländischen Staatstheaters, sondern seit ihrer Eröffnung auch immer wieder eine Begegnungsstätte mit zahlreichen Sonderformaten wie Einführungen, Lesungen oder Gesprächen rund um das Theater. Und seit der Eröffnung des Weinbistro Hauck im Jahr 2011 hat die Alte Feuerwache auch einen geselligen Treffpunkt nicht nur vor und nach den Vorstellungen bekommen. Siehe auch www.hauck-weinbistro.de

Am 6. Februar starten wir dann mit einer Diskussionsreihe zu unserem aktuellen Spielzeitmotto IN GESELLSCHAFT! Unter dem Motto IN ZUKUNFT KUNST! sprechen wir mit der neuen Kulturdezernentin der Stadt Saarbrücken Dr. Sabine Dengel und der Leiterin der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz Dr. Andrea Jahn über Kunst und Kultur in der Stadtgesellschaft. Wie sieht heute – nach fast zwei Jahren Corona-Pandemie – gesellschaftliches Leben in Saarbrücken und Deutschland aus? Wo findet es (noch) statt? Wer bestimmt den Diskurs und welche Bedeutung können dabei Kunst und Kultur spielen?

Aber was wäre ein Jubiläum ohne Fest? Und so laden wir Sie zum Abschluss der Spielzeit zu einem geselligen Brunch mit künstlerischen Beiträgen auf dem Landwehrplatz vor der Alten Feuerwache im Rahmen des Kulturmeilenfestes 2022 ein.

SAVE THE DATE: Sonntag, 17. Juli, ab 11 Uhr!

Horst Busch,
Chefdramaturg
Künstlerischer Leiter Schauspiel

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Der Dramaturgieschreibtisch

Hashtag #SoWar’s.So ist’s.So wird es sein.

Es gab Austausch oder vielmehr Rückmeldung zu den einzelnen Umsetzungen. Autorinnen und Autoren, die beglückt waren, trotz Pandemie, gezeigt, gespielt, gelesen zu werden, öffentlich.
Schauspielerinnen und Schauspieler, die sich – der gesamtgesellschaftlichen Müdigkeit zum Trotz – inbrünstig in ihre szenische Phantasie katapultiert haben.
Zoom-Sitzungen unter den Partnern des Festivals, die Austausch, Lösungsansätze und Freude gebracht haben.
Nochmal Autorinnen und Autoren, die das Spiel des Selbstinterviews gespielt haben.
Leidenschaftliche Beurteilungsarbeit unserer Fachjury.
Nächte des Schnitts (herrlich übernächtigte Gespräche danach).
Nächte der Untertitelung (herrlich übernächtigte Gespräche danach).
Betrachten von Klick-Zahlen.
Sich-Fragen, wer sich die gesamte szenische Lesung angeschaut hat.
Sich-Ausmalen, es waren alle.
Sich-Ausmalen, welche Stimmung an welchem Premierenabend wohl entstanden wäre, während man sich als Schauspielensemble im Heimkino bei CO2-Messgerät die filmischen Umsetzungen von Bühnenwort und Bühnenarbeit ansieht.
Von einem Zoom-Meeting unter den beteiligten Dramatikern träumen.
Und von Verlagsangeboten für die besonderen Stücke.

– Das war sie also, die 14. Festivalausgabe; eine anregende Ausgabe mit viel digitaler und telefonischer Begegnung, aber eben doch auch Begegnung mit Kunst und rund um Kunst; der Bestmöglichen, in Anbetracht der Gesamtsituation.

Begegnung mit Berührung. Face à face. Maskenlos. Und in direktem Kontakt zum Bühnengeschehen, alle in einem Raum. Es könnten hashtags meiner Vision für die Jubiläumsausgabe sein. Auch für die kommenden Produktionen und Theaterabende. Und: sie könnten für viele weitere Momente im täglichen Januartreiben gelten.

Auf meinem Schreibtisch nun: neue Dramatik, die darauf wartet entdeckt zu werden, französische und deutsche, auch Übersetzungen – darunter eine Altmeisterin die seit 180 Jahren auf eine deutschsprachige Erstaufführung wartet –, die Fassung eines Shakespeare-Abends über die Utopie von Liebe als Ort von würdiger Vereselung,
von Liebe, die alles darf,
die nichts bewertet,
eine Utopie des Individuums, das liebend und geliebt-werdend immer genügt.
Fragmente einer Sprache der Liebe.
Nüsse.
Küsse.
Staub.
(Auf meinem Schreibtisch.)

Bettina Schuster-Gäb,
Schauspieldramaturgin

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Hinter dem Vorhang

DIE KRAFT DER PRÄSENZ

Vom digitalen Stattfinden der 14. Ausgabe des »Festival Primeurs« und Körper-Wünschen.

Was Theater ja ausmacht, ist die Bühne. Corona nimmt sie den Machern von Theaterkunst nicht gänzlich, aber doch die Möglichkeit, Theaterarbeit mit den bühneneigenen Mitteln zu erfahren. Die Pandemie nimmt der Theaterarbeit den Raum geteilter Erfahrung. Für das aktuell stattfindende – ja: stattfindende! – Autorentheaterfestival »Primeurs« ist die Bühne glücklicherweise nur die zweitwichtigste Etappe.

Denn hier geht es um den Text, genauer, um 6 Texte frankophoner Autoren, die von einer Fachjury in Form eines Autor*innen- & eines Übersetzer*innen-Preises, textbasiert, prämiert und in Werkstattarbeiten vorgestellt werden. In diesem Jahr findet die 14. Ausgabe des Festivals nicht öffentlich, sondern im Digitalen statt – zwei Monate lang, ab dem 19.11. wird wöchentlich frankophone, ins Deutsche übertragene Dramatik in Videoarbeiten gezeigt, begleitet von Autor*innenbotschaften.

Zu den beiden Erzählkünsten der Literatur und des Theaters gesellt sich nun also erstmalig auch der Film. Von Science Fiction über die zarte Liebesgeschichte, ein Jugendamtsdrama, eine Familienfarce bis hin zur Wut-Ode und zum antikapitalistischen Manifest in Dialogform ist alles vertreten, steht das politisierte Ich und die Gesellschaft als Gestaltungsprojekt im Zentrum des Schreibens (Näheres unter www.festivalprimeurs.eu).

Intern beschäftigt uns die Ästhetik der diesjährigen digitalen Formate aus diesem Grund noch stärker als sonst – auch im Hinblick auf die uns, unter Berücksichtigung des »digitale «, bestmögliche Präsentation der einzelnen Dramentexte. In den kommenden Wochen stellen wir Erfahrungen mit dieser ästhetischen Herausforderung sowie festivalbegleitend einige Perspektiven auf Text & Umsetzung, auf Übersetzung & Autorenschaft auf unserem Blog vor.

Raum mit (zuschauenden) Körpern teilen, Raum nicht mit (zuschauenden) Körpern teilen. Der Unterschied ist frappierend. Er ist groß und klein zugleich. Er wird von einem Kribbeln begleitet, das bedeutet »spannend, diese Distanz, dieses Filmische« und hinterlässt doch einen schlechten Bühnenkunst-Fußabdruck, ein Schuldgefühl unabgesprochen »fremd zu gehen« überkommt mich.

Es ist Tag 3 der Proben, der Tisch, die Probebühnen sind schon verlassen, das Dunkel der Alten Feuerwache umgibt mich, konzentrierter Aufbau des Bühnen-Filmsets vor mir: Stühle, Raummikros, Sprechmikros, Mikroports nummeriert von 1 – 4, dezente Beleuchtungseinrichtung, geschäftiges Wispern der technischen Mannschaften und bevor ich gedanklich endgültig in der Aufbauinstallation verschwinde, retten mich schon die hineinschneienden Ensemblekollegen mit ihrem figürlichen Entdeckungsdrang, ihrer Spielfreude, mit ihrer Vitalität, ihrer Präsenz. Da ist Wärme, Humor, Traurigkeit, Aggression, all das zwischen uns und nicht nur in mir als Zuschauer einer abgefilmten Szenerie, alleine in einem anderen Raum.

Angesichts möglicher kulturpolitischer Argumentationen einer nahen post-pandemischen Zukunft wünsche ich mir plötzlich, dass die Qualität des anwesenden Körpers, der affektiven Ergriffenheit, die durch anwesende Körper aufkommt und geteilt werden kann, dass das eben doch als etwas Anderes wahrgenommen wird. Dass Theater und abgefilmte Theaterarbeit, vermischt mit filmischen Techniken, als zwei verschiedene Paar Schuhe gehandhabt werden. Dass der Zuschauer sich an die Theater-Wirkung erinnert und weiß, dass Theatermittel in echt anders funktionieren.

Dennoch: die Freude mittels abgefilmter Bühnenarbeit – für das Netz gedachte Bühnen-Film-Arbeit – als Festival herauskommen zu können, ist groß. Mit dem spontan vollzogenen Schritt die aktuelle Festivalausgabe ins Digitale zu verlagern, wagen wir etwas Neues, wagen wir eine rettende Ausweichbewegung, angepasst an die derzeitige pandemische Situation. Es entsteht eine Chimäre aus Präsenzkunst und Videoregie. Es zeichnen sich bei den unterschiedlich aufgebauten Stücktexten schon jetzt sehr diverse Umsetzungsweisen an. Die verführen, zu Entdeckungen neuer Stimmen, neuer Erzähl- und Sichtweisen. Das genießen, wissend, dass es nicht an die Kraft geteilter Präsenz heranreicht, nicht im Theatersinne, ist die Aufgabe – intern wie auch fürs Publikum.

Bettina Schuster-Gäb,
Schauspieldramaturgin

Bisher dazu erschienen:
Besser als absagen! Blogbeitrag von Chefdramaturg Horst Busch