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Theaterblog

„Wenn Sie träumen, was tu dann ich hier?“

Zur Arbeit an „Alltägliche Spektakel“

In die Probenzeit zu „Alltägliche Spektakel“ fiel eine partielle Sonnenfinsternis. Alle Beteiligten der Produktion warfen einen Blick durch spezielle Lichtschutzbrillen, um dieses Ereignis beobachten zu können. Die Sonnenfinsternis war ein großes Spektakel und sie war zugleich das langsamste vorstellbare Schauspiel.

Es ist diese Mischung aus Spektakel und traumwandelndem Rhythmus, die Regisseurin Rosa Rieck und das Schauspielensemble der Produktion auch in ihren Proben erforschten – die „Retropie“ des Theaters, wie es Sébastien Jacobi einmal im Probenprozess beschrieb, das analoge Tempo des Theaterspielens im Verhältnis zur schnellen Welt der KI-produzierten Videos in den Sozialen Medien.

Von der Zeitbewusstheit zum fließenden Sprechen der Zukunft  

„Alltägliche Spektakel“ war eine Atelierproduktion mit der Autorin Paula Kläy. Noch bevor diese zu schreiben begann, führten sie und das gesamte Team im Saarland Interviews zum Thema Arbeit. Sie sprachen mit Kindern und Rentner*innen, mit Menschen in Pflegeberufen und in der Stahlindustrie, mit Jugendlichen und Arbeitslosen, mit Archivaren und einer Feuerwehrfrau – etwa hundert Menschen teilten ihre Erfahrungen und Gedanken zur Arbeitswelt mit den Künstler*innen. Das wird auch auf der Bühne sichtbar: Einige der Interviewten sind Teil des Bühnengeschehens und bringen ihre Stimmen in das Stück ein. Musiker und Sounddesigner Jonathan Lutz hat dafür aus den Interviews eine Collage kreiert.

In der Schreibphase entwickelte Paula Kläy eine ganz eigene Welt. In einer unbestimmten kommenden Zeit widmet sich eine Gruppe zukünftiger Wesen dem Menschen und der menschlichen Arbeit. Der Schauplatz legt nahe, dass es den Menschen und die menschliche Arbeit in heutiger Form dann nicht mehr gibt. „Eine tröstliche Erzählung mit apokalyptischem Hallraum“ nannte Rosa Rieck diese Schreibweise einmal in den Proben. Und Sébastien Jacobi ergänzte, dass die Welt dieser zukünftigen Wesen für ihn auch eine luxuriöse sei, den Luxus eines forschenden Zustandes nach der Arbeit darstelle. Diesen Aspekt betont auch das Bühnenbild von Pauli Immig und Lara Scherpinski. Sie haben die zukünftige Welt in einer Art archäologische Ausgrabung verortet. Zwischen großen Steinen sind die Wesen auf der Suche nach den Geschichten der Menschen.

Die Geologin Marcia Bjornerud schreibt in ihrem inspirierenden Buch „Zeitbewusstheit“, dass die ferne geologische Zukunft paradoxerweise einfacher erkennbar sei als die nahe. Dass in etwa zwei Milliarden Jahren die Bedingungen auf der Erdoberfläche für alles Leben unmöglich seien, sei klarer vorherzusehen als die Entwicklungen der nächsten 1000 Jahre. Sie schließt aus dieser Erkenntnis: „Anstatt in existenzielle Verzweiflung zu verfallen, weil es uns in einer Milliarde Jahre nicht mehr geben wird, sollten wir zumindest die kommenden Jahrhunderte für uns reklamieren.“ (Marcia Bjornerud, Zeitbewusstheit. Matthes&Seitz Berlin 2022, S. 204)

Eine verwandte gedankliche Entwicklung schlägt auch der Abend in der Alten Feuerwache vor: Auf die Vorstellung von „Alltägliche Spektakel“ folgt immer ein Expert*innengespräch zum Thema „Zukünfte der Arbeit“. Die Hoffnung ist, dass der Blick der zukünftigen Wesen auf unsere Gegenwart einen neuen Blick von heute aus in die Zukunft ermöglicht. Diese Art der Auseinandersetzung mit der Zukunft wird auch „Futures Literacy“ genannt. Dabei spielt der Gedanke eine Rolle, dass viele Menschen keine Übung darin haben, über die Zukunft zu spekulieren. Sie sprechen die Sprache der Zukunft noch nicht fließend. (Wer sich darin üben möchte, dem sei zur Lektüre empfohlen: Jane McGonigal, Bereit für die Zukunft. Das Unvorstellbare denken und kommende Krisen besser meistern. Penguin, München 2022).

Melancholie und Erzählen

Dennoch: Die existentielle Verzweiflung angesichts der Zukunft liegt uns oft nahe. Sie kann das Gefühl bewirken, nichts ändern und gestalten zu können – ein Gefühl der Melancholie. Walter Benjamin befasste sich Anfang des 20. Jahrhunderts in seinem Werk „Ursprung des deutschen Trauerspiels“ eingehend mit der Melancholie als Ausgangspunkt der barocken deutschen Dramatik. Die Traurigkeit des Barocks entsteht für ihn gemeinsam mit dem Protestantismus. Nach Luther zählten nur noch der Glaube und die Versenkung in die Heilige Schrift. Die guten Werke, die das Verhältnis zum Göttlichen im katholischen europäischen Mittelalter geprägt hatten, spielten keine Rolle mehr. Dadurch wurde den Menschen der Handlungsspielraum genommen, das Göttliche in ihrem Sinne zu beeinflussen. „Jeder Wert war den menschlichen Handlungen genommen,“ schreibt Benjamin. „Etwas Neues entstand: eine leere Welt.“ (Walter Benjamin, Ursprung des deutschen Trauerspiels. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1978, S. 119) Bei Paula Kläy sagt eines der Wesen aus der Zukunft über die heutigen Menschen: „Sie waren so erschöpft, dass sie nach der Arbeit die Füße hochlegten und stundenlang einem Rauschen auf der Gerätschaft zuschauten, um mit dem Rauschen der Gerätschaft die Zeit zu entleeren.“ Ein anderes versichert sich daraufhin: „Sie entleerten die Zeit?“

Wichtiger ist den Wesen jedoch, dass die Menschen einander Geschichten erzählten. Sie versuchen die Bedeutung des Erzählens zu verstehen und spüren den Geschichten der Menschen nach. Die Hoffnung, die in der Kunst des Erzählens liegt, kannte auch Walter Benjamin. Einander Erfahrungen durch das Erzählen mitteilen zu können war eine Fertigkeit, deren Verlust er fürchtete. Und er rückte das Erzählen in die Nähe von Arbeitserfahrungen: Der Ackerbauer bringt das Bekannte in erzählerische Form, der Seemann berichtet von weit Entferntem. Beidem wohnt eine Fülle inne, die der Entleerung von Welt dort, Zeit hier etwas entgegenzusetzen hat. Paula Kläy blickt in ihrem Stück auf viele weitere Berufsgruppen. Eine Art von Tätigkeit und des Erzählens, die sie dabei mit ins Zentrum rückt, sind Fürsorge und das Erzählen von Frauen.

Anders als das barocke Trauerspiel in Walter Benjamins Lesart kennt Kläys Stück auch den menschlichen Handlungsspielraum durch gute Werke. Mit der Frage nach der Sterblichkeit erscheint auf der Bühne ein Engel. Und dieser Engel kommt nicht aus dem göttlichen Jenseits, sondern direkt aus den Interviews, die Kläy und das Team im Saarland geführt haben.

Der Engel der Geschichte und die Tauben im Werk

Der Engel entsteht durch den Menschen, er ist vielleicht ein Beispiel für das, was Verena Bukal in den Proben „das Schöne im Unwahren“ nannte. Zugleich ist auch der Engel eine Figur, die an das Werk Walter Benjamins erinnert. In „Über den Begriff der Geschichte“, einem Text, den er angesichts des deutschen Nationalsozialismus und des Hitler-Stalin-Paktes schrieb, beschreibt Benjamin einen Engel auf einem Gemälde von Paul Klee: „Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ (Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, https://www.textlog.de/benjamin/abhandlungen/ueber-den-begriff-der-geschichte)

In Paula Kläys Stück gibt es eine Art tierische Verwandte der Schutzengel: Die Tauben im Werk. Von beiden Figuren wird erzählt und beide bewegen sich in verschiedenen Momenten in überraschender Form durch Rosa Riecks Inszenierung. Auch die Tauben ermöglichen eine andere Perspektive auf die Arbeitswelt – weil sie von oben auf die Vorgänge blicken, aber auch, weil sie die getaktete Welt der Arbeit am Fließband in Unordnung bringen.

Produktive Unordnung und einen besonderen Blick, das ist es, was dieser Theaterabend stiften kann. Text: Verena Katz