Netzwerke und Expertisen
Blutschwester entstand in einem sogenannten Writers‘ Room für das Theater. Das Besondere an dieser Arbeitsweise ist, dass Theaterautor*innen von Anfang an und über den gesamten Prozess hinweg Teil eines künstlerischen Teams sind. Dieses Team, zunächst bestehend aus Autorin Maria Milisavljević, Regisseurin Franziska Stuhr, Bühnen- und Kostümbildnerin Lara Scherpinski und Dramaturgin Verena Katz, war eingeladen, ein feministisches Thema zu finden. Das beeinflusste auch ihre Zusammenarbeit, denn patriarchale Strukturen prägen die Räume, in denen wir arbeiten und leben, wenn wir sie nicht bewusst anders gestalten. Um Räume anders zu strukturieren, braucht es die Bereitschaft, einander ehrlich zu begegnen und zuzuhören und den Mut, immer wieder neu aufeinander und den gemeinsamen Prozess zu vertrauen. Es entstand ein künstlerischer Raum des gegenseitigen Vertrauens und Austauschs, in den mit den unterschiedlichen Expertisen Impulse gegeben wurden, die dann, so beschreibt es Franziska Stuhr, in einem Netz hin- und hergespielt werden konnten und so „noch viel weiterkommen, als wenn eine Person allein sich das ausgedacht oder es ausprobiert hätte.“
In den 1970er Jahren standen die Versuche, Räume feministisch zu prägen, unter der Überschrift des „Consciousness Raisings“. Ein Konzept, von dem das künstlerische Team durch Dr. Annette Keinhorst, Mitbegründerin der FrauenGenderBibliothek, erfuhr. Neben der Verabredung, von den eigenen Expertisen auszugehen, spielte deswegen schon früh die Beschäftigung mit „Anti-Expertentum“ eine Rolle. Wie Keinhorst aus den Regeln des Consciousness Raisings zitiert: „jede Frau ist Expertin ihrer eigenen Unterdrückung/-serfahrungen“ (Vgl. Dr. Annette Keinhorst: „Frauenbewegt in Saarbrücken. Eine biographisch-regionalgeschichtliche Annäherung“).
Die Gespräche mit Dr. Keinhorst und anderen Expertinnen von Institutionen wie der Sammlung Prinzhorn Heidelberg, der Landesarbeitsgemeinschaft Hospiz Saarland, Diakonie Saar, FrauenGenderBibliothek Saarbrücken und der Selbsthilfegruppe Eierstockkrebs wurden zu einem weiteren Netz, an dem im Laufe der Arbeit an Blutschwester geknüpft wurde.
Wut, Rache, Zorn
Der Ausgangspunkt der inhaltlichen Auseinandersetzung war weibliche Wut, verkörpert durch den Auftritt der Erinnyen/Furien. „Drei Erinnyen,“ so heißt es schließlich in Maria Milisavljevićs Stück, „Die Erste: Der pure Zorn. Die Zweite: Die reine Rache. Die Dritte: Die anhaltende Wut.“ Diese Idee verband sich mit der Besetzung des Abends. Drei Schauspielerinnen, Martina Struppek, Lea Ostrovskiy und Anna Jörgens, verkörpern diese drei Energien auf der Bühne. Es ist die Aufgabe der Erinnyen, für Gerechtigkeit zu sorgen, für „jedes Mal eine Handvoll mehr“. Dabei bedeuten ihre unterschiedlichen Energien auch verschiedene Zeitlichkeiten. Während der Zorn im Moment agiert, entfaltet sich die Rache langsam und kommt erst spät ganz zum Tragen. Dabei befinden sich die Erinnyen in einem Kampf, der, so drückt es Lea Ostrovskiys Figur aus, „nie vorbei sein wird“. Sie blicken aus Ewigkeitsperspektive auf das Leben.
Krankheit und Widerstand
Leben heißt immer auch Sterben, heißt Pflege, Krankheit und Tod. Und persönliche Erfahrungen nicht zu ignorieren, auch das trifft sich mit einer Regel des Consciousness Raisings: „2. Ausgehen von persönlichen Erfahrungen („the personal is political“)“. Maria Milisavljević ging von der Geschichte ihrer Hauptfigur aus und bettete sie in die Idee der Erinnyen ein, die für Gerechtigkeit streiten. In ihrem Schreiben verbindet sich das Mythische mit dem Persönlichen in unnachahmlicher Weise. Die Erinnyen werden zu Kämpferinnen der Gerechtigkeit für eine Frau, die ihr Leben lang gesellschaftlich unsichtbar blieb.
Doch auf Tod und Krankheit wütend zu sein war es nicht, was Milisavljević in der Verbindung beider Themen zeigen wollte. Es ging ihr vielmehr darum, ungelöste Konflikte im Leben einer Figur herauszuarbeiten; Konflikte, die die Figur noch lösen muss, bevor sie die Welt verlassen kann. Um das zu schaffen, ruft diese Figur die Erinnyen an. Sie begleiten sie auf ihrer inneren Suche nach Gerechtigkeit und vom Leben in den Tod. Während die drei Schauspielerinnen in Blutschwester auf der einen Spielebene die Kranke und ihre beste Freundin und Nichte zeigen, die bei ihr im Krankenhaus sind, öffnet sich auf einer anderen Ebene der Möglichkeitsraum, in dem sie drei Rachegöttinnen darstellen. „Es gehört dazu“, so drückte es eine Mitarbeiterin der Landesarbeitsgemeinschaft Hospiz Saarland im Expertinnengespräch mit der Produktion aus, „zwischen Hoffnung und Realität Träume zu haben.“
Milisavljevićs Texte geben keine kanonische Lesart vor; die Stimmen, die sie schreibt, können aus unterschiedlichen Richtungen und auf die verschiedensten Arten auf der Bühne sprechen. Mit der Verkörperung durch Anna Jörgens, Lea Ostrovskiy und Martina Struppek entstand in der Inszenierung von Franziska Stuhr ein feines Schwingen der Ebenen, die gleichzeitig sichtbar bleiben. Anna Jörgens etwa ist Schauspielerin, Erinnye, Ärztin, Nichte klar unterschieden und doch in Synchronizität.
Menschlicher Kopf in dunklen kosmischen Sphärenwirbeln
Aus einem Spielort, der Intensivstation und Möglichkeitsraum zugleich ist, entwickelte Lara Scherpinski ihr Bühnenbild als Transitraum. Elemente, die an Wartesäle in Bahnhöfen erinnern, verbinden sich mit einem Haus ohne Wände zu einem Bild des permanenten Übergangs. Auch Jonathan Lutz‘ musikalisches Konzept orientiert sich daran. „Angelehnt an Elemente des Bühnenbildes“, so beschreibt er seine Arbeit, „finden sich Geräusche von Bahnübergängen, Zügen, die auf Schienen quietschen und Lufthörner von Lokomotiven.“ Darüber hinaus schließt Lutz Synthesizer an einen Miniatur-Lorbeerbaum an und lässt diesen so live musizieren. Ein Element, das den Mythos von Daphne zitiert, der in Milisavljevićs Stück einer von mehreren ist, die die Kranke dazu ermutigen, ihre eigene Wut zuzulassen und für Gerechtigkeit zu kämpfen. Und Daphne ist wiederum eine Figur, die auch für die Künstlerin Else Blankenhorn wichtig war, deren Werk „Ohne Titel (Menschlicher Kopf in dunklen kosmischen Sphärenwirbeln mit rot-orangen Gestirnen und weißen Nebelflecken)“ den Hintergrund von Scherpinskis Bühnenbild bildet. In Else Blankenhorns Leben und Werk spiegeln sich verschiedene Themen, die die Arbeit an Blutschwester prägten: Sie ist eine Künstlerin, die lange unsichtbar war, beschäftigte sich zentral mit Fragen der Transzendenz und starb selbst an einer Krebserkrankung. Themen, die durch Blutschwester in den Theaterraum gerückt werden und für einen Moment die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen. „Ich freue mich, dass Sie da sind“, sagt Martina Struppeks Figur an diesem Abend, „Ja, Sie! Sie alle. Dass Sie mir zuhören. Einfach nur das.“
