Nike-Marie Steinbach hat die partizipative Theaterarbeit mit Bürger*innenensembles zu ihrer künstlerischen Berufung gemacht – was sie für Chancen in dieser an Häusern neueren Kunstform sieht und wie sie, zusammen mit Ausstatterin Isabell Wibbeke, das Stück „Mädchenschrift“ versteht, erzählt sie Schauspieldramaturgin Bettina Schuster-Gäb zwischen Beleuchtungskorrekturen und Bühnenprobe im Industrial-Charme der sparte4.
Nike-Marie Steinbach, was ist dein Ansatz als Regisseurin, kann Kunst über partizipative Projekte gar mehr erwirken?
Steinbach: Erstmal ist Kunst Kunst und darf für sich stehen. Und dennoch ist sie wenig ohne gesellschaftlichen Dialog – Kunst lebt für mich in der Begegnung der Rezipient*in mit dem Kunstwerk. Für mich findet sie in dem Dazwischen statt, in diesem faszinierenden Raum, der sich da auftut. Im Theater ist das besonders intensiv, da das Kunstwerk aus im Jetzt agierenden Menschen besteht. Hier kommen verschiedenste Perspektiven zusammen: die der auf der Bühne agierenden Menschen, die des Teams, die der Autorin und schließlich jede einzelne im Publikum. So finden bei jeder Aufführung so viele unterschiedliche Erfahrungen statt, wie Menschen beteiligt sind.
In dieser Betrachtung bleibt Kunst nicht einfach nur etwas Gezeigtes, sondern etwas wirklich Geteiltes.
Steinbach: Genau, diese Erlebnisse, die Menschen an einem Aufführungsabend erfahren, die können das Leben bereichern, in dem sie die eigene persönliche Perspektive öffnen. Das wünsche ich mir für alle Beteiligten: dass sie ein wenig verändert das Theater verlassen. Und vielleicht sogar eigenes Handeln anders reflektieren.
Inwiefern passiert das bei partizipativen Theaterproduktionen mehr – die Frage kann ich an euch beide stellen?
Steinbach: Partizipative Projekte bieten die Möglichkeit, dass die Perspektiven innerhalb des Ensembles heterogener und diverser sind. Hier kommen Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebenshintergründen zusammen. Das fächert den Blick auf die diskutierten Themen weiter auf. Und das ist dann mein Reality-Check, mein direkter Kontakt zu der großen, komplexen Welt außerhalb des Theaterkosmos.
Wibbeke: Diese Lebensrealitäten sind ungefiltert und bedeuten für ein Stück eine ganz natürliche Vertiefung und Erweiterung. Auch auf den Erarbeitungsprozess hin gemünzt. Die Menschen, die an „Mädchenschrift“ beteiligt sind zum Beispiel, haben das Potenzial von Theaterarbeit voll ausgeschöpft und eine supertolle Atmosphäre aus respektvollem, liebevollem und offenem Umgang miteinander geschaffen.
Steinbach: Immer sind es wertvolle, intensive Begegnungen jenseits von Theaterkonventionen. Mit Theaterkonventionen meine ich, dass ich mich dabei ertappe, wie ich Gelerntes reproduziere, weil ich weiß, dass es auf der Bühne gut funktioniert. Und dann ist da plötzlich jemand, der eine ganz andere Idee hat. Einfach, weil weniger Gelerntes, weniger Konventionen im Weg stehen.
Also siehst du deine Ensembles als „Expert*innen des Alltags“?
Steinbach: Jein – dieser Begriff ist geprägt durch prominente Künstler*innen-Kollektive wie Rimini Protokoll oder die Gründung der Bürgerbühnen an verschiedenen Häusern. Mich stört daran der Begriff „Alltag“. Das macht irgendwie eine Kluft auf: auf der einen Seite die Künste, auf der anderen der Alltag. Als ob nicht beides ineinander verwoben wäre. Für mich ist jede Person, mit der ich zusammenarbeite, erstmal Expert*in ihrer eigenen Lebensrealität. Und ich glaube daran, dass in jeder Person ein ästhetisches Bewusstsein existiert. Das gilt es herauszukitzeln, zu erforschen und im künstlerischen Arbeitsprozess zu schärfen.
Jetzt mal Näheres zum Stück „Mädchenschrift“: der Textvorschlag kam von dir, Nike. Wie bist du auf diesen Stoff gekommen und was hat dich daran besonders interessiert?
Steinbach: Dündars Text bin ich auf dem Frankfurter Forum für Kinder- und Jugendtheater begegnet. Dieser dichte, sensible und wütende Monolog hat mich sofort berührt – als Regisseurin und auch als Frau, die mal Mädchen war. Denn die darin verhandelten Themen, Gefühle und Fragen, die weisen weit über die Pubertät hinaus und begleiten viele ihr Leben lang. So entstand auch sehr schnell die Idee, den Text mit einer Gruppe Frauen jenseits der Adoleszenz zu gestalten.
Wir kommen gleich nochmal auf inhaltliche Ansätze zu sprechen – ersteinmal noch kurz zur Verortung: Isabell Wibbeke, du bist die Bühnen- und Kostümbildnerin der Produktion, wieso diese Spielwiese als Raum – ist die Verkindlichung nicht etwas, von dem sich frau losmachen möchte?
Wibbeke: Meine Aufgabe ist es, mich mit den Eigenheiten der Figuren tiefgründig auseinander zu setzen und innere Aspekte der Figuren nach Außen zu kehren, um sie zugänglich und sichtbar zu machen. Wir haben nach einem Ort gesucht, an dem sich die Figuren aufhalten können und der auch einen Bezug zu der Lebensphase hat, in der „Mädchenschrift“ angesiedelt ist. Zwölf Jahre alt sein, kann man am besten auf einem Spielplatz! Er symbolisiert für mich den Ort des Übergangs. Du bist dort als Kind und wächst heran und triffst dich dort weiter mit deinen Freund*innen. Am Abend, wenn alle Kleinen weg sind. Es wird abgehangen, geredet, Geheimnisse ausgetauscht, geflirtet. Später, wenn du vielleicht selbst Elternteil bist, gehst du dort wieder mit deinen eigenen Kindern hin – es ist ein Kreislauf.
Gar nicht so leicht über so ein Klettergerüst zu steigen!…
Wibbeke: … eben ein echter Balanceakt! Du kannst hoch hinaus, dich erheben, auch die Balance verlieren – aber glücklicherweise auch wieder festhalten und fallen lassen. Ein Lebensallrounder!
Was verändert diese Alterspanne?
Steinbach: Der Text wird dadurch teils zu einer Retrospektive, die von einem prägenden stetigen Erlebnis erzählt, das Frauen in ihrer Körperwahrnehmung bis heute prägt. Dündars Stück schwingt durch diese Besetzung, die auch Altersabschnitte zwischen 20 und 60 Jahren umfasst, zwischen situativer Erfahrung aus kindlicher Perspektive, Erinnerung der erwachsenen Frauen und individuell in die Körper eingeschriebener Erfahrung.
Ihr habt diese individuelle Erfahrung auch durch eigene Texte ergänzt.
Ja, die Körper-Erfahrungswelt von Frau birgt mit jedem Lebensalter oder auch Herkunftsgeschichte neue Dimensionen – wir wollten diese Dimensionen mit hineinnehmen in Dündars Initiationserzählung und haben in Absprache mit dem Verlag dann eigene Texte um (Peri)Menopause, Schwangerschaftsabbruch, Liebesformen und Schwarzsein als Frau entwickelt, die die Spielerinnen über Mikros sprechen, um sie so von Dündars Text abzusetzen.
Welches Potenzial seht ihr konkret in dem Stoff?
Wibbeke: Das Stück Mädchenschrift ist für mich ein sehr berührendes Stück, welches aufzeigt, was es bedeutet als weiblich gelesene Person aufzuwachsen. Durch welche Phasen der Körper geht, aber auch was es für das emotionale Innere bedeutet. Wir alle haben ähnliche Erfahrungen in uns, welche wir hier teilen können. Das Stück könnte impulsgebend sein, diese Dinge aufzubrechen und aufzuklären.
Steinbach: Und ins Gespräch zu kommen.
Wibbeke: Um hoffentlich irgendwann die Struktur zu verändern. Unseren Kindern eine Sprache zu geben, sich besser mitzuteilen und einen guten Umgang miteinander zu haben. Und vor allem emphatisch zu begleiten.
Steinbach: Der Knoten ist noch nicht aufgelöst, wie es in dem Stück so heißt. – Und ein letzter Gedanke noch: Theater will von Gesellschaft erzählen, sie hinterfragen und oft auch zukünftige Perspektiven öffnen. Ich glaube, das kann es nur, wenn auf der Bühne auch die Gesellschaft in ihrer Komplexität und Diversität repräsentiert ist. Und das kann (bis jetzt) nur die partizipative Kunst. Für mich sind die partizipativen Künste eine eigene Kunstform, und nicht die Laienversion vom Schauspiel. Es sind verschiedene Künste, die Unterschiedliches können und wollen und so – sich gegenseitig bereichernd – nebeneinander stehen können.
Nike-Marie Steinbach studierte Literatur- und Erziehungswissenschaften in Heidelberg. Während des Studiums gründete sie eine studentische Theatergruppe und arbeitete als Leiterin und Spielerin in verschiedenen Theaterprojekten. Als Vorstandsmitglied im Freien Theaterverein Heidelberg und Leitung des Theaters im Romanischen Keller betreute sie unter anderem die „Heidelberger Theatertage“ und entwickelte verschiedene Aufführungsformate.
2010 bis 2015 war sie am Jungen Theater Heidelberg engagiert, seit 2014 als Leitung der Theaterpädagogik. Sie leitete mehrere Spielclubs, organisierte das Festival „Leinen los! Junges Theater im Delta“ sowie die Baden-Württembergischen Theatertage und entwickelte partizipative Aufführungsformate.
Von 2015 bis 2022 war sie am Staatstheater Darmstadt für partizipative Projekte zuständig. Unter ihrer Leitung entstanden verschiedene Inszenierungen, u.a. WEG – eine Stückentwicklung zum Thema Tod und Sterben, Das ganze Leben Traum und Ahnung nach E.T.A Hoffmanns Der Sandmann und der Audio-Theater-Spaziergang Sisterhood zu Drei Schwestern von Anton Tschechow. 2019 rief sie das Festival „LOCAL PLAYERS” ins Leben, ein Theatertreffen der Bürger*innen-Ensembles an den Stadt- und Staatstheatern im Rhein-Main-Gebiet. Für das Schauspiel inszenierte sie u.a. Auerhaus von Bov Bejerg und Mädchen wie die von Evan Placey.
Von 2022 bis 2024 leitete Nike-Marie Steinbach die partizipative Sparte „Volkstheater“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Dort inszenierte sie u.a. Der zerbrochne Krug als mediale Analyse nach Heinrich von Kleist und erarbeitete mit Zirkel der Macht einen Audio-Theater-Spaziergang angelehnt an die Oper Der Kreidekreis von Alexander Zemlinsky.
Seit 2024 ist sie freischaffend tätig, u.a. für das Saarländische Staatstheater, das Staatstheater Darmstadt und den Werkraum sowie Künstler ohne Grenzen e.V. in Karlsruhe.
Isabell Wibbeke studierte Szenografie und Kostümbild mit dem Schwerpunkt Kostümbild bei Maren Christensen an der Hochschule für Design und Medien Hannover. Nach ihrem Studium arbeitete Sie als Ausstattungsassistentin am Landestheater Schwaben sowie am Theater und Orchester Heidelberg.
Bühnen- und Kostümbilder entstehen unter anderem am Theater und Orchester Heidelberg, Staatstheater Darmstadt am Badischen Staatstheater Karlsruhe, sowie am Volkstheater Rostock und Schauspiel Dortmund.
Ihre Gesamtausstattung für Mädchenschrift ist ihre erste Arbeit am Saarländischen Staatstheater.
>>> „Mädchenschrift“ erzählt vom Frauwerden
Artikel von Isabell Schirra, Saarbrücker Zeitung, 17. Januar 2026
