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Das Ensemble stellt sich vor

Farida Boukari 

Auf der Bühne spreche ich aus der Erinnerung einer schwarzen Frau, aus der Verantwortung einer Mutter, aus der Klarheit einer Pädagogin und aus dem Drang nach Veränderung einer Aktivistin. Es geht mir darum, nicht nur gehört zu werden, sondern Wirkung zu entfalten – Räume zu öffnen für neue Blickrichtungen, gemeinsames Nachdenken und mutiges Handeln für eine gerechtere Gegenwart und Zukunft.

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Anna Feldt 

Ich bin laut Pass 52 Jahre alt. Jedoch pendelt mein gefühltes Alter irgendwo zwischen 3 und 90, je nach Tag, Stimmung und Körpergefühl. Ich leite eine Einrichtung der offenen Kinder- und Jugendarbeit, bin Sozialarbeiterin aus tiefster Überzeugung und zusätzlich systemische Beraterin. Beides liebe ich sehr. Der Weg dahin war steinig und verwinkelt. Das und einiges mehr hat mich lange blockiert – ich habe mich verglichen, mich zurückgehalten. Wieso eigentlich? Älterwerden fällt mir nicht leicht – körperliche Veränderungen fordern mich, manchmal mehr, als mir lieb ist. Und gleichzeitig hat dieser Prozess große, schöne Seiten, zum Beispiel verliert die Außenperspektive an Macht. Ich frage mich weniger, wie ich wirke, und mehr, was mir wirklich wichtig ist. Ich will Qualität in meinem Leben. Das hat einen Preis. In den letzten Jahren musste ich mich von vielen Menschen trennen, die lange da waren. Das war sehr schmerzhaft. Aber heute sind Menschen da, die mir guttun, die mich sehen, wie ich bin, und mir viel geben. Dafür bin ich dankbar. Sehr. 

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Viktoria Herz

Als Kind der 90er-Jahre genieße ich das Stadtleben und liebe die Natur und das Reisen. Meine Neugierde und Lust auf Abenteuer bringen mich an verschiedene Orte, zu lieben Menschen und Hobbies. Ich engagiere mich auf vielfältige Weise, stets mit dem Wunsch zur Emanzipation einer*eines jeden beizutragen.

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Mara Schittek

Ich entscheide, was Frau sein für mich bedeutet.

Ich entscheide, wann ich Frau bin, wann ich Mädchen bin und wann ich nichts davon bin.

Auf der Bühne erzählen wir davon, was passiert, wenn wir diese Entscheidungen nicht selbst treffen – und was möglich wird, wenn wir es tun. Äußere ungewollte Einflüsse zu bekämpfen kostet (mich) Kraft. Und manchmal braucht es Projekte wie diese, mit Personen wie diesen, um dieser Kraft eine Stimme zu geben. 

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Martina Sonnenrein

Ich bin knapp sechzig und arbeite im öffentlichen Dienst, wo ich täglich mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten in Berührung komme. Mein beruflicher Alltag ist geprägt von sozialer Verantwortung, Bürokratie und dem Versuch, Menschen gerecht zu werden. Im Theater finde ich einen Ausgleich – hier kann ich andere Stimmen sprechen lassen und zugleich meine eigene hörbar machen. Auf der Bühne spreche ich aus der Perspektive einer Frau, die viel gesehen hat: die Brüche, die leisen Kämpfe, den Humor im Alltag. Ich bringe meine Lebenserfahrung mit – ohne sie zu verstecken, sondern als Teil meiner Ausdruckskraft.

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Verena Becker

Ich bin 33 und hüpfe gerne durch mein Leben. Habe meinen Ausbilderschein sowie ein Studium zur Textilbetriebswirtin abgeschlossen und arbeite als Storeleitung/ Teamleiterin im Einzelhandel. Fehlt mir mal die Leichtigkeit helfen mir Freunde und Familie auf sowie Musik. In meiner Freizeit mache ich gerne bei Projekten mit, die ans Herz gehen und Emotionen wecken. Ich stelle mir und unserer Gesellschaft die Frage: Warum genießt ein Mann oft mehr Vertrauen und Ansehen? Warum ist er immer noch privilegierter? Und wie kann sich das ändern?

Hinter der Bühne

Nike-Marie Steinbach

Ich bin die älteste von sechs Geschwistern, mit denen ich bis heute eine besondere Verbindung genieße. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf habe ich das Stadtleben lieben gelernt. Obwohl ich meine ganz-für-mich-alleine-Wohnung liebe, bin ich gerne unterwegs: zum Arbeiten in unterschiedlichen Theater-Kontexten, als passionierte Tante bei meiner großen Familie, als Freundin bei mir nahen Menschen und mit Rucksack und Zelt draußen in der Natur. Dabei staune ich immer wieder, wie schön die Welt in ihrer Komplexität ist.

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Isabell Wibbeke

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Bettina Schuster-Gäb

Ich lebe und arbeite für Impulse. Impulse mittels Kunst, mittels Theatersprache. Für eine bewegliche, soziale und diverse Gesellschaft, die gemeinsame Reflektion als Amusement feiert.  

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Emily Engstler

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ICH BIN MÖGLICHKEIT.

Eine Heldinnenreise

LUCY (4,6 MILLIARDEN JAHRE). Schon im Titel sind sie enthalten und scheinen eine infame Erzähl-Behauptung für ein Theaterstück: die 4,6 Milliarden Jahre Erdzeitalter. Und dann der Vorname dazu: Lucy. Diese Kombination spielt mit dem Bezug von Person und Alter. Eine unglaubliche Dimension tut sich uns da auf. Und doch haben wir es mit einer Normalsterblichen zutun, die im Supermarkt an der Fischtheke arbeitet, in einem funktionalen Zuhause lebt und in unserer heutigen Manier die Woche mit Arbeitszeit und Pendelei verbringt. So weit, so klar. Doch etwas an dieser Frau scheint sie zu einer Prädestinierten zu machen, prädestiniert einem Ruf zu folgen.

Work hard, have fun, make history – von der Relativierung der Leistungsgesellschaft

Die französische Dramatikerin Gwendoline Soublin ist nach eigenen Aussagen seit Jahrzehnten Wissenschaftsbegeisterte, die sich insbesondere für die Paläontologie interessiert. Dieses große Thema fließt literarisch verdichtet in das Stück ein: die dramatischen Akte haben Kapitelüberschriften, benannt nach den rückwärtslaufenden Erdzeitaltern. Wir starten in der Jetztzeit, dem Kapitalozän und reisen über Pliozän und Kambrium bis ins Hadaikum, in dem Lucy schlussendlich dem ersten Einzeller-Organismus in einer Pfütze inmitten einer Asphaltwüste von Parkplatz begegnet. Dazwischen: das Jagen einer Sippe, das Verschwinden des homo sapiens, die orgiastische Sinnlichkeit einer Verschmelzung mit Flora und Fauna, fünf große Massenaussterben diverser Saurier – und Lucy, die überlebt. Lucy ist eine Zeitreisende, die beginnt anderen neu zu begegnen, vielleicht gar überhaupt erst zu begegnen. Und sich zu verbinden, jenseits von verbal ausgetauschten Inhalten, Gemeinsamkeiten, Geschäfts- oder Partnerschaftsinteressen. Was sie da ruft, ist existenziell. Ist Existenz, Sinnlichkeit, Sinnhaftigkeit. Vielleicht ist es ihr Name, der sie zur Auserwählten dieser Erfahrung macht – Lucy Afarensis ist der Name und Typus eines 1974 in Äthiopien gefundenen Skeletts, das von einer frühmenschlichen, sich noch unaufgerichtet fortbewegenden Menschenart stammt.

ICH BIN AM LEBEN. GANZ RUHIG

Der Auslöser ihres intuitiven 24-Stunden-Ausstiegs aus der Gegenwart der Leistungsgesellschaft ist eine tags zuvor erfahrene Beleidigung durch den Chef, der sie als Neandertalerin beschimpft. Ein stigmatisierender Automatismus, der sie kleinmachen und womöglich kleinhalten soll. Eine Erniedrigung, die eine Eigendynamik entwickelt. Doch wohin weist sie? Unerwarteterweise wird die Beleidigung in eine Stärke umgewandelt, in ein inneres Suchen, eine innere Suchbewegung. Schon bald mündet diese Verletzung in einer unterschwelligen, jedoch nicht minder grundlegenden Befragung: Was zählt der Mensch in Relation zur gesamten Erdgeschichte? Was wäre die Welt ohne den Menschen?

Zweifellos: sie wäre. Punkt. Der Mensch ist jünger als der Einzeller. Doch darum geht es Soublin nicht. Ihre Protagonistin, die in der deutschen Übersetzung von Corinna Popp übrigens im Plural von sich spricht – als Menschheitsvertreterin sozusagen – erfährt im roleback auch, dass sie für eine Gemeinschaft oder für schutzlose Lebewesen zählt. Sie wird angenommen und ist Teil. Inmitten der anachronistischen Fülle an Vergehen und Werden des Lebendigen erblickt sie sich selbst. Es sind die grundsätzlichen Erfahrungen menschlichen Lebens, die körperliche und soziale Dimensionen, die diese Erkenntnis bringen. Hunger, Kälte, Mitmenschlichkeit, Verwundbarkeit, die lebensspendende Kraft qua Biologie.

Selbstannahme als Schlüssel zu Verantwortung

Gleich einem wiederkehrenden Mantra wiederholt die Protagonistin ihr Alter und Gesamtverfassung zu verschiedensten Zeitpunkten im Stück: Sechsundvierzig, nicht mehr vital, erste Gebrechen kündigen sich an, verfärbte Zähne. Was anfangs eine beiläufig dargebrachte Figurenbeschreibung zu sein scheint, wird zur bewusst benannten Anzahl an Lebensjahren. Das Alter wird zum Überlebens- und Vitalisierungsmantra: Dieser Körper existiert, rennt, klettert, säugt, schwimmt, erträgt Hitze, Kälte, Wasser, Nacktheit, ist verwundbar, kann wieder heilen. Lucy Afarensis staunt über die eigenen körperlichen Fähigkeiten, über die Möglichkeiten des Seins. Aus dem isolierten Zustand einer durchschnittlichen Nutzerin dieses Planeten rauskatapultiert, hinein in die Synergiegemeinschaft der Sammler*innen und Jäger*innen, erfährt sie Initiation: Erst durch die Andersheit des Miteinanders jenseits von Leistungsgesellschaft folgt eine Erinnerung an eine entfernte Sehnsucht nach einer echten, weil solidarischen Gemeinschaft der Nähe. Hier liegt der Schlüssel zur Selbstannahme.

Überborderndes Sein – überbordende Theatermittel

Die Autorin schafft mit diesem dramatischen Gedicht weit mehr als eine Ausstiegsgeschichte: mittels Phantastik, Dokumentation und Poesie erwächst daraus ein wort- und bildgewaltiger Zugang zum Thema Selbstermächtigung, den Regisseur Sébastien Jacobi zusammen mit Ausstatterin Viktoria Edler in jedweder Hinsicht und Vielschichtigkeit aufgreift und würdigt. Jacobi hat in der Zusammenarbeit mit Christoph Iacono (Komposition) eine vom LandesJugendChor Saar unter Chorleiter Mauro Barbierato einstudierte Partitur geschaffen, die den Stellenwert des Sakralen von Arbeit in unserer Gegenwart genauso betont, wie auch das Hamsterrad des Repetitiven und erbarmungslosen Leistenmüssens. Ganz bewußt überlagert nicht nur die Gesangsebene Text und Spiel, sondern dazu auch Tanz, sprich Körper in Form der Choreographien von Charlotte Krone, Nobel Lakaev und Flavio Quisisana des Saarländischen Staatsballetts. Fast ist es, als flösse alles anfänglich getrennt Ausagierte – Sprache, Stimme, Körper – zunehmend zusammen: Lucy wird eins mit ihren Ausdrucksmitteln als Mensch.

Der filmische Zugang zum Stoff erschließt Soublins doppelte Suchbewegung: die Raum-Zeit-Entgrenzung bei gleichzeitigem Verhaftet-Sein in der Gegenwart schafft eine Distanz zum Gelebten. In dieser Distanz liegt die Chance einer relativierenden Betrachtung unsere Zivilisation mit ihren „Errungenschaften“ bis hin zur Selbstüberwindung durch die KI (Roboterbau und Programmierung durch Philipp Kaminski und Nils Fiene). Das Leben im Kapitalozän erscheint fragwürdig und doch kehren wir am Schlussende mit Lucy dorthin zurück. Die physikalischen Gesetze greifen, das entgrenzende Fabulieren bleibt Fiktion und doch: Lucys Perspektive ist nach getaner aventiure, nach bestandener Bewährungsreise, eine Andere.

ICH HABE EINE SPUR HINTERLASSEN

Mensch mag meinen, dass der Fakt sich als lebendig zu beschreiben nicht nennenswert ist. Soublin, Jacobi und Schauspielerin Laura Trapp beweisen uns das Gegenteil. Diese Selbstwahrnehmung macht Selbstbestimmtheit erst möglich. Und möglicherweise hängt mit ihr auch ein kollektiver Wunsch zusammen: als Menschheit relevant zu sein. Mit Verantwortung für Planet und Gemeinschaft.

Also, worauf warten wir: 3,2,1, 0 und gütig miteinander ins neue Sein – los.

Bettina Schuster-Gäb

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Die Unsicherheit und Schönheit des Dazwischenseins

Vamos, Corazón ist ein Abend über Herzen, die zwischen zwei Kontinenten schlagen.

Auf der Bühne verweben sich persönliche Geschichten mit traditionellen und modernen Rhythmen Lateinamerikas: der treibende Puls des Guaguancó, die entfesselte Energie des Mapalé, das Schweben einer Ballade oder der Gesang einer Gaita. Moderne Folklore erzählt davon, wie zeitlos die Liebe zur eigenen Kultur und der Herkunft ist und lädt dazu ein, das Leben mit all seinen Hindernissen, Höhen und Tiefen zu feiern.

Klassiker wie „La Bruja“ greifen Themen wie Körper, Identität und Feminismus auf und verbinden sie mit gelebten Geschichten.

Unser Repertoire ist Erinnerung und Gegenwart zugleich und jedes Stück eine Brücke. In „Yoruba Andando“, einem kubanischen Guaguancó, der seine Wurzeln in der Yoruba Religion hat, erklingt ein Loblied auf Elegguá, den Gott, der Wege öffnet, während „Sabor a viento“ die Unsicherheit und Schönheit des Dazwischenseins besingt – ein Leben zwischen Orten, Sprachen und Zugehörigkeiten. Die Klänge sind nicht bloß Begleitung der Geschichten, sie sind ihre Resonanz, ihr Spiegel und manchmal ihr Vorgriff.

Getragen wird das musikalische Gerüst von Menschen, deren Biografien selbst aus Übergängen bestehen. Jhonatan Giraldo, geboren in Pereira, Kolumbien, bringt mit seiner Gaita und dem Tambor Alegre den Atem seiner Heimat in jede Improvisation ein. Wo er ist, ist auch seine Kultur, sind seine Klänge und die Liebe zu seiner Herkunft. Und auch meine Stimme lässt deutsche und ecuadorianische Wurzeln erklingen: aufgewachsen zwischen zwei Kulturen, zwischen Sprachen und Geschichten, öffnet sich mir im Klang immer wieder ein Ort, der beides zugleich enthält. „Sabor a Viento“ ist eine Spur dieses Weges.

Vamos, Corazón ist für mich eine Feier der Wege, die sich kreuzen, verlieren und wiederfinden – ein Abend, der zeigt, wie Erinnerung und Gegenwart im Klang ineinanderfließen können.

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Wir sind alle eine Bettwurst.

Zusammen ist man weniger allein

Es war in Kiel am Kai, da begegnen Luzi und Dietmar sich. Sie zeigt ihm die Stadt, beim Tanztee wird geschwoft, man beschnuppert sich, kommt sich näher im Schrebergarten, wie eine Liebe beginnt eben! Sie beschließen: Jetzt fängt ein neues Leben an. Und zwar gemeinsam, nicht mehr allein. Dietmar zieht bei Luzi ein, wird in die Geheimnisse des Staubsaugens eingeweiht, beim Weihnachtsfest liegt die berühmte Bettwurst (eine Nackenrolle, natürlich!) unter dem Baum und verloben tut man sich auch noch! Voller Enthusiasmus tanzen und singen Luzi, Dietmar und ihr Chor durch die Freuden des kleinbürgerlichen Liebesglücks, tanzen in die Liebe hinein. Alles könnte so schön sein, wären da nicht Dietmars kleinkriminelle Komplizen, die Luzi entführen.

Mehr ist mehr

1971 ist er erschienen, Rosa von Praunheims Film »Die Bettwurst«, und avancierte schnell zum Kultfilm. Nicht zuletzt wegen seiner Hauptdarsteller*innen, beides Laien: von Praunheims Tante Luzi Kryn und Dietmar Kracht, den von Praunheim in der Berliner Stricherszene »entdeckte«. Schonungslos exaltiert und höchst amüsant reiht sich »Die Bettwurst« in von Praunheims Filmästhetik im »Camp«-Stil ein. »Camp« ist die Liebe zur Übertreibung, die richtige Mischung aus Phantastik, Leidenschaftlichkeit und Naivität. »Camp« ist Leben als Theater, ist Parodie und Selbstparodie, immer gepaart mit Eigenliebe. »Es ist gut, weil es schrecklich ist …« (1) schreibt Susan Sontag 1964 in ihren Essay Anmerkungen zu ›Camp‹. Vermeintlich lächerlich, dilettantisch und eine Zurschaustellung des Banalen, zeichnet »Die Bettwurst« ein selbstironisch-scharfes und zugleich liebevoll-verspieltes Bild einer Liebesbeziehung.
Im Herbst 2022 kam das Musical in der Bar jeder Vernunft in Berlin zur Uraufführung. Inszeniert hat Rosa von Praunheim selbst, als Hommage an seinen Film, und an seine immer etwas zu laute, immer etwas zu schrille Tante »Luzi Superstar« und ihre unbeirrbare Selbstliebe.

Hemmungslose Hingabe

Da ist Luzi, Sekretärin in der Gerichtsmedizin, lebenslustig, in bunten Kleidern und einer Wohnung mit noch bunteren Tapeten. Den zweiten Weltkrieg und große Armut hat sie erlebt, bis sie aus Polen mit ihrer Mutter nach Kiel gekommen ist. Und da ist Dietmar – homosexuell, die Jugend im Erziehungsheim verbracht –, der seine kleinkriminelle Vergangenheit und Berlin hinter sich lassen will. Das Leben ist ein Abenteuer. Beide passen nicht so richtig rein in die Gesellschaft, und ins heteronormative Bild einer kleinbürgerlichen Partnerschaft passen sie schon gar nicht. Beide sind sie irgendwie auf der Flucht und auf der Suche nach Liebe und Glück, auf der Suche nach einem Platz – und finden ihn beieinander.
Und auf einmal gibt es Aussicht auf Verbundenheit. Ich habe ein Recht auf Liebe. Das übermäßige Streben nach Harmonie vereint, das Trennende wird ignoriert. Aus Not, aber auch aus Sehnsucht, denn: Zusammen ist man weniger allein. Zweckgemeinschaft im positivsten Sinne. Wir heilen alle Wunden nur mit Liebe. Behütet und beobachtet von ihrem Chor, Schicksalsgöttinnen gleich, malen Luzi und Dietmar mit großer Freude und noch größerer Hingabe über den Rand sämtlicher Klischee-Schablonen einer Paarbeziehung – und stoßen dabei auf ihre ganz eigene Art von Verbindung.
Die Bettwurst war ein Traum. Ein Traum von Akzeptanz: Lass das Gegenüber sein, wie es ist, ob schrill, ob bunt, ob laut, ob leise – wir sind alle eine Bettwurst. Egal wie und egal wen: Lieben ist erlaubt. Am besten fängt man gleich bei sich selbst an, denn was gibt’s Schöneres, als sich selbst zu lieben. Und so treffen sich Luzi und Dietmar im Himmel wieder, feiern sich und das Leben und ihre Liebe.

Gesa Oetting

(1) Anmerkungen zu ›Camp‹ in Susan Sontag: Kunst und Antikunst. 24 literarische Analysen, Frankfurt, 1982.

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»Ich will auch als Frau über geilen Scheiß schreiben!«

In »Von Fischen und Frauen« treffen sich zwei Frauen zufällig beim Angeln und kommen ins Gespräch. Der Untertitel lautet »Kleines, extrem harmloses Drama übers Angeln«. Dabei verhandeln die beiden eigentlich extrem un-harmlose, komplexe Themen wie Selbstverwirklichung oder Transgenerationalität, verpackt in scheinbar belangloses Plaudern beim Angeln. Wie kam’s zu dieser Kombination?

Es kam dazu, weil mir auffiel, dass an verschiedenen Theatern Männer einen lustigen kleinen Abend über irgendein cooles Hobby machten. »So einen Abend wollten wir einfach schon immer mal machen«, hieß es dann. Ich habe da ein starkes Ungleichgewicht empfunden, dass an uns als weiblich gelesene Personen die Erwartung besteht, dass wir uns mit explizit feministischen Themen auseinandersetzen müssen. Diese kleinen Hobby-Abende habe ich irgendwie als Provokation empfunden, obwohl sie sicher nicht so gemeint sind. Es hat nur eben gezeigt, welche Freiheiten wir uns manchmal nicht nehmen können. Natürlich will ich auch als Frau über »geilen Scheiß« schreiben, der einfach Spaß macht. Ich habe mir dann das Angeln ausgesucht, das stand für mich für ein ur-männliches Hobby. Beim Schreiben wurde dann schnell klar, dass bereits in dieser Anlage und Umkehrung automatisch so viele geschlechtsspezifische Themen sichtbar werden. Im entspannten Plauderton große Themen zu verhandeln fand ich ein interessantes Spannungsfeld. Das habe ich im Untertitel versucht einzufangen. Mir gefiel die Kombination aus extrem und harmlos, weil sich das für mich normalerweise kaum vereinbaren lässt. Vielleicht könnte man die Beschreibung als Modus für das Stück sehen. 

Bei deinem dramatischen Erstling »Ich, Akira. Monologstück für einen Hund mit einer Frage«, den du zusammen mit Leo Meier geschrieben hast, spricht ein Hund. Und in »Von Fischen und Frauen« kommt ein Urzeitfisch zu Wort. Was können Tiere ausdrücken, wozu Menschen nicht in der Lage sind?

In diesem konkreten Fall wartet eine Anglerin ja bereits ihr Leben lang darauf, diesen URZEITFISCH zu fangen, es wird den ganzen Tag über ihn gesprochen. Da fand ich es nur fair, ihn einmal selbst zu Wort kommen zu lassen. Was dieser dann zu sagen hat, ist eigentlich wieder recht »menschlich«. Das Schöne ist ja, dass aus der Perspektive der Schreibenden erstmal alle Figuren in der Lage sind, alles auszudrücken. Dass es da überhaupt keine Grenzen gibt, und alles denkbar ist, ist das Tolle am Theater! Außerdem sind Tiere in der Literatur ja oftmals sehr symbolträchtig oder wir projizieren viel in sie hinein. Damit zu spielen finde ich einen lustvollen Vorgang. Wenn solche Figuren im Theater vorkommen, ist in jedem Fall die Fantasie der Schauspieler*innen besonders gefragt. Ich hoffe, dass das Spaß macht!

Deine Figuren sprechen oft direkt mit dem Publikum – suchen sie Verbündete?

Als Schauspielerin waren für mich die besten Momente immer die, in denen ich in direkten Kontakt mit dem Publikum treten, es ansprechen konnte. Ich mag das immer sehr, wenn der Umstand nicht ignoriert wird, dass ein zuhörendes und zusehendes Publikum in diesem Moment real anwesend ist. Das ist für mich immer noch ein super magisches Setting und eine Konzentration, die es so sonst selten gibt. Diese Verbindung kann man ruhig stärken und etwas »Beziehungsarbeit« leisten, auch wenn es »nur« durch die Figuren geschieht. 

Du hast selbst Schauspiel studiert, wie beeinflusst dich deine Arbeit als Schauspielerin beim Schreiben?

Das beeinflusst mich immer und überall. Ich denke oft zuerst über einen Spielanlass nach und entwickle davon ausgehend die Szenen. Lese natürlich selber ganz oft laut, gebe die unfertigen Texte meinen Kolleg*innen und merke dann manchmal schon, was gestrichen werden muss, einfach weil es beim laut Aussprechen nicht »flowt« oder keinen Spaß macht. Ich gehe also mehr mit einer Spieldynamik los als mit einem Thema, und beides findet dann im Prozess hoffentlich zusammen.

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Die Wirkkraft von Erzählungen

Die Autorin Paula Kläy studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin.

Mit ihrem Stück »Oberland« gewann sie den Publikumspreis beim Münchner Förderpreis für neue Dramatik. 2023 wurde sie zu den Autor*innentheatertagen am Deutschen Theater Berlin eingeladen. Dramaturgin Simone Kranz sprach mit der Autorin. 

Dein Stück »Grausame Gestalten« hat etwas Rätselhaftes. In klaustrophobischer Atmosphäre haben sich vier Figuren, die sich gegenseitig mit Vater, Mutter, Kind 1 und Kind 2 ansprechen, von der Außenwelt abgeschottet. Das Draußen ist für sie etwas Feindliches – dort leben die Barbaren, mit denen man nicht in Kontakt kommen möchte. Und dann gibt es da noch eine Figur namens Sascha, von der in der dritten Person erzählt wird. Beim Lesen bleibt offen, welche Beziehung Sascha zum Rest des Geschehens hat. Ist für dich das Uneindeutige, zu Entschlüsselnde Teil der künstlerischen Setzung?   

Ich stelle keine Rätsel, die es zu knacken gibt und auf die ich die Antwort kenne, das fände ich unehrlich und langweilig. Aber ich finde es schön, wenn Texte ein Geheimnis in sich tragen, das keine Aufdeckung fordert, sondern sinnlich erfahrbar gemacht werden möchte. Da gilt es für mich zu schauen, dass die Schwebe immer wieder konterkariert wird von etwas sehr Tatsächlichem, Unmittelbaren. So verbinden sich ja auch die zwei Ebenen in einem Moment, wenn Sascha nämlich an einem Loch vorbeiläuft, in dem in 200 Meter Tiefe die Kinder sitzen, die drei nun in Dialog treten und die Erzählung der Eltern ins Taumeln gerät.

»Grausame Gestalten« ist die zweite gemeinsame Arbeit mit dem Regisseur Luis Liun Koch und ein Auftragswerk für die sparte4. Wie kann man sich eure Zusammenarbeit am Stück vorstellen?

Luis hat mir letzten Sommer das erste Mal davon erzählt, dass er gerne eine Arbeit machen würde, die sich mit dem Barbarenbegriff auseinandersetzt. Uns beide hat von Anfang an die Begriffshistorie interessiert, weil sie so viel aussagt über Zuschreibungen und Erzählmuster. Als klar wurde, dass wir die Arbeit hier realisieren können, sind wir mit dem Bühnenbildner Karl Dietrich nach Saarbrücken gefahren, saßen in der Sparte4 und haben danach ein wenig Pingpong gespielt zwischen Bühne und Text. Das war für mich total schön und neu: Tatsächlich für den Raum zu schreiben, in dem das Stück am Ende stattfindet.

Welche Rolle spielen für dich die Theaterproben als konkrete Auseinandersetzung einer Gruppe von Menschen mit deinem Text?

Ich bin gerne am Anfang bei den Proben dabei, mag es, die Fragen zu hören, die der Text aufwirft, erste Interpretationsansätze mitzubekommen und mit auf die Suche zu gehen, nach dem Abend, den wir gemeinsam erzählen wollen.

Findest du der Text spiegelt Phänomene der konkreten politischen Situation wieder?

Für mich verhandelt der Text Resignation, Rückzug aus der Gesellschaft und die Wirkkraft von Erzählungen: Wie zugehörigkeitsstiftend Geschichten (für die Figuren) sind und was passiert, wenn die konstruierte Realität zu bröckeln beginnt.