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Der Dramaturgieschreibtisch Theaterblog

(3) Vom Schreiben – Tout simplement écrire

»Ursprünglich war gedacht, dass wir das Publikum mit unseren Stimmen am Abend der Vorstellungen beim Festival Primeurs mit einer Toninstallation im Foyer der Alten Feuerwache empfangen. Einige Tonaufnahmen und Telefoninterviews waren schon bereit, doch genau während eines Schreibwerkstatts- Workshops, die wir im Theater in kleinen Gruppen gemacht haben, klingelte mein Telefon: Die Theater müssen in einigen Tagen wieder zu machen, das Festival Primeurs wird nicht in der Alten Feuerwache stattfinden können. Que-faire?

Vor der Unmöglichkeit uns nochmal im Theater treffen zu können (einige Jugendliche wohnen in Frankreich), und vor der Traurigkeit darüber, unsere Toninstallation im Theaterhaus nicht klingen lassen zu können, haben wir umgedacht und entschieden die Installation mit Bildern zu verwirklichen. Bilder sind ja… in beide Sprachen verständlich… Sofort haben wir die Autor*innen und Übersetzer*innen gefragt uns Bilder per E-Mail zu senden und das digitale Abenteuer begann. Auf dem Weg kam Lara, FSJlerin der Dramaturgie, ans Theater. Sehr motiviert hat sie uns geholfen dieses Projekt digital zu gestalten. 

Lara, kannst du uns ein bisschen erzählen über das Projekt und wie du es geschafft hast es digital umzusetzen? Was hat dir Spaß gemacht? Was fandest du besonders interessant oder schwierig in der Umsetzung?« 

– Anna A.

»Ich habe mich sehr gefreut, Euch bei der Realisierung dieses Projekts unterstützen zu dürfen, da ich das Schreiben und den Prozess des Schreibens sehr interessant finde. Ich habe viele Einblicke in die Arbeit von verschiedenen Arten von Schriftstellern bekommen, die auch in unseren Artikeln festgehalten sind. Besonders haben mir natürlich die Bilder gefallen; ich bin ein sehr visueller Mensch. Worte kommunizieren die Bilder/ Vorstellungen in unseren Köpfen und legen damit viel über die Person frei.

Ich hatte die Ehre, mir auch kleine Geschichten der Schreibwerkstattler*innen durchzulesen. Im regelfall liest man ja nur Bücher oder Artikel von Menschen, die dafür professionell engagiert sind. Dieser Rahmen ist viel vertrauter und gemütlicher, womit auch die Geschichten viel persönlicher wurden. Besonders der Austausch mit den Anderen Teilnehmer*innen war scheinbar sehr wichtig für das dortige Schreiben.

Besonders gefreut hat mich auch die Teilnahme der Autor*innen des Festivals. Ich habe mir vor Probenbeginn alle Stücke durchgelesen und mir eigene Bilder dazu geschaffen. Umso interessanter ist es dann, die Umstände zu sehen unter denen diese Stücke geschrieben wurden.

Das schwerste war natürlich, zu filtern. Jeder Einblick in eine Person war hier sehr aufschlussreich, da ist es schwer, zu entscheiden, was in den Artikel kommt und was nicht. Ich glaube aber, dass die Auswahl, die wir getroffen haben, das Wichtigste bereitstellt.

Den Lesern wünsche ich also viel Spaß und eine gute Reise durch die Geschichten der Autor*innen, die Worte und Bilder gemeinsam erzählen.« 

– Lara H.

Sprichst du so wie du schreibst?

»Ich finde schon. Ich achte sehr darauf, wie jemand spricht und schreibt. Es geht mir gar nicht um die Rechtschreibung, die beherrsche ich auch noch nicht so ganz, wie es mir lieb wäre, aber um die Art wie sich jemand ausdrückt, sowas verschafft bei mir sehr viel Eindruck und ich bin selten kritisch aber hier schon.«

Die Sprache der Kunst // Die Kunst der Sprache – Lara H.

»Definitiv nicht! Ich rede viel schlimmer, ich bin in der Regel immer fasziniert, dass ich so gute Sätze auf Papier bekomme, obwohl ich echt nicht die beste Ausdrucksweise habe.« – Samira B.

»In Prosa Hochdeutsch, bei Gedichten oft Dialekt.« – Mona J.

« J’écris pas vraiment comme je parle. Quand j’envoie un email officiel je l’écris comme une histoire. Et puis je parle pas à tout le monde pareil. » – Yann

Weißt du wie dein Text enden wird, wenn du anfängst zu schreiben oder entwickelt es sich im Laufe des Schreibens?

Lorsque tu commences à écrire, sais-tu comment ton texte finira?

Genieße mehr das Jetzt und Hier, was morgen ist, weiß niemand. Mit der Gelassenheit und Ruhe in dir, erreichst du deine Ziele. – Mariela G.

»Manchmal habe ich ein Ende schon im Kopf aber ich bin offen und lasse mich gerne während dem Schreiben umstimmen, wenn ich doch was anderes verspüren sollte.« -Mariela G.    

Thierry S.

«Avant, je voulais tout contrôler avant de commencer à écrire, mais depuis plusieurs mois j’essaye de juste écrire, peu importe comment ça va se terminer »  – Clara

«Moi c’est exactement le contraire, si je sais pas ma fin je sais pas vers où m’orienter. Quand j’écris je sais déjà vers où je vais.» – Yann

»Der Text entwickelt sich während des Schreibens. Bei Gedichten habe ich ein Ziel, auf das ich hin formuliere.« – Mona J.

Tracer des lignes de fuite en constellations. – Blandine B.

»Das kommt ganz darauf an, ob ich schon einen Plot für die Geschichte habe, oder nicht. So oder so schreibe ich mir kurz auf, wie die Geschichte ablaufen soll und fange an zu schreiben, manchmal ergibt sich im Laufe etwas, manchmal aber auch nicht.« – Samira B.

Wenn du etwas streichen willst, wie gehst du vor?

Lorsque tu veux corriger ton texte, que fais-tu?

Le pied dans l´plat. – Anna A.

»Wenn ich am Laptop arbeite, dann korrigiere ich oft, nachdem ich den Satz abgeschlossen habe, damit ich meine Gedanken nicht vergesse. Wenn ich mit einem Kugelschreiber schreibe, kommt es auf den Text an. Wenn ich eine Karte schreibe dann mache ich mir davor oft schon Gedanken und schreibe es vor. Wenn ich eine Geschichte schreibe, dann schreibe ich darauf los und streiche auch mal durch und korrigiere am Ende.« – Mariela G.

Wort für Wort – Linie für Linie – Gemälde des Autors – Lara H.

Hast du dir schon mal Sorgen gemacht über die Reaktion deiner Leser? Hat deine Familie deine Texte gelesen?

T’es tu déjà inquiété de la réaction de tes lecteurs?

»Sorgen mache ich mir keine, ich bin neugierig auf die Reaktionen. Es ist so schön, wie unterschiedlich wir alle sind und somit auch die Geschmäcker. Mich würde es interessieren, wie die Texte auf andere wirken, ob ich wirklich dieses Gefühl, welches ich beim Schreiben verspüre, auch beim Lesen so ankommt.« – Mariela G.

Visées, visions. – Blandine B.
Bac à linge sale. – Anna A.

« Tant que je ne suis pas à 100 pourcent satisfaite j’en parle pas autour de moi, personne ne sait que je suis en train d’écrire quelque chose, il faut que ça reste un peu secret. » – Clara

»Meine Familie liest meine Texte nicht. Sie weiß zwar, dass ich schreibe und dass ich schreiben liebe, aber ich werde damit nicht ernst genommen oder man will meine Geschichten nicht lesen, da einige enge Familienmitglieder finden, dass das Schreiben von Geschichten nichts bringt und „unnötig“ sei, was falsch ist. Deshalb zeige ich meine Geschichten nicht wirklich gern.« – Samira B.

Thierry S.
Wie die Kaffeetasse so schön sagt: »Manches ist gar nicht so wichtig.« Also lass deine Kreativität raus, denn solange du liebst was du machst, strahlst du es auch aus und ziehst die richtigen Personen an. – Mariela G

»Ja. Von einigen Statist*innen weiß ich, dass sie auch in diesem Verteiler sind und manchmal spekuliere ich, von wem welcher Text sein könnte. Sorgen mache ich mir keine, ich würde es nur spannend finden, wenn wir uns mal zusammensetzen um uns persönlich auszutauschen. Ich bin total neugierig. « – Mona J.

Stell dir vor, jemand will deinen Text inszenieren. Wie würdest du dich fühlen? Ängstlich, total froh oder würdest du es lieber selber machen?

Si ton texte était mis en scène, comment te sentirais-tu? Plutôt Inquiet, ou plutôt content? Voudrais-tu faire toi-même la mise en scène?

»Keine Angst, ich würde mich total freuen! Selber inszenieren, eher nicht. Es würde mich besser gefallen, die richtigen Personen für mein Stück auswählen zu dürfen. Allerdings finde ich sind meine Texte noch nicht so weit, um als Stück inszeniert werden zu können. Aber wenn sich die Möglichkeit anbieten sollte und vor mir eine offene Tür steht, dann kehre ich ihr bestimmt nicht den Rücken zu.« – Mariela G.

»Ich habe in meiner Kindheit schon am liebsten Puppenspiele aus meinen Geschichten gemacht, also würde ich mich natürlich sehr darüber freuen es selbst machen zu können. Auf der anderen Seite ist es aber auch sehr interessant zu sehen, was ein Fremder mit meinem Text anstellen würde; wie er ihn betrachtet und was er dabei fühlt. Welche Stellen in seiner Inszenierung besondere Aufmerksamkeit erhalten und welche gestrichen werden.« – Lara H.

»Ich würde mich bestimmt sehr freuen, aber ich müsste eine Person aus jedem Stück wohl selbst spielen, oder würde sie gerne spielen, da ich nicht genau weiß, ob ein fremder Schauspieler meine Charaktere genau so spielt, wie sie sich auch verhalten würden.« – Samira B.

Et voilà c’est fini pour aujourd’hui. Das war´s leider schon für heute. Dans le prochain article vous découvrirez plein d’autres images et plein d’autres pensées d’auteur*ices, de traducteur*ices et d’écrivain*es du dimanche. In weiteren Artikel warten noch mehr Fragen über das Schreiben und das Spielen mit Wörtern auf euch, die die Autor*innen und Sonntagsschreiber*innen kreativ mit Bild und Wort beantwortet haben! 

Im nächsten Artikel erfahrt Ihr mehr über die Übersetzung, denn auch einige Übersetzer*innen des Festival Primeurs haben sich von uns interviewen lassen und haben kreativ geantwortet! Prochain article la semaine prochaine! Dans notre prochain article nous vous présenterons nos recherches sur le quotidien des traducteurs. Nächster Artikel nächster Woche. Prochaine semaine, prochain article!

Die Texte der Autor*innen die die Autor*innen- und Übersetzer*innen- Preise Festival Primeurs gewonnen haben können auf der Website als inszenierte Vorlesung gesehen werden. Schaut bei Interesse auf jeden Fall vorbei! 

Les textes des auteurs qui ont remporté les prix du meilleur auteur et des meilleures traductions peuvent être visionnés dans une version scénique et filmée sur le site du festival!

Le manifeste de la jeune fille – Manifest der Jungen Frau 

Von / de Olivier Choinière (Autor*innenpreis 2020) Olivier Choinière

Übersetzung / Traduction Hinrich Schmidt-Henkel (Übersetzer*innenpreis 2020)

Mit französischen Untertiteln! Disponible avec des sous-titres en français!

France Fantôme – Phantomschmerz

Von / de Tiphaine Raffier

Übersetzung / Traduction Franziska Baur (Übersetzer*innenpreis 2020)

http://www.festivalprimeurs.eu/

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(2) Vom Schreiben – Tout simplement écrire

Was bedeutet Schreiben für dich? Wo und wann schreibst du am liebsten? Wie würde dein Text in einer anderen Sprache klingen?

Deutsch-französische Jugendliche haben den Autor*innen des Festivals Primeurs und die Teilnehmer*innen der Schreibwerkstatt des Jungen Staatstheater Fragen gestellt und sie nach Bildern gefragt. Lass uns zwischen den Sprachen entdecken, von welchen rätselhaften Geschichten diese Bilder zeugen. 

Hier könnt ihr auch den ersten Artikel der Reihe lesen.

Qu’est-ce qu’écrire signifie pour toi ? Où et quand aimes-tu écrire ? À quoi ressembleraient tes textes s’ils étaient traduits dans une autre langue ?

Des jeunes franco-allemands ont posé leurs questions aux auteur.trice.s du festival Primeurs ainsi qu’aux participants de l’atelier d’écriture du Junges Staatstheater en leur demandant de ne répondre qu’avec des images. Découvrons entre les langues de quelles histoires énigmatiques ces images témoignent. Vous pouvez aussi commencer par la lecture de notre premier article sur le sujet.

Anna Arnould-Chilloux, Theaterpädagogin für Schauspiel und Tanz

Lara Happ Fsjlerin der Dramaturgie

Nicht nur digital haben die Autor*innen und Sonntagsschreiber*innen unsere Frage beantwortet, auch der traditionelle Weg über die Post wurde genutzt. Wenn auch aus Not.

»Hallo liebe Anna, 

bestimmt hast du dich gewundert, dass keine Rückmeldung vorgenannte Mail von mir gekommen ist. Ich bin Mitte November umgezogen und immernoch ohne Internet. Deine Fragen zum Autor*inneninterview für Primeurs beantworte ich deshalb gerne per Brief.

Ganz liebe Grüße«

Schreibst du eher Nachts oder Tagsüber? Hast du eine feste Uhrzeit, wann du am produktivsten bist? 

Écris-tu de nuit ou plutôt de jour? 

Reisen und entdecken, um zu verstehen und zu wachsen. – Mariela G.

»Ich habe ehrlich gesagt keine feste Tageszeit, aber eher abends, da ich in der Schule nicht wirklich schreiben kann. Ich habe zwar schon im Unterricht Szenen geschrieben, allerdings komme ich dann mit dem Schulstoff nicht mehr hinterher, es ist also davon abzuraten. Aber sollte ich eine Idee haben, dann fang ich eigentlich immer direkt an.« – Samira B.

»Ich bin ein Nachtmensch und schreibe überwiegend abends, schreibe mir während des Tages Stichpunkte auf.« – Mona J.

Wo schreibst du am liebsten? 

Où écris-tu?

Im Hier und Jetzt. – Samira B.
Esprit ordonné et espace désordonné – Clara.

« Dans un petit café, dans une petite pièce, pas forcément chez moi » – Clara

Die Natur prägt die Kreativität und das Wasser strömt sie hinaus. – Linda
Dans mon hameau de paix – Yann

« Dans un endroit où il y a très peu de personnes.» -Yann.

Das Bild von Thierry S. hat Clara zu einem Text inspiriert – L’image de Thierry S. a inspiré Clara…

Thierry S.

Et qu’en est-il d’avant ? De mon passé ? Je crois qu’il disparaît. Petit à petit. N’avais-je pas plus de souvenirs, le mois dernier ? Ou était-ce celui d’avant ? Je ne sais plus. Je me perds dans un temps qui n’a plus de valeur. Seulement cette image. Rappelle-toi, allez ! N’oublie pas ! Ah, ça y est ! Il y a une fenêtre, qui donne accès sur une sorte de cour, et un petit bureau en bois, englouti par mes travaux, l’essence même de ce que je suis. Ça avait l’air chaleureux, confortable. Enfin, c’est toujours mieux   que  le béton   froid et les chiures   de   clébards,    j’imagine. Mais qu’est-ce qui me prend de divaguer ainsi ? Je ferai mieux de me rendormir. Demain est un nouveau jour. Un jour d’hiver. – Clara.

Freie Gedanken mit gutem Kaffee – Mariela G.

»Am ehesten am Schreibtisch, im Bett gefällt es mir auch ganz gut, wenn ich einfach nur frei meine Gedanken oder Träume aufschreiben möchte, dann gerne gemütlich im Bett. Richtung Schreibtisch geht es dann, wenn Konzentration angesagt ist, dann fühle ich mich dort etwas wohler. Um im Café schreiben zu können, dürfe ich mich nicht so leicht ablenken lassen und weil dies der Fall bei mir ist, leider eher selten. Wenn ich die Möglichkeit habe, dann schreibe ich am liebsten draußen.«

– Mariela G.

Partout. En immersion. – Tiphaine R.


»Da, wo ich gerade bin.« – Mona J.

Was hörst du wenn du schreibst? 

Qu’écoutes-tu quand tu écris?

»Ich höre immer Musik, während ich schreibe.« – Yann

«Ecrire avec le stylo qui danse dans ta main.» – Anna A.

»Auch wenn ich für die Schule lerne.« – Linda

»Beim Schreiben höre ich nur ruhige Musik, sonst werde ich zu leicht abgelenkt. Zur Inspiration dienen mir aber alle möglichen Genres.« – Lara H.

«Parfois ça et parfois plutôt ça pour l’inspiration.»- Clara

Was inspiriert dich am meisten? 

Qu’est-ce qui t’inspire le plus?

Mariela G.
Die Stadt und der Umgang der Menschen damit. Verschiedene Lebensentwürfe – Hannes H.
Samira B.
Thierry S.
Samira B.

»Die lieben Menschen an meiner Seite, sind wundervolle Lebensbegleiter und inspirieren mich von Tag zu Tag aufs Neue«

– Mariela G.

Bon son et bonne odeur – Clara.
Träumen – Samira B.
Wortgefechte – Frank S.
Das Individuum im Herzen entfacht das Feuerwerk der Inspiration. – Linda.
La technologie – Tiphaine R.
La vision du calme – Yann.
L’être humain, l’être humain, l’être humain. – Blandine B.

Das war´s leider schon für heute. Et voilà c’est fini pour aujourd’hui. Dans le prochain article vous découvrirez plein d’autres images et plein d’autres pensées. In weiteren Artikel warten noch mehr Fragen über das Schreiben und das Spielen mit Wörtern auf euch, die die Autor*innen und Sonntagsschreiber*innen kreativ mit Bild und Wort beantwortet haben! 

Bereits im nächsten Artikel erfahren wir mehr über die Beziehung von Text und Autor, wie der Schreibprozess aussieht und über die Unterschiede von geschriebenem und gesprochenem/ inszenierten Text! – Bleibt gespannt! Nächster Artikel am, prochain article le 20.01.21. Vous y découvrirez nos réponses en images sur le rapport auteurs – textes et sur les différences entre textes écrits et textes mis en scène.

Die Texte der Autor*innen des Festivals Primeurs wurden bereits auf der Website als inszenierte Vorlesung veröffentlicht. Diese können bis zum 15.01.21 online und kostenfrei angeschaut werden. Les textes des auteurs du festivals primeurs (traduits en allemand) sont disponibles en ligne dans leur version lecture-mise en scène. Elles sont disponibles jusqu’au 15.01.21 sur notre site. Venez vite les découvrir! http://www.festivalprimeurs.eu/

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(1) Vom Schreiben – Tout simplement écrire

»Liebe Autor*innen,  chers traducteurs und Sonntagsschrifsteller*innen, ce sont Yann, Linda et Clara qui vous parlent.

Wir sind Teilnehmer*innen eines Schreibworkshops des Staatstheaters. Wir sind 15 jährige Schüler*innen und haben viel Spaß am Schreiben!

Wir hätten gerne mit euch während des Festivals Primeurs gesprochen, uns über eure Stücke ausgetauscht oder auch von unseren eigenen Texten erzählt, die wir fast täglich in unseren Zimmern schreiben. Wir hätten gerne über Übersetzung gesprochen, denn einige von uns sind im deutsch-französischen Gymnasium und in unseren Köpfen springen manchmal die Wörter in beide Sprachen. Wir kennen euch noch nicht aber wir haben viele Fragen!«

Yann, Clara und Linda, die FSJlerinnen des Staatstheaters Pauline und Lara, sowie die Studentin und Praktikantin des Festivals Primeurs, Lola, haben sich in kleinen Gruppen im Internet oder im Theater getroffen, zusammen geschrieben, telefonische Interviews geführt, Fragen vorbereitet und sie den Autor*innen, Übersetzer*innen, und anderen Sonntagsschreibern digital gestellt.

Wie kann man die Kreativität und dieAlltäglichkeit des Schreibens zwischen den Sprachen zeigen? Dies ist eine der Fragen, die diese Jugendlichen und jungen Erwachsene sich mehrere Wochen lang gestellt haben. Daraus entstand eine digitale Ausstellung, die in einer Reihe aus mehreren Artikeln auf unserem Theaterblog präsentiert wird.

Viel Spaß!

Anna Arnould-Chilloux, Theaterpädagogin für Schauspiel und Tanz
Lara Happ Fsjlerin der Dramaturgie

«Chers auteurs, Übersetzer*innen et écrivains du dimanche, hier sind Yann, Linda und Clara!

Nous participons à un atelier sur l’écriture au Staatstheater. Nous avons 15 ans et nous aimons écrire !

Nous aurions aimé vous rencontrer pendant le festival, échanger sur vos pièces et vous parler des textes que nous écrivons au quotidien dans nos chambres. Nous aurions aussi beaucoup aimé discuter de traduction car dans nos têtes les deux langues se mélangent chaque jour un peu plus. Nous ne vous connaissons pas encore, mais nous avons déjà beaucoup de questions !»

Yann, Clara et Linda aidés de Pauline et de Lara actuellement en service civique au Théâtre ainsi que de Lola étudiante et stagiaire du festival Primeurs, se sont retrouvés au Théâtre en petits groupes ou par internet. Ensemble, il ont écrit, fait des interviews par téléphone, cherchés mille et une questions sur le thème de l’écriture et les ont posés aux auteur.ices, traducteurs.ices du festival ainsi qu’à d’autres écrivain.es du dimanche.

Comment peut-on témoigner, entre les langues, du quotidien qui traversent le processus d’écriture ? Voici une des questions sur lesquels ces adolescents et jeunes adultes se sont penchés durant plusieurs semaines. A partir de ces recherches a été créée une exposition numérique d’images et de textes présentés dans une série d’articles sur le blog du Théâtre.

Anna Arnould-Chilloux, Theaterpädagogin für Schauspiel und Tanz
Lara Happ Fsjlerin der Dramaturgie

Liest du viel und hilft dir das Lesen beim Schreiben?

Lis-tu beaucoup et la lecture t’aide t’elle à écrire?

Viele Bücher, aber wenig Zeit – Hannes H.

»Ein Buch pro Monat, ich versuche es zumindest. Oft kann ich nicht gut abschalten und mich auf das Buch einlassen, ich möchte darin versinken, aber wenn ich woanders mit meinen Gedanken bin, klappt es nicht immer so, wie ich es gerne hätte. Helfen tut es nicht unbedingt. Es hilft mir dabei bessere Sätze zu bilden, also eher textlich.«– Mariela G.

»Hängt vom Umfang des Buches ab, ich lese jeden Abend vor dem Einschlafen ca. 30 Minuten.« – Mona J.

Welcher Schreibtyp bist du? 

Bleistift, PC oder Schreibmaschine?

Comment écris-tu? Au crayon à papier, à l’ordinateur ou à la machine à écrire?

»Zuerst ist der Kopf voll, anschließend das Papier.« – Frank S.

« Ecrire par petites touches. Tchip tchip tchip. » – Blandine B.

Mariela G.


« Tout est lent, tout est droit »

« Sur des feuilles à carreaux comme en classe » – Yann

»Tinte bringt Leben auf`s Papier.«  – Samira B.

»Der Stift in der Hand beschreibt die Persönlichkeit.« – Linda

« Ligne après ligne. » – Clara

« Mon écriture, heureusement que j’écris essentiellement à l’ordinateur. » – Thierry S.

Orientierst du dich beim Schreiben an Situationen aus deinem Leben oder deiner Fantasie?

Lorsque tu écris, utilises-tu plutôt des situations de ta propre vie ou ton imagination?

« Enfant je rêvais. » – Blandine B.

»Wenn ich schreibe, orientiere ich mich mal hier, mal dort. Es kommt immer auf die Atmosphäre an, die die Geschichte an den Tag legen soll, zudem verändert sich mein Geschmack fast täglich. An einem Tag schreibe ich gerne über Phantasiewelten mit Magie, an einem anderen Tag lieber über eine reale Situation. Meine verschiedenen Charaktere bekommen dennoch sehr viel Einfluss aus meinem Leben. Ich gebe meinen Charakteren gern etwas, was ich auch einmal erleben musste, um sie besser verstehen können. Gleichzeitig machen mich diese Personen auch stark und können ein wenig Halt geben, da sie wie schon erwähnt, ein ähnliches Schicksal erlebt haben, oder gerade erleben. Es wirkt manchmal wie Medizin.« – Samira B.

»Das kommt aufs Thema an: bei meinen Mundartgedichten geht es um Situationen, die ich erlebe; bei der Schreibwerkstatt des Abstands-Kollektivs war ich eher fiktiv unterwegs.« – Mona J.

Wie ist eine deiner Lieblingsfiguren aus deinen Texten? Ist sie dir ähnlich?

A quoi ressemble le personnage préféré de tes textes? Te ressemble t-il?

« Mes personnages préférés. » -Thierry S.

La fleur 
« C’était un personnage qui regardait à travers sa fenêtre, c’était celui qui me ressemblait le plus par sa vision, par le fait même qu’il regardait par la fenêtre. »  – Clara

Ein Auszug vom Text von Mariela G.:

»Der verträumte Psychologe« – ein Text der im ersten Lockdown beim Abstands-Kollektiv entstand – inspiriert von der Seite 22 des Buches »Komm, ich erzähl dir eine Geschichte.« – Mariela G.

Der etwas melancholische Lennart, ist auf der Arbeit als Dr. Baum bekannt. Er beschäftigt sich gerne mit den Aggressionen, Depressionen, Gefühlen und Emotionen der Menschen. Deswegen hat er sich für ein Psychologiestudium entschieden, danach war Lennart klar, er möchte Menschen helfen. Aber nicht nur mit Gesprächen oder Medikamenten, er wollte etwas Kreatives anbieten und versuchen Ihnen anders zu helfen. 

Er näherte sich (einem) Grundstück und warf einen Blick durchs Fenster. Nach einigen Minuten hatte er bereits eine Traumvorstellung von seiner eigenen Praxis. Die Gegend war perfekt, es ist sehr ruhig dort und liegt in der Natur. Aber so schnell die Traumvorstellung auch entstanden ist, so schnell wurde sie auch direkt abgelehnt. Er war wütend auf sich musste aber zur selben Zeit auch daran denken, was er immer seinen Patienten sagt.

»Der einzige Weg, die Wut wieder loszuwerden, ist der, sie in Handlungen umzusetzen. Das Gegenteil bewirkt früher oder später nur, dass man wütend auf sich selbst wird.«

»Mit den Gedanken immer in den Wolken.«

Scott und Tio

Er ist geheimnisvoll, charismatisch, stark, frei, ein Einzelgänger, doch er liebt Gesellschaft, er will die volle Aufmerksamkeit, doch hält er sich im Hintergrund, er betrachtet Dinge auf eine ganz andere Art und Weise, er muss an die Spitze, der Zweitbeste zu sein, reicht ihm nicht, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so erscheint. – Samira B.

»Ma ville d´enfance, Val d´Europe à côté de Disneyland Paris.« – Tiphaine R.

Toujours plus! Toujours plus!

« Comme si c’était moi, mais autrement. »

– Yann

»Meine Protagonistin EVE, die ein reales und surreales Leben lebt.« – Mona J.

»Die Zukunft rückt immer näher ans Licht. Nutzt man die Zeichen, das Schicksal – es bricht.« – Linda

»Der erste Tag an Bord.«  – Anna A.

Wusstest du schon immer dass du Autor*in werden willst?

Avez-vous toujours voulu devenir auteur.ice?

Reconversion professionnelle, tracer ses routes.Blandine B.

Et voilà c’est fini pour aujourd’hui. Das war´s leider schon für heute. Dans le prochain article vous découvrirez plein d’autres images et plein d’autres pensées d’auteur*ices, de traducteur*ices et d’écrivain*es du dimanche. In weiteren Artikel warten noch mehr Fragen über das Schreiben und das Spielen mit Wörtern auf euch, die die Autor*innen und Sonntagsschreiber*innen kreativ mit Bild und Wort beantwortet haben! Nous vous présenterons nos recherches sur le lieu et le temps où l’écriture prend forme. Bereits im nächsten Artikel erfahren wir mehr darüber, in welcher Umgebung und mit welcher Inspiration sich die Schriftstelle an den Schreibtisch setzen. Oder sitzen sie überhaupt am Schreibtisch? – Bleibt gespannt! Nächster Artikel am à partir du 13.01.2021!

Einige Texte der Autor*innen des Festivals Primeurs wurden bereits auf der Website als szenische Lesung veröffentlicht. Schaut bei Interesse auf jeden Fall vorbei!

Hier saht ihr beispielsweise Einblicke in die Arbeit von:

Blandine Bonelli, die mit »Versagen« (« Défaillances ») beim Festival vertreten ist, 

Thierry Simon mit »Mehr gibt´s nicht zu sagen« Et y a rien de plus à dire ») und 

Tiphaine Raffier mit »Phantomschmerz« (« France Fantôme »)

http://www.festivalprimeurs.eu/

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Hinter dem Vorhang Theaterblog

Ballet with a distance

Der Tanz am SST in den Zeiten von Corona.

Yaiza Davilla Gómez, Hope Dougherty und Alexander Andison tanzen im Saarländischen Staatsballett. In einem Interview sprechen sie über die Produktion »Sound & Vision«, die am 3. Oktober 2020 Premiere hatte.

Wie bist du mit dem Tanz verbunden, und inwiefern war diese Verbindung vom Lockdown und der Pandemie betroffen?

Y. D. G.: Vor dem Lockdown befand ich mich in einer kritischen Situation. Ich tanze seit elf Jahren professionell, und es fühlte sich so an, als wäre die Zeit gekommen, etwas anderes zu machen. Der Lockdown von März bis Mai ließ mich jedoch erkennen, dass ich es liebe zu tanzen. Ich habe es so sehr vermisst, und als wir endlich wieder auf der Bühne standen, war ich so glücklich – ich fühlte mich wieder verbunden zu dieser Liebe.

H.D.: Während des Lockdowns hatte ich eine Phase, in der ich dachte: »Wen interessieren Tänzer?« oder »Wir spielen keine Rolle«. Zur selben Zeit aber fühlte es sich so an, als könnte ich ohne den Tanz nicht existieren, ich fühlte mich so leer. Das war die längste Pause vom Tanz, die ich je hatte, und jetzt bin ich wieder motiviert und will wieder loslegen, aber mein Körper ist einfach noch nicht bereit. Es ist frustrierend, wieder zurückkommen zu wollen, aber dazu einfach nicht in der Lage zu sein, weil das Training gefehlt hat. Man muss sehr geduldig sein, wie am Anfang.

A. A.: Wenn dir etwas Selbstverständliches genommen wird, lehrt es dich, den Hunger darauf oder die Notwendigkeit dessen zu schätzen. Am Anfang des Lockdowns, als wir alle nach Hause geschickt wurden, gab es eine Dualität: unser künstlerischer Appetit konnte nicht befriedigt werden, und unsere Körper waren unterfordert. Für mich war es relativ einfach, meine künstlerischen Bedürfnisse zu erfüllen, indem ich mir Zeit nahm, andere Dinge zu tun, beispielsweise Lesen oder Filmeschauen. Der professionelle Tanz ist auf eine bestimmte Weise sehr rituell: Täglich üben wir und beginnen jeden Tag gleich, mit dem gleichen Training; es bereitet einen auf den restlichen Tag vor. Es ist eine Möglichkeit, einen Schritt zu sich selbst zu machen und sich mit seinem Körper zu verbinden, wie in der Meditation oder im Yoga.

Alexander Andison; Micaela Serrano Romano; Shawn Throop | Foto: Bettina Stöß

In »Sound & Vision« sind Projektionen von euch und anderen Ensemblemitgliedern bei Bewegungsübungen zu Hause zu sehen. Welche Probleme hattet ihr in dieser Zeit?

H. D.: Es war furchtbar! Meine Wohnung hat einen alten Dielenboden, und unter mir wohnt eine Familie mit kleinen Kindern. Außerdem hatten wir Training über Zoom, was mit dem winzigen Bildschirm meines Handys sehr anstrengend war. Ich war leicht abgelenkt, und bereits Kleinigkeiten störten mich viel mehr als gewöhnlich. Am Ende des Tages war ich erschöpft, obwohl ich körperlich fast nichts machen konnte. Für die Videos habe ich einen Beitrag in einer kleinen Ecke meiner Wohnung gemacht, die mir nie richtig aufgefallen war. Dadurch, dass ich gezwungen dazu war, kreativ mit meiner Umgebung umzugehen, fand ich heraus, dass es einen gewissen Charme hat, die Decke mit meinen Füßen zu berühren.

A. A.: Stijn sagte mal etwas darüber, wie wichtig es sei, in einer Zeit des Leidens als Tanzgruppe präsent zu sein. Es diene dazu, unseren Platz in der Gemeinschaft klarzustellen und dass wir zusammen seien, wenn auch nicht räumlich. Ich genoss es, zu Hause einen Fokus auf Theorie und Achtsamkeit zu legen, aber ich glaube, ein Großteil des Tanzens ist die Bewegung durch den Raum, das Benutzen der Extremitäten und aller Dimensionen des Raumes um einen herum. Mit Online-Unterricht geht das einfach nicht richtig. Ich habe es als zuträglich für meine mentale Gesundheit gesehen, und zur körperlichen Auslastung habe ich mit dem Laufen und dem Fahrradfahren begonnen.

Y. D. G.: Es war sehr kompliziert. Man muss komische Sachen mit dem Körper anstellen, um sich an die Umgebung anzupassen. Sei es ein viel zu tiefer Stuhl, der als Stange herhalten muss, oder der knarzende Wohnzimmerboden. Wir hatten einmal Zoom-Unterricht von einem Lehrer aus Italien, einem Spezialisten für Rolfing, einer Körpertherapiemethode. Die Übungen waren alle sehr langsam und minimalistisch; ein großer Teil davon ist das Verständnis über die eigene körperliche Verfassung. Er leitete uns dazu an, uns unserer selbst bewusst zu werden. Das fand ich sehr schön, da man in der Alltagsroutine einfach keine Zeit für so etwas hat. Man muss sich selbst und seine Kunst immer wieder an die Grenzen bringen.

Jetzt seid ihr in den Proben für ein neues Stück, »Winterreise«. Wie fühlt es sich an, die nächste Produktion in einem Lockdown zu erarbeiten?

H.D.: Nun, wir wissen noch nicht, wann die Premiere stattfindet. Vielleicht im Juni? Ich fände es allerdings sehr seltsam, »Winterreise« in der Sommerhitze zu tanzen. Außerdem ist es etwas ganz anderes als »Sound & Vision«. Es hat eine Art Narration und einen eher düsteren Rahmen. Vorher haben wir etwas Heiteres gemacht, konnten zu Popmusik tanzen, es war energetisch. Jetzt bricht der Winter an, und es macht wirklich den Anschein, als würden wir uns auf eine Winterreise begeben.

A. A.: Das ist jetzt vielleicht ein etwas großer Gedanke, aber ich denke oft über unsere Rolle in der Gesellschaft nach. Es ist toll, dass wir die Unterstützung von der Regierung bekommen, wir können weiterhin proben und arbeiten, aber es fühlt sich albern an, das nur für uns zu machen und nicht für ein Publikum. Wir arbeiten ohne Aussichten auf Auftritte. So etwas lässt einen den Beruf hinterfragen, die eigene Kunst – und das macht es sehr schwer, optimistisch zu bleiben.

Y. D. G.: Bereits die Produktion von »Sound & Vision« war sehr anspruchsvoll. Wir konnten nur zu dritt oder zu viert proben. Wenn sich die ganze Kompanie im Prozess einer Uraufführung befindet, gibt es fast immer eine neue Idee, neue Impulse von einem Mitglied, wodurch alles viel einfacher fließt. In kleinen Gruppen zu arbeiten war dadurch ziemlich anstrengend, auf der anderen Seite konnte Stijn Celis sich sehr auf die Individuen konzentrieren und ein Stück kreieren, bei dem jeder Vorschläge einbringen konnte. Ich persönlich habe es sehr genossen, ihm Ideen anzubieten, mit denen er dann gespielt hat. Auf diese Weise beinhaltet das Stück die Persönlichkeit von uns allen. Ich hoffe es wird alles wieder normal, aber ich glaube nicht, dass das in naher Zukunft passiert. Wir müssen uns einfach damit abfinden.

Hope Dougherty in »Sound & Vision« | Foto: Bettina Stöß.

Wie habt ihr euch gefühlt, als ihr zum ersten Mal wieder mit den anderen tanzen durftet?

H. D.: Als ich die vielen Menschen gesehen habe, war ich sehr verunsichert über mein Verhalten: Wie sagt man hallo, ohne unhöflich zu sein? Zu der Zeit war alles so unsicher. Man wollte mit den anderen tanzen, aber gleichzeitig sich an die Vorschriften halten, wobei man nicht einmal wusste, welche Vorschriften tatsächlich sinnvoll waren. Am Anfang wurden kleine Vierecke auf den Boden abgeklebt, die uns vorgaben, wo wir bleiben sollten. Das war urkomisch, weil es natürlich kein bisschen funktionierte.

Y. D. G.: Normalerweise berühren sich Tänzer sehr oft, wir sind immer beieinander. Wir fingen allerdings irgendwann an, damit zu spielen. Es war etwas Neues, und plötzlich mussten wir mehr Solomaterial produzieren. Auch das wurde aber nach einer Zeit sehr einseitig, und wir brauchten etwas anderes. Ich liebe es, mit Menschen zu tanzen, mit ihnen eine Verbindung einzugehen, sich gegenseitig in die Augen zu sehen oder ihr Gewicht zu spüren – aber jetzt gibt es nur dich.

H. D.: Denken wir daran: Wenn die Pandemie vorbei ist, müssen wir akzeptieren, dass es schwer wird, wieder mit anderen zu tanzen. Zusammen zu tanzen muss immerzu geübt werden und ist durch nichts ersetzbar.

A. A.: An diesem Punkt kommt man schon fast zur Wissenschaft des Tanzes: Wenn man den Körper eines anderen nimmt und sein Gewicht tragen muss, geht es um Balance und Physik. Das haben wir schon lange nicht mehr üben können, weshalb auch ich mit Sicherheit nervös werde, sobald es wieder dazu kommt. Ich glaube, »Sound & Vision« war ein gutes Beispiel für das Arbeiten mit unseren Parametern. Es ist, wie wenn man ein Sinnesorgan verliert, beispielsweise wenn die Augen geschlossen sind, dann erwachen die anderen Sinne, und ich glaube, das ist ganz ähnlich, wenn im Tanz die Partnerarbeit oder das Anfassen nicht erlaubt sind. Man muss sich auf andere Dinge verlassen. So hatten wir die Bühne als Gruppe. Beobachtet man das Drehen und Verschieben des Raumes, wirkt es, als wären mehr Menschen da und wäre mehr Bewegung im Stück.

In »Sound & Vision« habt ihr oft synchron getanzt. Hat das ein Gemeinschaftsgefühl auf irgendeine Weise hergestellt?

H. D.: Natürlich hat man dabei ein Gefühl des Zusammenseins, aber man sieht es eher von außen. Es wird sichtbar, wie sich Körper, trotz Entfernung, zusammen bewegen können. Für mich als Beobachterin wirkte der Abschnitt der Männer wie eine starke Einheit an Kraft.

A. A.: Ich empfand den Teil der Frauen zu Edith Piafs Musik wie einen Schwarm fliegender Vögel. Wenn man synchron tanzt, ist ein wichtiger Teil das synchronisierte Atmen und das Finden des richtigen Rhythmus. Atmen ist die Essenz des menschlichen Wesens, und es ist der Kern unseres Seins; das ist etwas, womit ich mich beim Tanzen verbunden fühle.

H. D.: Jetzt, wo du es sagst: Ich fand den Frauenteil sehr herausfordernd, weil wir alle nach vorne geschaut haben und ich keine der anderen sehen konnte, und wir alle hatten ein seltsames Gefühl. Irgendwie waren wir dennoch verbunden. Ich frage mich fast, ob, weil wir uns nicht berühren durften, es besser als sonst war. Es war eine ganz neue Art von Intimität.

Alexander Andison; Hope Dougherty | Foto: Bettina Stöß

Hope und Alexander, ihr beiden habt auch bei dem Part des Stücks mitgewirkt, in dem ihr im schwarzen Mantel mit politischer oder persönlicher Aussage darauf ganz vorne auf der Bühne gesprochen habt. Was sagt ihr zu diesem anderen Aspekt des Stücks?

A. A.: Wir wurden tatsächlich gefragt, was wir auf den Mänteln haben wollten, und die Kostümbildnerin Laura Theiss hat uns zu politischen Aussagen ermutigt. Dieses Stück war für mich allerdings nicht das Umfeld, in dem ich so etwas ausdrücken wollte, daher waren meine Aufschriften eher motivierend und aufbauend. Ich wollte auf das vergangene Jahr blicken, was so herzzerreißend war, nicht nur des Virus wegen. Viele im Ensemble sind aus Nordamerika, und dort finden gerade diverse politische und kulturelle Revolutionen statt. Stijn hat ebenfalls familiäre Verbindungen in die USA, dadurch wurde die Thematik eng in das Stück eingeflochten. Ich bewundere, wie subtil das erfolgt ist. Begriffe wie »Hoffnung« können auf unzählige Dinge anspielen, die gerade vor sich gehen, wie Politik, Sozioökonomie, (geistige) Gesundheit etc.

H. D.: Stijn hat auch nicht viel darüber geredet, es wurde einfach unabhängig von der aktuellen Situation gezeigt, und es hat gepasst. Es hätte einfach nur ein Zufall sein können. Was die Beschriftung meines Mantels angeht, so wollte ich etwas Humorvolleres. Wie »Hope never dies«, was auch ein Spiel mit meinem Namen ist.

Alexander Andison; Hope Dougherty; Conner Bormann; Edoardo Cino | Foto: Bettina Stöß.

Wie findet ihr die ausgewählten Lieder?

H. D.: Ich mochte David Bowie, das hat viel Spaß gemacht. Die Songs, die ausgewählt wurden, sind voller Energie. Obwohl es leicht hätte kitschig werden können, hat es sich doch sehr gut entwickelt. Durch Edith Piaf kam etwas Europäisches hinzu und brachte mich zum Nachdenken, wie es ist, als Amerikanerin in Europa zu sein. Ich habe diesen multikulturellen Aspekt sehr genossen.

Y. D. G.: Ich habe die Musik geliebt! Ich war glücklich über diesen Soundtrack. Nach dem Lockdown wäre es ein Leichtes gewesen, zu düsterer und deprimierender Musik zu choreographieren. So haben wir musikalisch eine fröhliche musikalische Atmosphäre geschaffen, wodurch nicht nur das Publikum die Show richtig genießen konnte, sondern auch die Kompanie. Es hat viel Spaß gemacht! Dabei war es nicht nur »Letʼs Dance«, die ganze Show war wie ein Festmahl. Ich mochte auch den Teil sehr, in dem die anderen gesprochen haben; diese Art musikalischer Sprache hat viel zur Show beigetragen.

A. A.: Viel davon war Popmusik. Wir hatten alle eine schwere Zeit gehabt, und es war einfach schön zu sehen, wie ein paar Leute ihre Körper zu fröhlicher Musik bewegen, zu der man eine Verbindung hat und die man vielleicht aus der Jugend kennt. Die beweglichen Wände haben auch dazu beigetragen, dass sich die Bühne wie eine große Jukebox anfühlte, die mit jedem Lied ihre Farbe wechselte. Dieses Format hat mir sehr gefallen.

Obwohl die Vorstellungen gut besucht waren, coronabedingt jeweils nur mit rund 250 Zuschauer*Innen, muss es sich seltsam angefühlt haben, vor einem gefühlt fast leeren Haus zu tanzen, oder?

H. D.: Ich dachte, dass es sich sehr leer und weniger energiegeladen anfühlten würde, aber irgendwie war es besser als erwartet. Bei der letzten Vorstellung im Oktober, vor dem erneuten Lockdown, wurde ich sehr emotional, weil die Menschen das Stück sehr mochten und wir nun wieder aufhören mussten. Der Applaus am Ende war magisch.

A. A.: Ich war sehr fokussiert auf meine Dankbarkeit, wieder auf der Bühne zu stehen und dass die Menschen da waren, um uns zu sehen. Viele von uns haben Freunde und Familie in Nordamerika, die seit fast einem Jahr nicht mehr arbeiten konnten. Ich habe also viel Glück, dass ich meiner Kunst nachgehen kann und sie tatsächlich bei den Menschen ankommt. Ich habe versucht, eher auf das halbvolle als auf das halbleere Glas zu schauen. Vielleicht schien es nur so, aber auch vom Publikum ging ein Gefühl der Dankbarkeit aus, hier sein zu dürfen, daran teilzuhaben und die Kunst zu unterstützen.

Y. D. G.: Die erste Vorstellung, die Premiere, war sehr merkwürdig. Auf der Bühne sah man fast nur Dunkelheit mit einzelnen, sporadisch verteilten Reflexionen aus dem Publikum, mit viel Platz dazwischen. Bei der letzten Vorstellung Ende Oktober wurde ich auch sehr emotional. Der Applaus war so stark; es war sehr intensiv. Die Leute waren wirklich bei uns, bei unserer Kunst, und dafür war ich sehr dankbar.

Das Interview führte Lara S. Happ, FSJ-lerin in der Dramaturgie des Saarländischen Staatstheaters.

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Das Pferd neu aufgezäumt

Ralph Bentzkys »Im weißen Rössl« im Spannungsfeld von Postkartenidyll und Wahrheitswunsch.

Am vergangenen Samstag, den 5. Dezember wäre Ralph Benatzkys »Im weißen Rössl« in der Regie von Michael Schachermaier über die Bühne des Saarländischen Staatstheaters galoppiert. Die Premiere ist vorerst verschoben (gewiss nicht aufgehoben!); Zeit für einen kleinen Diskurs in die Welt der vermeintlichen Banalität.

Simon Staiger, Christof Messner und Marie Smolka.

Die Operette gilt gemeinhin als »leichte Muse« – ihr Ruf eilt ihr oftmals voraus, jedoch in wenig ruhmreicher Weise: zu leicht, zu albern, zu kitschig und oberflächlich, eine Ausgeburt der fluffig-süßen Banalität. Seriosität und Gehalt sind Begriffe, die man insbesondere im deutschsprachigen Raum eher nicht mit der Operette in Verbindung bringt.

Auch in der Wissenschaft wurde die Operette respektive das Unterhaltungstheater über Jahre hinweg wie die ulkige Stiefmutter behandelt, die kaum eine nennenswerte Aussage zum Weltgeschehen trifft, sondern eher walzerbeschwipst dümmlich um die Ecke grinst. Ein Irrtum, ein historisches wie ästhetisches Missverständnis.

Doch woher kommt die Annahme, dass im Lachen nur Oberflächlichkeit und Belanglosigkeit stecke, dass im Heiteren keine Wahrheit, kein Ernst zu finden sei? Die Kategorisierung in »E-« (wie Ernst) und »U-Musik« (wie Unterhaltung) mag nun vorrangig ein Phänomen des deutschsprachigen Rezeptionsraumes zu sein, in welchem die »U-Musik« naturgemäß höchstens der kommerzielle, aber nur in Ausnahmefällen der ideelle und inhaltliche Sieger ist.

Carmen Seibel, Markus Jaursch, Algirdas Drevinskas, Simon Staiger, Marie Smolka, Stefan Röttig und Angelos Samartzis.

»Operette« bedeutet wörtlich übersetzt »kleine Oper«, der Ursprung des Wortes leitet sich aus dem Italienischen ab. Die Quellenlage zur Entstehung des Begriffs und der Gattung ist diffus, das erste Mal taucht die Bezeichnung »Operette« im 17. Jahrhundert auf, vom ausgehenden 19. bis zum Ende der 1930er Jahre durchlief die Gattung einen erheblichen Bedeutungswandel.

So beschrieb die Operette im 18. Jahrhundert oftmals Werke, die allein aufgrund ihres geringeren Umfangs als »kleine Opern« bezeichnet wurden, beispielsweise Einakter oder Opern, die »nur« eine reine Komödienhandlung hatten im Unterschied beispielsweise zu Opera seria oder Tragédie Lyrique.

Auch wurden Werke als Operette bezeichnet, die keine Gesangsvirtuosen erforderten, sondern von gesanglich talentierten Schauspielern interpretiert werden konnten. Auch die Struktur der Operette war oftmals einfacher gehalten, sodass beispielsweise die Gesangstexte der Vaudeville-Komödien der Pariser Jahrmarktstheater je nach Kontext ausgetauscht und nur die bekannten Melodien beibehalten wurden.

Insbesondere im deutschsprachigen Raum setzte sich die Bezeichnung Operette als Sammelbegriff für allerlei Opern durch, um eine Abgrenzung zur italienischen und französischen Oper zu schaffen, die ihrerseits oftmals als wesentlich anspruchsvoller und dadurch höhergestellt waren. Ein Umstand, der sich bereits aus der Sprache heraus ergab, galt das Deutsche doch im Gegensatz zum Französischen, die internationale Sprache der Aristokratie, als weniger wertvoll. Darüber hinaus hatten deutschsprachige Opern oftmals komödienhafte Tendenzen mit gesellschaftlich niedrigstehenden Figuren, also per se schon einen wenig repräsentativen Charakter.

Christof Messner, Angelos Samartzis und Marie Smolka.

Erst zum Ende des 19. Jahrhunderts konnte sich die Operette als »bürgerlich deutsche Oper« emanzipieren und etablieren. Ausgehend von Wien trugen die Werke u. a.  von Johann Strauss (Sohn) und Carl Millöcker wesentlich zu der Entwicklung der Wiener Operette bei, die als Gegenentwurf zur Pariser Operette von Jacques Offenbach Anerkennung und Legitimation fand. Darüber hinaus wurde die Operette zur geistigen Galionsfigur der privatwirtschaftlichen Theater und Wandertruppen, die sich gegenüber der subventionierten Hoftheater und ihrer repräsentativen, wenn nicht gar elitären Hochkultur der Oper behaupten wollten.

Vor dem Hintergrund dieses sehr kurzen historischen Umrisses der Entstehungsgeschichte einer künstlerischen Gattungsform, in denen die verschiedenen soziokulturellen wie historischen Umständen nur punktuell Erwähnung fanden, lässt sich bereits ein Muster der Rezeption erkennen. So war – und mutmaßlich ist es nach wie vor – oftmals der als »leicht« definierte, humoristische, komödienhafte Charakter der Operette, der ihr eine gewisse Einfalt attestiert und ihr damit einen hohen künstlerischen wie ideellen Wert abspricht. Ausgehend von dieser Betrachtungsweise mag nun der Eindruck entstehen, als ließe sich der Wert respektive die Qualität eines Werks an den Parametern Kompliziertheit, Seriosität und Ernsthaftigkeit messen. Aspekte, die eine gewichtige Rolle spielen in der Rezeption des vermeintlich leichten Unterhaltungstheaters.

Marie Smolka mit Tuba. Vielen Dank an die Firma Freebell Instrumentenbau GmbH aus Saarbrücken, die uns die Tuba kostenfrei für die Produktion zur Verfügung stellt.

Obgleich namhafte Philosophen wie Theodor W. Adorno der Operette eine »reale Basis«, also einen direkten Bezug zur Lebensrealität zusprachen, mag es verwundern, dass dieser Gattung des Fin de siècle vielfach abgesprochen wurde, mit eben jener zeitgenössischen »Wirklichkeit« in Bezug zu stehen, ja sogar ein primäres Medium ästhetischer Lebens-Themen der Jahrhundertwende zu sein.

Die Operette ist trotz oder gerade wegen ihrer Komödie aus dem Gedanken heraus entstanden, die jeweilige vorherrschende soziale Ordnung, politische Zustände, ja sogar Geschlechterrollen und (urbane) Lebensmodelle als Ausdruck eines Lebensgefühls neu zu chiffrieren. Angesichts ihrer kurzen Lebensdauer von den 1850er bis in die 1930er Jahre drängt sich oftmals der Verdacht auf, die Operette sei tot, eine museale Gattung, die lediglich zum Schunkeln, nicht zum Denken anrege.

Ein Umstand, der auch die Rezeptionshaltung gegenüber Ralph Benatzkys »Im weißen Rössl« maßgeblich beeinflusste. Ein Urgestein deutsch-österreichischer Betulichkeit, jedes Lied ein ohrenwürmender Hit, der Himmel ist blau, die Liebe das Wunderbarste, ein bisschen Ulk hier und ein bisschen preußische Piefken versus schnodderiger Österreicher da. Fertig ist der (Kassen-)Schlager. Spätestens seit Peter Alexander 1960 als Oberkellner Leopold der kriegsgebeutelten Nation das zerbombte Heimatgefühl zurück in die Flimmerkisten des Wohnzimmers brachte, schien das Pferd vor allem eines: totgeritten.

Stefan Röttig, Algirdas Drevinskas, Bernd Geiling, Marie Smolka, Simon Staiger, Markus Jaursch, Carmen Seibel.

Die einst parodistisch-kabarettistischen Ideale der Uraufführungszeit (1930) verklärten sich durch den Schleier der (ernstgemeinten!) Postkartenidylle, wo jedes Wort die Wahrheit war oder zumindest den schier existenziellen Wunsch implizierte, dass es doch bloß die Wahrheit sei. Der Himmel blau, die Liebe das Wunderbarste, ein bisschen Necken hier, ein bisschen Busseln da und am Ende: Das Glück vor der Tür, die Sorgen vergessen. »Rössl« an, Welt aus.

1994 war es dann, als das »Rössl« in der Berliner Bar jeder Vernunft neu aufgezäumt wurde. Mit den Geschwistern Pfister, Max Raabe, Otto Sander, Gerd Wameling, Walter Schmidinger und Meret Becker in den Hauptrollen wurde es von den Motten seiner Rezeptionsgeschichte befreit und vom Musikantenstadtl zurück auf die Bühne geholt. Und plötzlich war sie wieder da, die schrill-schräge Ironie, die Ohrfeigen verteilende Parodie, ja sogar der Kitsch, der ganz ohne verlogene Operetten-Seligkeit des deutschen Nachkriegsfilms auskam. Und das nicht hinter staubigen roten Vorhängen mit viel Glitzer, sondern direkt neben Love Parade, Christopher Street Day und MTV. Die Unterhaltung hatte ihre Legitimation zurück. Ja, in Berlin am Wolfgangsee, da konnte man gut lustig sein, weil hier niemand die Wahrheit im weißen Rössl suchte, sondern das augenzwinkernde Offensichtliche der Lüge durschaute.

Christof Messner und Marie Smolka.

Dabei wurde das Stück weder für den elitären Theateradel dekonstruiert noch für die breite Masse fei heimatlich aufgehübscht, vielmehr aus dem Geist des Kabaretts auf nahezu Rudimentäres reduziert, sowohl musikalisch als auch ästhetisch. Mit Erfolg. Aus ehemals drei Bühnen, die das Stück 1993 spielten, wurden 1995 42. Offensichtlich hatte sich wohl endlich eine neue Vision im Umgang mit dem vermeintlichen Spießbürgertum offenbart. Die Operette war Back im Business.

Vor dem Hintergrund dieser beispielhaften »Rehabilitation« ließe sich folgende Schlussfolgerung verbunden mit Aufforderung formulieren: Im Moment der Betrachtung, der Interpretation und Rezeption entfaltet die Operette ihr immanentes Potenzial von Lebendigkeit, Aktualität und Brisanz. Obgleich sie nur allzu gern und immer wieder hinter vermeintlicher Zahmheit und Oberflächlichkeit versteckt wird, so fordert doch gerade die Operette den Rezipienten heraus, einen Blick hinter das vermeintlich Offensichtliche zu werfen. »[…], dass sich die Gesellschaft nicht allein operettenhaft betrug, sondern auch das operettenhafte Treiben durchschaute, ohne es aufzuheben«, (der Offenbach-Biograf Siegfried Kracauer) darin mag die Krux der Operette liegen und die große Herausforderung ihrer Rezeption im 21. Jahrhundert sein.

Frederike Krüger,
Dramaturgin für Musiktheater und Konzert

Fotos © Martin Kaufhold.

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Hinter dem Vorhang Theaterblog

Besser als absagen!

Das 14. Festival Primeurs flüchtet in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie in den digitalen Raum und sucht andere Wege der Präsentation frankophoner Gegenwartsdramatik.

Das 14. Festival Primeurs – in diesem Jahr digital aus der Alten Feuerwache.

Nach vielen Gesprächen mit den Kooperationspartnern »Le Carreau«, SR2 Kultur und dem Institut Français, aber auch intern zwischen der Festivalbeauftragten Bettina Schuster-Gäb, der Schauspielleitung und der Generalintendanz haben wir uns dazu entschlossen, das 14. Festival Primeurs nicht abzusagen, sondern im digitalen Raum stattfinden zu lassen.

Kultur »On Air«.

In diesem Jahr also keine Festival-Atmosphäre, keine persönlichen Begegnungen mit den Autorinnen und Autoren aus Frankreich, Kanada oder der französischsprechenden Schweiz.

Keine Zuschauer in der Alten Feuerwache, keine Nachgespräche, kein Austausch nach den Vorstellungen über das gerade Gesehene, Gehörte und Erlebte. Keine Diskussionen über die Inhalte, die Formen der neusten Stücke aus dem frankophonen Sprachraum. Kein Grenzverkehr, kein direkter Austausch mit den Nachbarn und Kollegen*innen aus Frankreich. Keine Möglichkeit für unser Publikum oder für die Studierenden der Universität und Hochschulen Theater zu erleben.

Doch wenn zurzeit Theater nicht möglich ist, so wollten wir doch die Auseinandersetzung mit den Texten nicht aufgeben. Also, wie die ausgesuchten Stücke präsentieren? Wie mit der Tradition der szenischen Lesungen umgehen? Schnell war klar, dass das Live-Hörspiel von SR2 Kultur auch in diesem Jahr aus der Alten Feuerwache gesendet werden kann.

Die Präsentation des Textes »Feuersturm« von David Paquet war gerettet und konnte am Freitag, den 27. November 2020, übertragen und in die Mediathek eingestellt werden.

Aber wie mit den weiteren Texten umgehen? Wissend, dass eine Aufzeichnung einer szenischen Lesung etwas ganz anderes ist als eine Live-Präsentation vor einem gespannten Theaterpublikum, traten wir die Flucht nach vorne an und planten Videoaufzeichnungen der Lesungen. Alles schien uns besser als absagen!

Der Text »Versagen« von Blandine Bonelli in einer Übersetzung von Corinna Popp sollte als erstes von vier Stücken, für die das Staatstheater Verantwortung übernommen hatte, vorgestellt werden.

Dabei hatten unsere Schauspieldirektorin Bettina Bruinier und der Videokünstler Grigory Shklyar die Idee, für die vielen Spielorte des Stückes „Versagen“ nicht nur den vorgesehenen Drehort Alte Feuerwache, sondern auch die Büros und Gänge des Saarländischen Staatstheaters zu nutzen. Das Experiment begann.

Eva Kammigan im Sucher des Camcorders.

Nach den ersten Leseproben am Tisch, um den Text zu analysieren und auf erste Sprechhaltungen zu überprüfen, begannen am Freitag, den 20. November, die »Dreharbeiten«. Zwischen Studentenproduktion, denn ich fühle mich an die Anfänge meines Studiums der Theater-, Film und Fernsehwissenschaften erinnert, und Experimentalfilm, schmissen sich Bettina Bruinier als Regisseurin und Grigory Shklyar als Video-Regisseur und Kameramann in das Abenteuer einer kurzfristigen und improvisierten Video-Aufzeichnung in den Büros oder auf den Gängen des Saarländischen Staatstheaters.

Nathalie Klimpel als Kamera-Assistentin mit Filmklappe.

Dabei machten alle fast alles: Aus der Regieassistentin Nathalie Klimpel wurde mal flugs die Kameraassistentin, aus der Ausstattungsassistentin die »Production Designerin« und aus mir, dem Dramaturgen, der »Casting-Direktor« oder einfach nur ein Statist auf dem Set.

Silvio Kretschmer als Damien im Sucher des Camcorders.

Was für mich ein Experiment oder ein Abenteuer war, war für unsere Schauspielerinnen und Schauspielern nur eine andere Profession. Denn sie alle haben schon Filmerfahrungen gemacht haben. Sei es nun Silvio Kretschmer, den man beispielsweise am Samstag, den 21. November auf 3sat in der Filmkomödie »Amen Saleikum – Fröhliche Weihnachten« in der Regie von Katalin Gödrös erleben konnte, oder Jan Hutter, der vor seinem Engagement am Saarländischen Staatstheater in diversen Film- und Fernsehproduktionen wie »Soko Kitzbühel« (ORF / ZDF), in der Fernsehserie »Braut wider Willen« (ARD) oder in dem Fernsehfilm »Die Toten Von Salzburg« (ORF/ZDF) zu sehen war. Aber auch Anne Rieckhof, die seit 2017/18 zum Schauspiel-Ensemble gehört, spielte schon in unterschiedlichen Filmproduktionen und auch die neu-engagierte Eva Kammigan konnte man schon in Film- und TV-Produktionen wie zuletzt im »Tatort Saarbrücken« erleben.

Jan Hutter als David in einer Nahaufnahme.

Jetzt galt es, in wenigen Probentagen eine szenische Lesung zu erarbeiten und vor zwei Video-Kameras zu agieren. Denn auch in diesem Jahr sollte das Improvisatorische der Textpräsentation den Reiz ausmachen. Schließlich geht es beim »Festival Primeurs« nicht um mustergültige Inszenierungen, sondern um einen ersten Versuch der Theatralisierung der Texte und ihre Bekanntmachung in der deutschen Theaterlandschaft.

Anne Rieckhof als Farida.

Doch die Arbeit an einem Text für einen Theaterabend ist grundverschieden von der Erarbeitung einer Videofilm-Realisation. Statt vor einem Live-Publikum mussten nun die Schauspieler*innen entweder in den leeren Saal der Alten Feuerwache oder in die »toten Augen« der Kameras ihre kleinen Film-Takes spielen. Kamera-Acting statt Theaterproben.

Das Büro der Schauspieldirektion wird zur Filmkulisse mit Silvio Kretschmer als Damien und Eva Kammigan als Jugendamtsleiterin.

Umso mehr kann man gespannt sein auf die Umsetzung und die Schnittkünste des Videokünstlers Grigory Shyklar. Übrigens auch er ist kein Unbekannter in Saarbrücken, denn schließlich war er nicht nur Regieassistent und Regisseur am Saarländischen Staatstheater, sondern unterrichtete auch an der Kunsthochschule Saarbrücken.

Gregory Shklyar an der Kamera.

Zum Glück sind die Wege im Saarland kurz und so gilt mein Dank nicht nur allen Beteiligten der Produktion, wie der Technik AFW, der Requisite, der Kostüm-, Ton- und Beleuchtungsabteilung sowie allen vor und hinter der Kamera, sondern auch der HBK für die freundliche Nachbarschaftshilfe.

Horst Busch,
Chefdramaturg

Fotos: Horst Busch.