Gesa Oetting Bei Arthur Miller ist die Rolle des Willy Loman älter angelegt, Regisseur Christoph Mehler hat sich bewusst für eine jüngere Besetzung entschieden. War die Rolle des Loman schon auf deinem Radar?
Fabian Gröver Willy Loman hatte ich tatsächlich nicht auf dem Schirm, aber da ich mir mit der Rolle seines Sohnes Biff vor 30 Jahren meinen Platz an der Schauspielschule und danach mein Erstengagement erspielt habe, war das Stück an sich über die Jahre immer irgendwie ein Begleiter. Dass ich mich jetzt aus dem Blickwinkel der Vaterfigur Willy dem Material annähern kann, führt nochmal zu einem ganz anderen, tieferen Verständnis der Geschichte.
GO Was macht für dich die Inszenierung aus?
FG Das ist nicht leicht zu beantworten, ohne allzu viel zu spoilern. Wir haben jedenfalls eine grandiose Bühne, die uns ermöglicht, nahtlos zwischen Willys zahlreichen Erinnerungsmomenten und der Jetztzeit zu switchen und so die Geschichte der Familie über die Jahre hinweg zu erzählen. Dabei geben sich surreale (Alb-)Traumsequenzen und reale Spielszenen immer wieder die Hand und durch den Einsatz unserer vier Live-Kameras entsteht schon ein sehr besonderes Theatererlebnis. So fühlt es sich jedenfalls auf der Bühne an, sehen werde ich es ja (leider) nicht.
GO Was ist in der Inszenierungsarbeit besonders herausfordernd, interessant, (un)angenehm?
FG Ganz platt gesagt: Sich in eine Figur hineinzuarbeiten, der es aus multiplen Gründen gelinde gesagt »nicht gut geht«, kann schon unangenehm sein, weil es nicht spurlos an einem vorübergeht.
Sobald ich dann aber anfange, lauter krudes Zeug zu träumen, dass irgendwie mit der Figur zu tun hat, ist das ein gutes Zeichen dafür, dass sie sich auf den Weg ins Unterbewusstsein gemacht hat.
Das ist dann allerdings sehr beglückend, denn es ermöglicht später eine große Freiheit beim Spielen, da der »Kopf« sich ein bisschen raushalten kann. Die Parallelität vom Spiel für die große Bühne und gleichzeitig für die bereits erwähnten Kameras ist mir bisher auch noch nie begegnet und insofern besonders reizvoll.
GO Manchmal möchte man Willy Loman, ja die ganze Familie schütteln ob all der Geheimnisse und Missverständnisse, obwohl sie sich eigentlich alle sehr gern haben. Was würdest du den Lomans wünschen?
FG Dass sie zu gegebener Zeit den Mut und die Kraft aufgebracht hätten, miteinander zu reden. Heute würde man Ihnen dazu auch gerne einen Therapeuten an die Seite stellen. Da ist so viel Unausgesprochenes im Raum, falsche Vorstellungen vom Gegenüber, unerreichbare Zielsetzungen und und und… Aber wie jeder selbst weiß, ist so eine ungeschönte Offenheit innerhalb einer Familie mit all den festgefahrenen Rollenbildern und Strukturen meist unmöglich, was für den Fortbestand mancher Familienbande wiederum überlebenswichtig sein dürfte.
GO Die Angst vor dem Scheitern und vor der Scham, die Angst, nicht gut genug zu sein, nicht beliebt genug, ist ein großer Motor für die Handlungen von Willy und Biff – wie sehr kannst du dich als Schauspieler damit identifizieren?
FG Es liegt in der Natur der Sache, dass all diese Themen auch zu meinem beruflichen Alltag gehören. Vor allem in der Probenarbeit (»trial and error«) ist das Scheitern ein ständiger Begleiter und da kann
es schon passieren (mir zumindest), dass auch Scham und so etwas wie Angst, die Rolle schlichtweg nicht ausfüllen zu können, mal um die Ecke schauen. Und natürlich war im Laufe meines Theaterlebens auch nicht jedem oder jeder meine Arbeit gut genug, aber ich persönlich fände es auch furchtbar, wenn immer allen alles gefallen würde. Meine Person eingeschlossen.