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Theaterblog

HINTER DAS „DAS IST HALT SO, WEIL DAS SO IST“ KOMMEN

Die Autorin Paula Kläy über Synapsen zerschießende Freude, schöne Ungewissheiten und das Erzählen als zu feiernden Akt der Selbstvergewisserung

Sie macht ein Leben aus: Arbeit beschäftigt uns Jahrzehnte lang. Sie füllt unsere Tage, sie ist Ausdruck von Fähigkeiten, Teil der Persönlichkeit und sie ermöglicht soziale Kontakte. Leistung oder Leidenschaft, beides oder nichts davon, existenzsichernd und zunehmend seltener zu findendes Gut – alles dreht sich um sie. Sogar noch vor dem arbeitsfähigen Alter ist das, was Kinder werden wollen, Thema. Und nach dem Arbeitsleben kommt ein Leben, das maßgeblich von der Art, Dauer und Entlohnung der Arbeit getragen wird.

So viel zur soziologischen Dimension des Stoffes. Aber was interessiert eine Dramatikerin daran? „Es ist ein Stück geworden, darüber, was wir mit unserer Zeit machen und wie Arbeit in alle Lebensbereiche hineinwirkt“, sagt die Autorin der neuen Atelierproduktion „Alltägliche Spektakel“ Paula Kläy darüber. Sie geht das Thema über das an, was Literatur und auch Theater besonders können: über Geschichten und wie sie erzählt werden.

Zusammen mit dem Regieteam um Rosa Rieck unterhielt sie sich in Zukunftswerkstätten, an Straßenständen, bei Werksführungen und Einzelinterviews mit an die 100 Menschen aller Altersklassen, von Kind bis Rentier, aus unterschiedlichsten Perspektiven und Berufsfeldern über ihre Erfahrungen mit Arbeit. Im nächsten Schritt hat sie das dokumentarische Material literarisch verdichtet und zu diesen „Alltäglichen Spektakeln“ gefunden: Im Stück erforscht eine Gruppe rätselhafter Wesen die Menschheit mit ihren Bedürfnissen, ihrem Funktionieren, ihren Widersprüchen. Der Forschungsort der Wesen – etwas zwischen Archiv und Ausgrabungsstätte – enthüllt ihnen vergangene Erfahrungen in all ihren persönlichen Facetten und Ungereimtheiten.

Dabei lässt sie dem Menschen besonders viel Raum – subjektive Erzählweisen sind hier die Protagonistinnen und werden spektakelgetreu gefeiert.

Paula Kläy, „Alltägliche Spektakel“ erzeugt gerne auch mal Schmunzler, wenn man diesen Titel hört – was hat es damit auf sich?

PK: Alltägliche Spektakel hebt sich ja als Titel auf eine gewisse Art fast auf, weil das auch ein Widerspruch ist. Aber ich denke, das ist das Verfahren des Stücks: Aus dem Alltäglichen ein Spektakel zu machen.

Du lenkst mit deinem Stück viel Aufmerksamkeit auf das Erzählen, also wie der Mensch sich selbst – wie wir uns – erzählen. Das wirkt wie eine Liebeserklärung ans Dasein! Was bedeutet es dir, was kann es uns alles bedeuten?

PK: Wir erzählen uns mit der Hoffnung, verstanden zu werden und um selbst etwas zu verstehen.

Wie gehst du ans Erzählen ran?

PK: Alltägliche Spektakel ist das Nachdenken über Arbeit und Zeit in den Monaten Februar bis Juli 2026. Und natürlich nicht nur über das, man ist ja nicht monothematisch unterwegs, es geht ja z.B. auch um Liebe und Ewigkeit. Ich habe über eine Setzung nachgedacht, nämlich so: Wo fängt das alles an und wie ist dieser Versuch definiert? Ah: Wesen aus der Zukunft blicken auf ein Archiv der Gegenwart. Das hat mir gereicht, um ins Schreiben zu kommen. Ich überlege mir nichts für die jeweiligen Figuren – die ja auf dem Papier Sprechpositionen sind – in diesem Falle Spiegelstriche –  ich lese einfach immer wieder während dem Schreiben über den bereits geschriebenen Text drüber und hole so sowieso Motive wieder hoch, es ploppen Konstellationen auf und in einem Moment entspinnt sich z.B eine kleine Liebesgeschichte zwischen zweien, das passiert aber intuitiv und ist nicht kalkuliert davor und hat auch keine Konsequenz, außer eben den Gedanken, den sie dann plötzlich zu fassen kriegen über Liebe in dem Moment der Begegnung.

Und das Schreiben, was bedeutet es dir? Wo wir schon beim Thema Arbeit sind: ist es Arbeit?

PK: Das Schreiben ist meine Praxis, um etwas herauszufinden. Es ist eigentlich erstmal intentionslos, d.h. ich setze mich nicht an den Laptop, weil ich etwas zu sagen oder zu verarbeiten habe, sondern weil ich das Schreiben brauche, um nachzudenken. Es ist insofern existenziell, als dass mich das Lesen und das Schreiben immer wieder verortet. Man liest oder schreibt etwas, was man bisher so noch nicht gedacht hat, und man will in die Hände klatschen dabei oder irgendwelche Synapsen zerschießen einem im Gehirn vor Freude, weil es so sehr stimmt. 

Für die Interviewphase hast du zusammen mit Rosa Rieck, Pauli Immig und uns Dramaturginnen einen Fragenbogen entworfen, der allerlei skurrile Annäherungen an ein politisch brisantes Thema bereithält. Darf ich ein paar der Fragen an dich Erfinderin zurückspielen?

PK: Tu es!

Welches Wort sagst du am häufigsten in deinem Arbeitsalltag?

PK: „Ah.“

Und welche Bewegung führst du am häufigsten aus?

PK: Ich drücke mit meinen Fingern auf kleine Rechtecke drauf.

Was macht deinen Beruf aus?

PK: Mit einem Wort: Ungewissheit. Es gibt die finanzielle Ungewissheit, die ist schrecklich, es ist ein unterbezahlter Beruf, wir sind viele, es gibt wenig Aufträge. Und dann gibt es die Ungewissheit, die schön ist, aber auch schwierig manchmal, und die ist das Schreiben selbst. Man sollte sich davor keinen Plan machen, das Abenteuer nicht schon vorzeichnen, sonst ist es ja keins mehr. Hier muss man vertrauen können, das ist sehr wichtig.

Dieses Abenteuer konnten wir am Haus durch die Atelierform, – die ja mehr ist als ein Stückauftrag, eher ein Begleiten deiner Stückidee – dankenswerterweise miterleben. Hat sich der kollektive Prozess, den das Atelierformat als Produktionsweise, die Ort, Text und Inszenierung zusammenführt, für dich eingelöst?

PK: Schon!Wir haben ja angefangen damit, gemeinsam Recherche zu betreiben, haben einen Fragebogen angefertigt und sind in Gespräche gegangen. Das war auch herausfordernd, weil ich in diesen Gesprächen sitzend auch dachte „Gleich muss ich einen Theatertext schreiben, gleich muss ich einen Theatertext schreiben“, es war gar nicht so, dass ich gehetzt alles mitgeschrieben habe, aber man ist trotzdem irgendwie schreibend anwesend. Als ich da einen Umgang mit finden konnte, fand ich es ganz toll. Ich war berührt davon, wie uns die Leute von sich erzählt haben und da wir als Recherchierende ja nicht alle in allen Gesprächen saßen und einander nur davon berichten konnten, hatten wir später dann Geschichten-Erzähl-Runden im Team, was ich sehr schön fand.

Stimmt, das hatte etwas Archaisches, wie wir uns da in unseren Beschreibungen ganz aufmerksam zugehört haben. Uns gegenseitig und denen, die zuvor zu uns gesprochen haben. Diese Erfahrungen haben uns als Team auch sehr zusammengebracht. Wir haben etwas zusammen erlebt – nicht erst zur Premiere, sondern in den Monaten zuvor bereits.

PK: Ja, auch dass dann, während dem Machen, die Dinge gemeinsam entstanden sind, also nicht erst der Text da war, sondern dass die anderen Gewerke – also Bühne, Kostüme, Dramaturgie und Regie – zur gleichen Zeit nachgedacht haben und wir im Entstehungsprozess einander Gesprächspartner*innen waren, mochte ich sehr.

Auch die Wesen arbeiten kollaborativ – welches Potenzial steckt in ihrem Draufblick?

PK: Ich glaube, man muss immer wieder hinter das „Das ist halt so, weil das so ist“ kommen. Diese Wesen der Zukunft wissen ja gar nicht, wie das so ist, deswegen gilt das für sie sowieso nicht. Sie gehen also ganz naiv an unsere Gegenwart heran. Jeden Morgen erklingt ein schrilles Geräusch, dass die Leute aus dem Schlaf reißt. Wir würden dann schnell etwas abspulen, warum das leider so zu sein hat und nicht anders geht.  Die Wesen aber fragen: Warum?

Paula Kläy wurde 1997 in Zürich geboren. Sie studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin. 2022 war sie nominiert für den Preis der jungen Dramatik der Theater Magdeburg / Braunschweig, nahm an den Autor:innentheatertagen 2023 am Deutschen Theater Berlin teil, erhielt 2023 beim Münchner Förderpreis für neue Dramatik den Publikumspreis und war Finalist*in im Nachwuchswettbewerb des Theaters Drachengasse, Wien. In der Spielzeit 2024/25 war Paula Kläy Hausautorin am Theater Münster, schrieb 2024 im Auftrag des Saarländischen Staatstheater das Stück GRAUSAME GESTALTEN (sparte4) und arbeitet für die letzten drei Stücke GIGANTISCHE EINSAMKEIT (Münchner Kammerspiele), KASSANDRA. DAS ENDE DER EREIGNISSE (Ramba Zamba Theater, Berlin) und ALLTÄGLICHE SPEKTAKEL am Saarländischen Staatstheater mit der Regisseurin Rosa Rieck zusammen.

Nähere Infos über die Verlagsseite www.schaefersphilippen.de.