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„Für mich sind die partizipativen Künste eine eigene Kunstform“

Nike-Marie Steinbach hat die partizipative Theaterarbeit mit Bürger*innenensembles zu ihrer künstlerischen Berufung gemacht – was sie für Chancen in dieser an Häusern neueren Kunstform sieht und wie sie, zusammen mit Ausstatterin Isabell Wibbeke, das Stück „Mädchenschrift“ versteht, erzählt sie Schauspieldramaturgin Bettina Schuster-Gäb zwischen Beleuchtungskorrekturen und Bühnenprobe im Industrial-Charme der sparte4.

Nike-Marie Steinbach, was ist dein Ansatz als Regisseurin, kann Kunst über partizipative Projekte gar mehr erwirken?

Steinbach: Erstmal ist Kunst Kunst und darf für sich stehen. Und dennoch ist sie wenig ohne gesellschaftlichen Dialog – Kunst lebt für mich in der Begegnung der Rezipient*in mit dem Kunstwerk. Für mich findet sie in dem Dazwischen statt, in diesem faszinierenden Raum, der sich da auftut. Im Theater ist das besonders intensiv, da das Kunstwerk aus im Jetzt agierenden Menschen besteht. Hier kommen verschiedenste Perspektiven zusammen: die der auf der Bühne agierenden Menschen, die des Teams, die der Autorin und schließlich jede einzelne im Publikum. So finden bei jeder Aufführung so viele unterschiedliche Erfahrungen statt, wie Menschen beteiligt sind.

In dieser Betrachtung bleibt Kunst nicht einfach nur etwas Gezeigtes, sondern etwas wirklich Geteiltes.

Steinbach: Genau, diese Erlebnisse, die Menschen an einem Aufführungsabend erfahren, die können das Leben bereichern, in dem sie die eigene persönliche Perspektive öffnen. Das wünsche ich mir für alle Beteiligten: dass sie ein wenig verändert das Theater verlassen. Und vielleicht sogar eigenes Handeln anders reflektieren.

Inwiefern passiert das bei partizipativen Theaterproduktionen mehr – die Frage kann ich an euch beide stellen?

Steinbach: Partizipative Projekte bieten die Möglichkeit, dass die Perspektiven innerhalb des Ensembles heterogener und diverser sind. Hier kommen Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebenshintergründen zusammen. Das fächert den Blick auf die diskutierten Themen weiter auf. Und das ist dann mein Reality-Check, mein direkter Kontakt zu der großen, komplexen Welt außerhalb des Theaterkosmos.

Wibbeke: Diese Lebensrealitäten sind ungefiltert und bedeuten für ein Stück eine ganz natürliche Vertiefung und Erweiterung. Auch auf den Erarbeitungsprozess hin gemünzt. Die Menschen, die an „Mädchenschrift“ beteiligt sind zum Beispiel, haben das Potenzial von Theaterarbeit voll ausgeschöpft und eine supertolle Atmosphäre aus respektvollem, liebevollem und offenem Umgang miteinander geschaffen.

Steinbach: Immer sind es wertvolle, intensive Begegnungen jenseits von Theaterkonventionen. Mit Theaterkonventionen meine ich, dass ich mich dabei ertappe, wie ich Gelerntes reproduziere, weil ich weiß, dass es auf der Bühne gut funktioniert. Und dann ist da plötzlich jemand, der eine ganz andere Idee hat. Einfach, weil weniger Gelerntes, weniger Konventionen im Weg stehen.

Also siehst du deine Ensembles als „Expert*innen des Alltags“?

Steinbach: Jein – dieser Begriff ist geprägt durch prominente Künstler*innen-Kollektive wie Rimini Protokoll oder die Gründung der Bürgerbühnen an verschiedenen Häusern. Mich stört daran der Begriff „Alltag“. Das macht irgendwie eine Kluft auf: auf der einen Seite die Künste, auf der anderen der Alltag. Als ob nicht beides ineinander verwoben wäre. Für mich ist jede Person, mit der ich zusammenarbeite, erstmal Expert*in ihrer eigenen Lebensrealität. Und ich glaube daran, dass in jeder Person ein ästhetisches Bewusstsein existiert. Das gilt es herauszukitzeln, zu erforschen und im künstlerischen Arbeitsprozess zu schärfen.

Jetzt mal Näheres zum Stück „Mädchenschrift“: der Textvorschlag kam von dir, Nike. Wie bist du auf diesen Stoff gekommen und was hat dich daran besonders interessiert?

Steinbach: Dündars Text bin ich auf dem Frankfurter Forum für Kinder- und Jugendtheater begegnet. Dieser dichte, sensible und wütende Monolog hat mich sofort berührt – als Regisseurin und auch als Frau, die mal Mädchen war. Denn die darin verhandelten Themen, Gefühle und Fragen, die weisen weit über die Pubertät hinaus und begleiten viele ihr Leben lang. So entstand auch sehr schnell die Idee, den Text mit einer Gruppe Frauen jenseits der Adoleszenz zu gestalten.

Wir kommen gleich nochmal auf inhaltliche Ansätze zu sprechen – ersteinmal noch kurz zur Verortung: Isabell Wibbeke, du bist die Bühnen- und Kostümbildnerin der Produktion, wieso diese Spielwiese als Raum – ist die Verkindlichung nicht etwas, von dem sich frau losmachen möchte?

Wibbeke: Meine Aufgabe ist es, mich mit den Eigenheiten der Figuren tiefgründig auseinander zu setzen und innere Aspekte der Figuren nach Außen zu kehren, um sie zugänglich und sichtbar zu machen. Wir haben nach einem Ort gesucht, an dem sich die Figuren aufhalten können und der auch einen Bezug zu der Lebensphase hat, in der „Mädchenschrift“ angesiedelt ist. Zwölf Jahre alt sein, kann man am besten auf einem Spielplatz! Er symbolisiert für mich den Ort des Übergangs. Du bist dort als Kind und wächst heran und triffst dich dort weiter mit deinen Freund*innen. Am Abend, wenn alle Kleinen weg sind. Es wird abgehangen, geredet, Geheimnisse ausgetauscht, geflirtet. Später, wenn du vielleicht selbst Elternteil bist, gehst du dort wieder mit deinen eigenen Kindern hin – es ist ein Kreislauf.

Gar nicht so leicht über so ein Klettergerüst zu steigen!…

Wibbeke: eben ein echter Balanceakt! Du kannst hoch hinaus, dich erheben, auch die Balance verlieren – aber glücklicherweise auch wieder festhalten und fallen lassen. Ein Lebensallrounder!

Was verändert diese Alterspanne?

Steinbach: Der Text wird dadurch teils zu einer Retrospektive, die von einem prägenden stetigen Erlebnis erzählt, das Frauen in ihrer Körperwahrnehmung bis heute prägt. Dündars Stück schwingt durch diese Besetzung, die auch Altersabschnitte zwischen 20 und 60 Jahren umfasst, zwischen situativer Erfahrung aus kindlicher Perspektive, Erinnerung der erwachsenen Frauen und individuell in die Körper eingeschriebener Erfahrung.

Ihr habt diese individuelle Erfahrung auch durch eigene Texte ergänzt.

Ja, die Körper-Erfahrungswelt von Frau birgt mit jedem Lebensalter oder auch Herkunftsgeschichte neue Dimensionen – wir wollten diese Dimensionen mit hineinnehmen in Dündars Initiationserzählung und haben in Absprache mit dem Verlag dann eigene Texte um (Peri)Menopause, Schwangerschaftsabbruch, Liebesformen und Schwarzsein als Frau entwickelt, die die Spielerinnen über Mikros sprechen, um sie so von Dündars Text abzusetzen.

Welches Potenzial seht ihr konkret in dem Stoff?

Wibbeke: Das Stück Mädchenschrift ist für mich ein sehr berührendes Stück, welches aufzeigt, was es bedeutet als weiblich gelesene Person aufzuwachsen. Durch welche Phasen der Körper geht, aber auch was es für das emotionale Innere bedeutet. Wir alle haben ähnliche Erfahrungen in uns, welche wir hier teilen können. Das Stück könnte impulsgebend sein, diese Dinge aufzubrechen und aufzuklären. 

Steinbach: Und ins Gespräch zu kommen.

Wibbeke: Um hoffentlich irgendwann die Struktur zu verändern. Unseren Kindern eine Sprache zu geben, sich besser mitzuteilen und einen guten Umgang miteinander zu haben. Und vor allem emphatisch zu begleiten. 

Steinbach: Der Knoten ist noch nicht aufgelöst, wie es in dem Stück so heißt. – Und ein letzter Gedanke noch: Theater will von Gesellschaft erzählen, sie hinterfragen und oft auch zukünftige Perspektiven öffnen. Ich glaube, das kann es nur, wenn auf der Bühne auch die Gesellschaft in ihrer Komplexität und Diversität repräsentiert ist. Und das kann (bis jetzt) nur die partizipative Kunst. Für mich sind die partizipativen Künste eine eigene Kunstform, und nicht die Laienversion vom Schauspiel. Es sind verschiedene Künste, die Unterschiedliches können und wollen und so – sich gegenseitig bereichernd – nebeneinander stehen können.

Nike-Marie Steinbach studierte Literatur- und Erziehungswissenschaften in Heidelberg. Während des Studiums gründete sie eine studentische Theatergruppe und arbeitete als Leiterin und Spielerin in verschiedenen Theaterprojekten. Als Vorstandsmitglied im Freien Theaterverein Heidelberg und Leitung des Theaters im Romanischen Keller betreute sie unter anderem die „Heidelberger Theatertage“ und entwickelte verschiedene Aufführungsformate.

2010 bis 2015 war sie am Jungen Theater Heidelberg engagiert, seit 2014 als Leitung der Theaterpädagogik. Sie leitete mehrere Spielclubs, organisierte das Festival „Leinen los! Junges Theater im Delta“ sowie die Baden-Württembergischen Theatertage und entwickelte partizipative Aufführungsformate.

Von 2015 bis 2022 war sie am Staatstheater Darmstadt für partizipative Projekte zuständig. Unter ihrer Leitung entstanden verschiedene Inszenierungen, u.a. WEG – eine Stückentwicklung zum Thema Tod und SterbenDas ganze Leben Traum und Ahnung nach E.T.A Hoffmanns Der Sandmann und der Audio-Theater-Spaziergang Sisterhood zu Drei Schwestern von Anton Tschechow. 2019 rief sie das Festival „LOCAL PLAYERS” ins Leben, ein Theatertreffen der Bürger*innen-Ensembles an den Stadt- und Staatstheatern im Rhein-Main-Gebiet. Für das Schauspiel inszenierte sie u.a. Auerhaus von Bov Bejerg und Mädchen wie die von Evan Placey.

Von 2022 bis 2024 leitete Nike-Marie Steinbach die partizipative Sparte „Volkstheater“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Dort inszenierte sie u.a. Der zerbrochne Krug als mediale Analyse nach Heinrich von Kleist und erarbeitete mit Zirkel der Macht einen Audio-Theater-Spaziergang angelehnt an die Oper Der Kreidekreis von Alexander Zemlinsky.

Seit 2024 ist sie freischaffend tätig, u.a. für das Saarländische Staatstheater, das Staatstheater Darmstadt und den Werkraum sowie Künstler ohne Grenzen e.V. in Karlsruhe.

Isabell Wibbeke studierte Szenografie und Kostümbild mit dem Schwerpunkt Kostümbild bei Maren Christensen an der Hochschule für Design und Medien Hannover. Nach ihrem Studium arbeitete Sie als Ausstattungsassistentin am Landestheater Schwaben sowie am Theater und Orchester Heidelberg.

Bühnen- und Kostümbilder entstehen unter anderem am Theater und Orchester Heidelberg, Staatstheater Darmstadt am Badischen Staatstheater Karlsruhe, sowie am Volkstheater Rostock und Schauspiel Dortmund.

Ihre Gesamtausstattung für Mädchenschrift ist ihre erste Arbeit am Saarländischen Staatstheater.

www.isabellwibbeke.de

>>> „Mädchenschrift“ erzählt vom Frauwerden
Artikel von Isabell Schirra, Saarbrücker Zeitung, 17. Januar 2026

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Theater-Scouts besuchen „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“

Die Theater-Scouts (14-17 Jahre) sind eine feste Gruppe von Jugendlichen, die das Saarländische Staatstheater durch die gesamte Spielzeit begleitet. Neben Vorstellungsbesuchen nehmen sie an Proben teil, kommen mit dem Ensemble ins Gespräch und werfen einen neugierigen Blick hinter die Kulissen. Ihre Beobachtungen erscheinen nicht nur im Blog, sondern auch auf Instagram, in der Theaterzeitung und weiteren Formaten des Hauses.

Zuletzt haben sie die Inszenierung „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“ besucht. Das Stück erzählt vom Blick der Zootiere auf das Konzentrationslager Buchenwald und findet dafür starke, beklemmende Bilder. Wie die Jugendlichen die Vorstellung erlebt haben, zeigen ihre sehr persönlichen Eindrücke.

Eindrücke der Theater-Scouts

Ina Rosa Bethscheider:
„Was das Nashorn sah ist ein sehr eindrucksvolles und heftiges Stück. Bis heute bekomme ich das Husten des Bären nicht aus meinem Kopf. Das Thema ist so traurig und kam in dieser Inszenierung extrem stark zum Ausdruck. Besonders der Moment, in dem die Todesursache des Nashorns enthüllt wurde, ist mir im Kopf geblieben. Ich bin danach mit einem überwältigten Gefühl aus dem Theater gekommen.“

Pauline Stiller:
„Das Stück zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie Tiere die Grausamkeit der Konzentrationslager spiegeln, ohne sie direkt auszusprechen. Die Bilder bleiben lange im Kopf und begleiten einen definitiv bis nach Hause. Man wird daran erinnert, niemals wegzuschauen und – wenn man kann – zu handeln. Das ist ein Gedankenanstoß, der uns im Alltag oft verloren geht.“

Lourdes Rheinhardt:
„Mir ist am meisten das Bild „Jedem das Seine“ im Gedächtnis geblieben, weil das ja auf dem Eingangstor des KZ Buchenwald stand. Ich hoffe, dass Jugendliche heute daran denken, dass Rassismus und jede Art von Diskriminierung nicht in Ordnung sind und dass man die Vergangenheit nicht vergessen sollte. Die Geschichte und wie sie gespielt wurde, zeigen den Ernst der Lage. Wir dürfen diese Zeit und die vielen Toten nicht vergessen. Wir haben uns das Theaterstück angesehen und gefragt: ‚Was ist das?‘ – und dann auf die andere Seite geschaut.“

Emma Schmidt:
„Ich möchte weitergeben, dass es wichtig ist, auch in der heutigen Zeit über Themen wie die NS-Zeit zu sprechen. Sich auszutauschen ist wichtig, weil manche Jugendliche vielleicht gar nicht genau wissen, was damals passiert ist. Wir waren ja nicht dabei. Aber man sollte darüber reden, diskutieren und vielleicht sogar demonstrieren. Da dieses Thema jetzt doch wieder aktueller ist, finde ich es wichtig, eine eigene politische Meinung zu haben und für die Demokratie zu kämpfen.“

Lennart Schmidt:
„Mir hat das Stück noch einmal gezeigt, wie wichtig es ist, dass wir nie vergessen dürfen, was in der NS-Zeit geschehen ist. Deshalb finde ich es sehr wichtig, weiterhin darüber zu sprechen. Nur so können wir deutlich machen, warum wir unsere Demokratie und unsere Menschenrechte bewahren müssen – und warum das so wichtig ist.“

Ben Spath:
Was ich sah als ich auf die andere Seite schaute? Ich sah ein Stück, das ein schwieriges und gleichzeitig trauriges Thema behandelt, dabei aber dennoch humorvoll ist. Ich denke, gerade für Jugendliche ist dieses Stück wichtig. Besonders in Zeiten politischen Wandels. Es soll ihnen zeigen, dass sich die Geschichte nicht ein zweites Mal wiederholen darf. Abschließend möchte ich sagen: schaut auch mal über den Zaun und nicht nur auf das, was auf eurer Seite passiert.

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ICH BIN MÖGLICHKEIT.

Eine Heldinnenreise

LUCY (4,6 MILLIARDEN JAHRE). Schon im Titel sind sie enthalten und scheinen eine infame Erzähl-Behauptung für ein Theaterstück: die 4,6 Milliarden Jahre Erdzeitalter. Und dann der Vorname dazu: Lucy. Diese Kombination spielt mit dem Bezug von Person und Alter. Eine unglaubliche Dimension tut sich uns da auf. Und doch haben wir es mit einer Normalsterblichen zutun, die im Supermarkt an der Fischtheke arbeitet, in einem funktionalen Zuhause lebt und in unserer heutigen Manier die Woche mit Arbeitszeit und Pendelei verbringt. So weit, so klar. Doch etwas an dieser Frau scheint sie zu einer Prädestinierten zu machen, prädestiniert einem Ruf zu folgen.

Work hard, have fun, make history – von der Relativierung der Leistungsgesellschaft

Die französische Dramatikerin Gwendoline Soublin ist nach eigenen Aussagen seit Jahrzehnten Wissenschaftsbegeisterte, die sich insbesondere für die Paläontologie interessiert. Dieses große Thema fließt literarisch verdichtet in das Stück ein: die dramatischen Akte haben Kapitelüberschriften, benannt nach den rückwärtslaufenden Erdzeitaltern. Wir starten in der Jetztzeit, dem Kapitalozän und reisen über Pliozän und Kambrium bis ins Hadaikum, in dem Lucy schlussendlich dem ersten Einzeller-Organismus in einer Pfütze inmitten einer Asphaltwüste von Parkplatz begegnet. Dazwischen: das Jagen einer Sippe, das Verschwinden des homo sapiens, die orgiastische Sinnlichkeit einer Verschmelzung mit Flora und Fauna, fünf große Massenaussterben diverser Saurier – und Lucy, die überlebt. Lucy ist eine Zeitreisende, die beginnt anderen neu zu begegnen, vielleicht gar überhaupt erst zu begegnen. Und sich zu verbinden, jenseits von verbal ausgetauschten Inhalten, Gemeinsamkeiten, Geschäfts- oder Partnerschaftsinteressen. Was sie da ruft, ist existenziell. Ist Existenz, Sinnlichkeit, Sinnhaftigkeit. Vielleicht ist es ihr Name, der sie zur Auserwählten dieser Erfahrung macht – Lucy Afarensis ist der Name und Typus eines 1974 in Äthiopien gefundenen Skeletts, das von einer frühmenschlichen, sich noch unaufgerichtet fortbewegenden Menschenart stammt.

ICH BIN AM LEBEN. GANZ RUHIG

Der Auslöser ihres intuitiven 24-Stunden-Ausstiegs aus der Gegenwart der Leistungsgesellschaft ist eine tags zuvor erfahrene Beleidigung durch den Chef, der sie als Neandertalerin beschimpft. Ein stigmatisierender Automatismus, der sie kleinmachen und womöglich kleinhalten soll. Eine Erniedrigung, die eine Eigendynamik entwickelt. Doch wohin weist sie? Unerwarteterweise wird die Beleidigung in eine Stärke umgewandelt, in ein inneres Suchen, eine innere Suchbewegung. Schon bald mündet diese Verletzung in einer unterschwelligen, jedoch nicht minder grundlegenden Befragung: Was zählt der Mensch in Relation zur gesamten Erdgeschichte? Was wäre die Welt ohne den Menschen?

Zweifellos: sie wäre. Punkt. Der Mensch ist jünger als der Einzeller. Doch darum geht es Soublin nicht. Ihre Protagonistin, die in der deutschen Übersetzung von Corinna Popp übrigens im Plural von sich spricht – als Menschheitsvertreterin sozusagen – erfährt im roleback auch, dass sie für eine Gemeinschaft oder für schutzlose Lebewesen zählt. Sie wird angenommen und ist Teil. Inmitten der anachronistischen Fülle an Vergehen und Werden des Lebendigen erblickt sie sich selbst. Es sind die grundsätzlichen Erfahrungen menschlichen Lebens, die körperliche und soziale Dimensionen, die diese Erkenntnis bringen. Hunger, Kälte, Mitmenschlichkeit, Verwundbarkeit, die lebensspendende Kraft qua Biologie.

Selbstannahme als Schlüssel zu Verantwortung

Gleich einem wiederkehrenden Mantra wiederholt die Protagonistin ihr Alter und Gesamtverfassung zu verschiedensten Zeitpunkten im Stück: Sechsundvierzig, nicht mehr vital, erste Gebrechen kündigen sich an, verfärbte Zähne. Was anfangs eine beiläufig dargebrachte Figurenbeschreibung zu sein scheint, wird zur bewusst benannten Anzahl an Lebensjahren. Das Alter wird zum Überlebens- und Vitalisierungsmantra: Dieser Körper existiert, rennt, klettert, säugt, schwimmt, erträgt Hitze, Kälte, Wasser, Nacktheit, ist verwundbar, kann wieder heilen. Lucy Afarensis staunt über die eigenen körperlichen Fähigkeiten, über die Möglichkeiten des Seins. Aus dem isolierten Zustand einer durchschnittlichen Nutzerin dieses Planeten rauskatapultiert, hinein in die Synergiegemeinschaft der Sammler*innen und Jäger*innen, erfährt sie Initiation: Erst durch die Andersheit des Miteinanders jenseits von Leistungsgesellschaft folgt eine Erinnerung an eine entfernte Sehnsucht nach einer echten, weil solidarischen Gemeinschaft der Nähe. Hier liegt der Schlüssel zur Selbstannahme.

Überborderndes Sein – überbordende Theatermittel

Die Autorin schafft mit diesem dramatischen Gedicht weit mehr als eine Ausstiegsgeschichte: mittels Phantastik, Dokumentation und Poesie erwächst daraus ein wort- und bildgewaltiger Zugang zum Thema Selbstermächtigung, den Regisseur Sébastien Jacobi zusammen mit Ausstatterin Viktoria Edler in jedweder Hinsicht und Vielschichtigkeit aufgreift und würdigt. Jacobi hat in der Zusammenarbeit mit Christoph Iacono (Komposition) eine vom LandesJugendChor Saar unter Chorleiter Mauro Barbierato einstudierte Partitur geschaffen, die den Stellenwert des Sakralen von Arbeit in unserer Gegenwart genauso betont, wie auch das Hamsterrad des Repetitiven und erbarmungslosen Leistenmüssens. Ganz bewußt überlagert nicht nur die Gesangsebene Text und Spiel, sondern dazu auch Tanz, sprich Körper in Form der Choreographien von Charlotte Krone, Nobel Lakaev und Flavio Quisisana des Saarländischen Staatsballetts. Fast ist es, als flösse alles anfänglich getrennt Ausagierte – Sprache, Stimme, Körper – zunehmend zusammen: Lucy wird eins mit ihren Ausdrucksmitteln als Mensch.

Der filmische Zugang zum Stoff erschließt Soublins doppelte Suchbewegung: die Raum-Zeit-Entgrenzung bei gleichzeitigem Verhaftet-Sein in der Gegenwart schafft eine Distanz zum Gelebten. In dieser Distanz liegt die Chance einer relativierenden Betrachtung unsere Zivilisation mit ihren „Errungenschaften“ bis hin zur Selbstüberwindung durch die KI (Roboterbau und Programmierung durch Philipp Kaminski und Nils Fiene). Das Leben im Kapitalozän erscheint fragwürdig und doch kehren wir am Schlussende mit Lucy dorthin zurück. Die physikalischen Gesetze greifen, das entgrenzende Fabulieren bleibt Fiktion und doch: Lucys Perspektive ist nach getaner aventiure, nach bestandener Bewährungsreise, eine Andere.

ICH HABE EINE SPUR HINTERLASSEN

Mensch mag meinen, dass der Fakt sich als lebendig zu beschreiben nicht nennenswert ist. Soublin, Jacobi und Schauspielerin Laura Trapp beweisen uns das Gegenteil. Diese Selbstwahrnehmung macht Selbstbestimmtheit erst möglich. Und möglicherweise hängt mit ihr auch ein kollektiver Wunsch zusammen: als Menschheit relevant zu sein. Mit Verantwortung für Planet und Gemeinschaft.

Also, worauf warten wir: 3,2,1, 0 und gütig miteinander ins neue Sein – los.

Bettina Schuster-Gäb

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Kichererbsensalat

Ein Rezept von Vahide Sahin, Saarbrücken

Zutaten:

500g Kichererbsen
200g Getrocknete Tomaten in Öl
250g Hirtenkäse
1 Esslöffel Tomatenmark
1 Esslöffel Zitronensaft
1 Teelöffel Chilliflocken
1/2 Teelöffel Salz
1 Bund Petersilie
2 Mittelgrosse rote Zwiebeln

Zubereitung:

* Kichererbsen abgießen und von dem Saft 5-6 Esslöffel auf die Seite legen

* Hirtenkäse in feine Würfel schneiden

* Zwiebeln in feine Würfel schneiden

* Petersilie fein hacken

* Tomatenmark, getrocknete Tomaten mit eigenem Öl, Chilliflocken, Salz und Kichererbsensaft in die Küchenmaschine geben und zerkleinern

* Alle Zutaten in eine Schüssel geben und Zitronensaft dazugeben, alles mischen

* Den Salat auf einem Teller servieren und mit Hirtenkäse und Petersilie schmücken

GUTEN APPETTIT😊

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„Klassische Musik ist kein Luxus“

Können Sie uns Ihr Cello vorstellen?

Ich habe mich in mein Cello sofort verliebt. Für mich hat es einen wunderbaren warmen und wandlungsfähigen Klang, der mir erlaubt, meine cellistischen Qualitäten auszuleben. Ich habe das Glück, auf diesem Instrument nun seit über 20 Jahren spielen zu können und es ist in der Tat so etwas wie ein Lebenspartner geworden, zumindest was mein musikalisches Leben angeht. Das Instrument gehörte früher den deutschen Cello-Legenden Hugo Becker, Rudolf Metzmacher und Ludwig Hölscher – das verpflichtet mich, mein Bestes zu geben!

Sie haben renommierte Preise gewonnen und konzertieren mit bedeutenden Orchestern – gewiss wichtige Stationen in ihrer Laufbahn. Was zählt für Sie persönlich in ihrer Musikerbiographie?

Was bleibt, sind die Begegnungen und Freundschaften mit Musikern. Sei es die erste Begegnung mit Slava Rostropovitch, den ich im Alter von 8 Jahren zum ersten Mal hörte, die Unterrichtsstunden mit ihm 15 Jahre später, wunderbare Erinnerungen an Konzertorte wie die Carnegie Hall oder die Wigmore Hall oder eben besonders beglückende Zusammenarbeiten mit Dirigenten und Orchestern, wie dem Saarländischen Staatsorchester zuletzt mit Elgars Cellokonzert!

Ich bin sehr dankbar, dass ich im Laufe der letzten 30 Jahre mein künstlerisches Leben genießen konnte in einer großen Bandbreite von Kammermusik, solistischen Darbietungen, Konzerten als Dirigent, als Pädagoge und nicht zuletzt als Familienmensch mit vier Kindern. Ich bin gespannt, was die Zukunft bringen wird!

Wolfgang Emanuel Schmidt | Foto: Markus Jans

Hollywoodklänge, romantisches Solokonzert und südamerikanische Kammermusik – Ihre Programmauswahl für die Konzerte in Saarbrücken zeigen ein enormes Spektrum. Worauf freuen Sie sich als Artist in Focus bei uns besonders?

Ich hatte die große Freude, bereits zweimal bei Ihnen zu Gast zu sein – mit den Cellokonzerten von Walton und Elgar. Ich habe das Orchester als hervorragenden Klangkörper und idealen musikalischen Partner kennenlernen dürfen. Insofern freut es mich außerordentlich, Artist in Focus zu sein und eine Reihe von Programmen zu gestalten – mit dabei eines meiner Herzstücke, das Cellokonzert von Robert Schumann.

Mein ganzes Leben habe ich mich um künstlerische Vielseitigkeit bemüht. Ich spiele viel Kammermusik, gastiere als Solist und Dirigent, bearbeite Musik für verschiedene Besetzungen und versuche zum Beispiel in Konzerten mit meinem Kammerorchester Metamorphosen Berlin, neue Programmideen zu verwirklichen. Meine Gastspiele in Saarbrücken spiegeln dieses Bestreben wider: Wir haben das große romantische Konzert, ein unbekannteres Werk des letzten Jahrhunderts (das Cellokonzert von Chatschaturjan im 3. Sinfoniekonzert), Kammermusik und zum Abschluss einen Abend mit Filmmusik, durch den uns die deutsche Stimme von James Bond alias Daniel Craig – Dietmar Wunder, ein guter Freund, führen wird. Als großer Filmfan ist dieses Konzert für mich ein persönliches Highlight.

Welches Potenzial hat klassische Musik für Sie in einer Zeit knapper Kulturetats und gesellschaftlicher Umbrüche?

Die letzten Jahre haben uns vor viele, bis dahin nicht vorstellbare Herausforderungen gestellt: Corona, Kriege, eine Neuausrichtung des Lebens durch die Digitalisierung, soziale Spannungen … In dieser so ungewissen Situation zeigt sich meines Erachtens gerade, wie wichtig klassische Musik als verbindendes Element sein kann. Musik als universelle Sprache – unabhängig von Nationalitäten, Sprachbarrieren, politischen Gesinnungen. Leider wird die verbindende Kraft der Musik in den Zeiten fehlender Finanzen viel zu oft als entbehrlich angesehen. Ich denke, dies ist ein großer Irrtum. Musik, Kreativität, Zwischenmenschlichkeit und Kommunikation – das sind die Felder, die wahrlich „menschlich“ sind, die uns als Menschen ausmachen, uns einen Sinn geben und die – zumindest auf absehbare Zeit – nicht von Künstlicher Intelligenz übernommen werden können.

Insofern sind Klassische Konzerte und damit verbunden die musikalische Ausbildung kein „Luxus“, den man in schlechten Zeiten einsparen kann, sondern existentiell wichtig für unsere Gesellschaft, insbesondere für die Persönlichkeitsbildung und Entwicklung junger Menschen. Interview: Stephanie Schulze

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Die Unsicherheit und Schönheit des Dazwischenseins

Vamos, Corazón ist ein Abend über Herzen, die zwischen zwei Kontinenten schlagen.

Auf der Bühne verweben sich persönliche Geschichten mit traditionellen und modernen Rhythmen Lateinamerikas: der treibende Puls des Guaguancó, die entfesselte Energie des Mapalé, das Schweben einer Ballade oder der Gesang einer Gaita. Moderne Folklore erzählt davon, wie zeitlos die Liebe zur eigenen Kultur und der Herkunft ist und lädt dazu ein, das Leben mit all seinen Hindernissen, Höhen und Tiefen zu feiern.

Klassiker wie „La Bruja“ greifen Themen wie Körper, Identität und Feminismus auf und verbinden sie mit gelebten Geschichten.

Unser Repertoire ist Erinnerung und Gegenwart zugleich und jedes Stück eine Brücke. In „Yoruba Andando“, einem kubanischen Guaguancó, der seine Wurzeln in der Yoruba Religion hat, erklingt ein Loblied auf Elegguá, den Gott, der Wege öffnet, während „Sabor a viento“ die Unsicherheit und Schönheit des Dazwischenseins besingt – ein Leben zwischen Orten, Sprachen und Zugehörigkeiten. Die Klänge sind nicht bloß Begleitung der Geschichten, sie sind ihre Resonanz, ihr Spiegel und manchmal ihr Vorgriff.

Getragen wird das musikalische Gerüst von Menschen, deren Biografien selbst aus Übergängen bestehen. Jhonatan Giraldo, geboren in Pereira, Kolumbien, bringt mit seiner Gaita und dem Tambor Alegre den Atem seiner Heimat in jede Improvisation ein. Wo er ist, ist auch seine Kultur, sind seine Klänge und die Liebe zu seiner Herkunft. Und auch meine Stimme lässt deutsche und ecuadorianische Wurzeln erklingen: aufgewachsen zwischen zwei Kulturen, zwischen Sprachen und Geschichten, öffnet sich mir im Klang immer wieder ein Ort, der beides zugleich enthält. „Sabor a Viento“ ist eine Spur dieses Weges.

Vamos, Corazón ist für mich eine Feier der Wege, die sich kreuzen, verlieren und wiederfinden – ein Abend, der zeigt, wie Erinnerung und Gegenwart im Klang ineinanderfließen können.