Kategorien
Theaterblog

„Weltenreligionen ziehen an mir vorüber.“

Lara Scherpinski: „Blutschwester“ erzählt von einer Frau, die an Krebs erkrankt ist und auf der Intensivstation liegt. Für das Bühnenbild habe ich nach einer Übersetzung gesucht, einem anderen Transitraum. Die Intensivstation kann für Menschen ein Raum zwischen Leben und Sterben sein oder zwischen Krankheit und Gesundheit, sie ist aber auch ein Warteraum für die Angehörigen. Für die Bühne habe ich Räume des Übergangs collagiert: Bahnhofshallen, Flughäfen, ein Haus ohne Wände und Decken.

Dr. Ingrid von Beyme: Wenn Sie sagen, dass Sie einen Transitraum entwerfen, denke ich an Else Blankenhorns Darstellungen von Transzendenz. Sie hat zum Beispiel ein Haus mit durchsichtigen Wänden gemalt, in das man hineinblicken kann. In den einzelnen Zimmern wollte sie Liebespaare einquartieren, deren Ausgrabung und Auferstehung sie durch ihre Gestaltung von Geldscheinen finanzieren wollte. Und Blankenhorn stellte in ihren Bildern oft Lotusblüten dar, die im Buddhismus das Symbol für Chakren sind. Das Kronenchakra, das höchste Chakra über dem Scheitelpunkt des Kopfes, ist die Verbindung zwischen dem Menschen und einer höheren göttlich-kosmischen Einheit. Blankenhorn platzierte sehr oft Blüten über den Köpfen ihrer Figuren. Für mich waren diese schwebenden Blüten immer auch ein Zeichen für spirituelle Energie und Transzendenz.

Lara Scherpinski: Wie die Flammen über den Köpfen der Apostel.

Dr. Ingrid von Beyme: Ja, aber in Blütenform. Das ist auffällig: Dass man auch gerade in Anbetracht des Todes die Hoffnung hat, dass es weitergeht, in höheren Räumen. Auf dem Gemälde, auf das Sie sich im Bühnenbild beziehen, gibt es ja auch etwas Sphärisches, eine Art kosmischen Wirbel. Darin liegt auch etwas Bedrohliches, etwas Beängstigendes vielleicht, aber es hat zudem etwas Öffnendes, man weiß noch nicht, was auf einen zukommt. Durch den roten Mond, die weiße Sonne, die Sternenkonfigurationen, dynamische Wolkengebilde und kometenartige Streiflichter wirkt es wie ein kosmischer Sturm. Und dieses kleine Gesicht am unteren Bildrand könnte man als Selbstbildnis interpretieren – und darüber öffnet sich der gewaltige Kosmos.

Blankenhorn hat sehr viel zu den Themen Auferstehung und Himmelfahrt gearbeitet und zu verstorbenen Liebespaaren, die erlöst werden sollten. Sie hat sich ein schönes Leben vorgestellt für diese Paare, die sie ausgraben wollte, um für sie in „ewiger Häuslichkeit“ zu sorgen. Und dasselbe wird sie für sich selbst auch erhofft haben, dieses ewige Leben, weil sie sehr religiös war.

Verena Katz: Religiös, ja, aber wie ist sie in Kontakt gekommen mit dem Buddhismus, wissen Sie das?

Dr. Ingrid von Beyme: Das kann ich nicht belegen, aber es gab um die Jahrhundertwende die Zeitschrift „Lotusblüte“. Darin wurden Texte über Buddhismus, östliche Philosophie oder auch Yoga abgedruckt. Dieses Wissen war also zu dieser Zeit schon zugänglich und da das in Blankenhorns Bildwerken so oft auftaucht, denke ich schon, dass sie das gekannt haben könnte. Es schließt sich ja auch nicht aus, sondern ist nur eine zusätzliche Möglichkeit zum Christentum. Wie eine Art übergreifende Religion, wie sie das einmal in einem Gedicht so formulierte: „Weltenreligionen ziehen an mir vorüber.“ Sie hatte also nicht nur eine, sondern mehrere Religionen im Blick.

„Dunkle, schwarze Wolken auf Zügen die
Geheimnisvoll die Nacht durchpflügen
Liest man nur einmal davon so sieht
Im Geiste oft man sie entgleisen + Schreie
hört man in der Fantasie.“

(Aus dem Katalog zur Ausstellung „Else Blankenhorn – Das Gedankenleben ist doch wirklich“. Hrsg. von Ingrid von Beyme und Thomas Röske. Verlag Das Wunderhorn 2022, Seite 14)

Dr. Ingrid von Beyme: Dieses Zitat aus einem Gedicht Blankenhorns passt auch sehr gut zu ihrem bildkünstlerischen Werk. Diese schwarzen Wolken, die geheimnisvoll die Nacht durchpflügen, haben auch etwas Gewaltiges.  

Lara Scherpinski: Dass hier die Züge vorkommen, das erinnert mich wiederum an die Bahnhofshallen, an die ich beim Bühnenbildentwurf dachte.

Wissen Sie, woher Blankenhorns Bezüge kommen? Sicherlich ist ihre Herkunft eine Möglichkeit gewesen, an solche Inhalte heranzukommen, aber in dem Moment, in dem sie dann in der Psychiatrie war, wissen Sie, oder ist da überliefert, wie sie da an dieses Material kam?

Dr. Ingrid von Beyme: Die Privatanstalt Bellevue war eine sehr renommierte Institution in der Schweiz. Dorthin kamen Menschen aus ganz Europa. Das Sanatorium in Kreuzlingen am Bodensee war wahnsinnig teuer. Der Monatsaufenthalt einer Patientin entsprach dem Jahresgehalt einer Arbeiterfamilie. Das konnten sich wirklich nur die sehr reichen und häufig auch sehr gebildeten Intellektuellen leisten, die dort gezielt gefördert wurden. Die Klinik hat ein abwechslungsreiches Kulturprogramm angeboten: Es wurden Konzerte organisiert und aktuelle Ausstellungen besprochen, man diskutierte über Kunst und stellte eine umfangreiche Anstaltsbibliothek zur Verfügung – die Beschäftigung mit Kunst und Kultur war Heilungsprogramm.

Ludwig Binswanger hat für Patienten, die eine kulturelle Umgebung gewohnt waren, Kultur in der Anstalt weitergeführt, um sie anzuregen und ihre Heilung zu fördern. Auch Ernst Ludwig Kirchner war dort Patient, er hat Blankenhorns Werke gesehen und sie in seinen Skizzenbüchern beschrieben. Binswanger hatte Kirchner Blankenhorns Werke gezeigt, um ihn zu motivieren, wieder selbst künstlerisch tätig zu werden. Wir wissen auch, dass es im Bellevue einen Psychiater Smidt gab, der sich für japanische Kunst interessierte und später auch darüber publizierte. Er hat sich mit Blankenhorn über japanische Kunst ausgetauscht. Das sind Einflüsse, die auch in ihrem Werk sichtbar werden.

Verena Katz: Die Werke, die Prinzhorn dann zusammengetragen hat, kamen aber nicht nur aus der Kreuzlinger Anstalt Bellevue?

Dr. Ingrid von Beyme: Als Hans Prinzhorn nach dem Ersten Weltkrieg nach Heidelberg an die Psychiatrische Universitätsklinik kam, schrieb er zusammen mit dem Klinikdirektor Karl Wilmanns alle deutschsprachigen psychiatrische Anstalten und Privatkliniken an und fragte nach Bildwerken von Patienten. Ein kleiner Bestand war schon da, den Prinzhorn dann auf rund 5000 Werke erweiterte. Prinzhorn kannte auch das Bellevue und hatte von dort Blankenhorns Krankenakte angefordert. Ursprünglich war Blankenhorn als einzige Frau in seiner „Bildnerei der Geisteskranken“ zur Veröffentlichung geplant. Er wollte zwölf sogenannte „schizophrene Meister“ vorstellen. Und dann musste er aus Platzgründen kürzen. Er entschied sich, die zwei komplexesten Künstler zu streichen, nämlich Else Blankenhorn und Heinrich Mebes, und wollte beide separat in einer Monografie publizieren, weil ihr Werk so besonders war. Dazu ist es nicht mehr gekommen, Prinzhorn ist 1933 gestorben. Blankenhorn blieb deshalb unpubliziert, obwohl sie bis heute die meistgezeigte Künstlerin unserer Sammlung ist und ihr Œuvre mit über 300 Werken auch das umfangreichste der historischen Sammlung ist.

Lara Scherpinski: Und durch die Sammlung Prinzhorn ist sie dann nicht in Vergessenheit geraten? Oder gab es später einen Moment, in dem die Erinnerung an sie wieder hochgeholt werden musste?

Dr. Ingrid von Beyme: Die Sammlung war von den Nationalsozialisten missbraucht worden. Für die Feme-Ausstellung „Entartete Kunst“ wurden Werke aus der Sammlung Prinzhorn angefordert, übrigens auch sieben Bilder von Else Blankenhorn. In dieser Wanderausstellung hatte man durch Gegenüberstellungen einen Vergleich gemacht zwischen „Irrenkunst“ und Werken von professionellen Künstlern. Und der perfide Ansatz war: Wenn das ein „Irrer“ malte und dies ein professioneller Künstler und Sie finden das Werk von dem „Irren“ sogar besser, dann kann man zurecht sagen, das ist „entartete“ Kunst, die wir nicht mit unseren Steuergeldern bezahlen sollten. Dieser Vergleich diente dazu, die moderne Kunst zu diffamieren.

Die Ausstellung „Entartete Kunst“ war eine Wanderausstellung, die zum ersten Mal 1937 in München gezeigt wurde. In der Berliner Station 1938 gab es dann auch einen Ausstellungsführer und darin sind Werke aus der Sammlung Prinzhorn abgebildet – in Gegenüberstellung mit Werken professioneller Künstler. Wir wissen nicht genau, welche Werke ausgestellt wurden, aber wir haben eine Liste von rund 100 Werken, die angefordert wurden für diese Ausstellung. Nicht alle Werke wurden zurückgeschickt, manche wurden auch vernichtet. Aber die Werke von Blankenhorn sind nach Heidelberg zurückgekommen.

Es ist ein Wunder, dass die Sammlung Prinzhorn überhaupt die Nazi-Zeit überstanden hat. Da sie für die Nazis ein wichtiges Vergleichsmaterial zur Diffamierung von Kunst der Moderne war, hat sie vielleicht aus dem Grund überlebt. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet sie erstmal in Vergessenheit. 1963 hat Harald Szeemann dann zum ersten Mal 250 Werke aus der Sammlung Prinzhorn in Bern ausgestellt und 1980/1981 gab es eine große Wanderausstellung. Vor 25 Jahren wurde unser Museum gegründet, und unser Bestand ist inzwischen auf rund 40.000 Werke angewachsen: Das sind vor allem Zeichnungen, aber auch Gemälde, Skulpturen, textile Arbeiten und viele Briefe. Seitdem wird unsere Sammlung immer bekannter mit steigenden, auch internationalen Besucherzahlen. Und Blankenhorn ist durch eine Retrospektive in Müllheim, Heidelberg und im Museum Gugging in der Nähe von Wien, dem bekanntesten Museum für Art Brut in Österreich, noch präsenter geworden.

Verena Katz: Können Sie zu Blankenhorns Krebserkrankung auch etwas sagen, ist das eher ein biografischer Fakt oder gibt es auch eine Verbindung mit ihrer Kunst?

Dr. Ingrid von Beyme: Die Krebserkrankung taucht relativ spät auf in ihrer Krankenakte. Blankenhorn hat ja schon 1908 angefangen mit ihrer Geldscheinproduktion und bis kurz vor ihrem Tod 1919 künstlerisch gearbeitet, da hatte sie nochmal einen richtig kreativen Schub.

Nach dem Ersten Weltkrieges wurde sie verlegt vom Bellevue in die deutsche Anstalt Reichenau bei Konstanz, weil die Familie das einfach nicht mehr finanzieren konnte. In der Krankenakte in Konstanz gibt es dann einen Eintrag, dass man ihr das Malmaterial wegnehmen musste, weil sie sogar Wände bemalt hat – einfach alles, was sie in die Finger bekam. Das war ein halbes Jahr vor ihrem Tod, aber ich kann keinen direkten Zusammenhang herstellen zwischen ihrer Krebserkrankung und ihren Werken.

Verena Katz: Als sie angefangen hat, die Wände anzumalen, waren das auch Geldscheine?

Dr. Ingrid von Beyme: Ich glaube nicht. Die Geldscheine waren ja durchaus in einem Format, das gehändelt werden sollte, weil Blankenhorn sie als reales Geld ansah. Und Geld an der Wand, das man nicht verschicken kann, hätte ihr nicht viel genutzt.

Sie hat auch immer wieder gefordert, dem Kaiser neues Geld zu senden. Durch die Inflation nach dem Ersten Weltkrieg wusste sie, dass Geld immer weniger wert wurde, dass sie mehr produzieren musste, um mithalten zu können. Und ihre anfangs sehr detailliert und liebevoll gestalteten Geldscheine wurden dann gröber und nicht mehr so minutiös ausgestaltet – ich nehme an, weil sie schneller produzieren wollte, musste.

Außenansicht Sammlung Prinzhorn (c) Atelier Altenkirchen

Ausflugstipp: Sammlung Prinzhorn in Heidelberg, https://www.sammlung-prinzhorn.de/

Die Sammlung Prinzhorn ist ein Museum für Kunst von Menschen mit psychischen Ausnahmeerfahrungen. Sie ist Teil des Departments für Psychosoziale Medizin, Prävention und Familiengesundheit (PPF) am Universitätsklinikum Heidelberg. Der einzigartige Bestand von rund 40.000 bildkünstlerischen Werken, Texten und Musikstücken der Zeit von 1840 bis heute, wesentlich aus deutschsprachigen Ländern, wächst ständig.

Blankenhorn ist mit zwei großformatigen Werken in der Dauerausstellung zu sehen und bis zum 19. April 2026 zusätzlich mit vier Werken in der Sonderausstellung „Wer bin ich? Bilder der Identitätssuche“

Dr. Ingrid von Beyme: Blankenhorn hat sich auch mit ihrer Identität und verschiedenen Rollen auseinandergesetzt. Sie stellte sich als Sängerin dar oder als Kaiserin, aber auch als Komponistin. Und – vielleicht kann man es vergleichen mit dem Mythos aus Ovids Metamorphosen – auch als Baumfrau. In den Metamorphosen verwandelt sich Daphne ja beispielsweise in einen Lorbeerbaum – um sich vor den Nachstellungen Apollos zu schützen.

Lara Scherpinski: Das kommt auch im Stück vor.

Dr. Ingrid von Beyme: Ja? Denn das gibt es bei Blankenhorn auch. Sie stellt sich auch als Baumfrau dar und aus den Extremitäten wachsen Blätter. Ich vermute, dass das vielleicht auch eine Art Schutzmechanismus für sie war. Denn sie war einerseits voller Sehnsucht nach einem Mann und einer Familie und andererseits sehr kontaktscheu.

Ihrem Psychiater sagte sie: „Der Kaiser hat in jeden Baum den Namen Else eingeschrieben.“ Zu einer Baumgestalt notierte sie zur Zeichnung: „der Ursprung“. Es gibt in der keltischen Mythologie ja die Vorstellung, dass die Menschen eigentlich aus Bäumen entstanden sind, und dass die Bäume ihren Charakter widerspiegeln.

Von Else Blankenhorn ist eine Fotografie erhalten, auf der sie sich unter einen großen Baum inszeniert. Dieses Motiv kommt auch in ihren Bildern vor, in denen sie sich dann auch zur Baumfrau weiterentwickelt. Und sie hatte ein ganz eigenes Symbol, das war ein Tannenbäumchen, das in vielen ihrer Werke auftaucht. Es war eine Art Schutzsymbol für sie, denn die geschlossene Abteilung, in der sie lebte, war die „Villa Tannegg“. Tannegg bedeutet Ort der Tannen. Und das bedeutete für sie Geborgenheit.

Else Blankenhorn, Ohne Titel (Baumfrau), 1908-1919, Inv.Nr. 4318c (Tinte auf Papier in Tagebuch mit Texten und Zeichnungen, 19,3 x 12,5 cm) © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg

Kategorien
Theaterblog

Terrorismus und göttliche Gerechtigkeit

Deformation

In seinem ersten Monolog wendet sich Richard an das Publikum und beklagt, dass er für den Frieden zu hässlich sei. In der Übersetzung von Marius von Mayenburg, die in Saarbrücken auf die Bühne gebracht wird, beschreibt er sich selbst als „von der heuchlerischen Natur ums Aussehen betrogen, behindert, unfertig, vor meiner Zeit in diese atmende Welt geschickt, gerade mal halb zusammengeklatscht, und das so lahm und verwachsen, dass die Hunde mich ankläffen, wenn ich vorbeihinke“.

Regisseur Christoph Mehler und Kostümbildnerin Jennifer Hörr entschieden, die Deformation der Figur als eine soziale und psychologische zu lesen. Aufgrund des großen Engagements von Philippa Langley wurden 2012 die körperlichen Überreste des historischen Richard in Leicester gefunden und konnten untersucht werden. Heute wissen wir, dass der historische Richard eine leichte Skoliose hatte, die vermutlich gut zu kaschieren war und ihn auch körperlich kaum einschränkte.

  • Hier findet sich die Website von Philippa Langley:

https://www.philippalangley.co.uk/

Shakespeares Beschreibung seiner Figur ist einerseits der politischen Zeit geschuldet, zu der das Stück entstand – Shakespeare schrieb zur Herrschaftszeit von Elizabeth I., der Enkelin Henrys VII., der Richard vom Thron stieß – und andererseits einem Blick auf Behinderung, der unserer heutigen Perspektive nicht entspricht. Die „Deformation“ der Figur ist für Shakespeare körperlicher Ausdruck ihres verdorbenen Charakters. Wenn diese Körperlichkeit in einer zeitgenössischen Inszenierung also keinen Ausdruck findet, ist dies eine von vielen möglichen Anpassungen an die heutige Zeit – eine Entscheidung dafür, den falsch dargestellten Zusammenhang zwischen Behinderung und dem Bösen so nicht zu zeigen.

Im Stück wird die Beschreibung von Richards Körperlichkeit die Begründung dafür, dass er sich entscheidet, ein böser Mensch zu sein: „ich hab in diesem öden, säuselnden Frieden keinen anderen Spaß, als die Zeit damit totzuschlagen, meinen Schatten in der Sonne anzustarren und über meine eigene Deformation herzuziehen: Und deshalb, weil ich nicht zum Liebhaber tauge, um mich in dieser schönen wortgewandten  Welt von heute zu amüsieren, hab ich mich entschlossen, ein  Scheusal zu sein und die eitlen Vergnügungen dieser Welt zu  hassen.“

Weil er bei den Frauen keinen Erfolg hat, beschließt Richard, Intrigen zu spinnen, zu morden und zu betrügen. Wenn Christoph Mehler und Videodesigner Stefano Di Buduo Hauptdarsteller Raimund Widra für diesen Monolog eine Livekamera zur Verfügung stellen, wird Richards Aussage durch diese Form unmittelbar in unsere Gegenwart katapultiert. Ohne dass heutige Zitate für diese Wirkung nötig wären, stellt sich die Assoziation des Incels ein.

„Incel“ steht für „Involuntary Celibate“, unfreiwillig zölibatär. Die Vertreter dieser Bewegung machen Frauen für ihre Erfolglosigkeit und ihr Unglück verantwortlich. Weil sie nicht begehrt werden, schreiben sie sich ein Recht auf Gewalt zu. „Incels selbst“, so schreibt die Publizistin Veronika Kracher in ihrem Buch „Incels – Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults“ von 2020, „betrachten sich als Verlierer der „genetischen Lotterie“ und sehen sich demzufolge am untersten Ende der Männlichkeitskette.“ (Seite 45). Sie verachten sich selbst und ihr eigenes Aussehen – wie Shakespeares Richard in seinem ersten Monolog.

  • Eine Sammlung ihrer Veröffentlichungen zum Thema Incels findet sich auf der Website von Veronika Kracher:

https://kracher.press/incels/

In „Richard III.“ sprechen auch die Frauen, die mit solchen Ideen konfrontiert werden. Lady Anne, die später Richards Frau wird, verflucht und beschimpft ihn, als er um sie wirbt. Und sie macht den Horizont der göttlichen Gerechtigkeit auf, die für das Stück entscheidend wird, wenn sie zu Beginn ihrer Begegnung zu Richard sagt, dass er dem Körper des toten Königs Henry VI. fernbleiben soll: „Weg, du grauenhafter Diener der Hölle, du hast nur Macht über seinen sterblichen Körper, seine Seele kannst du nicht haben.“

Aus Richards Worten werden stets unmittelbar Taten. Wie ein Attentäter, der sich in Incel-Foren radikalisiert hat, kündigt er in der Saarbrücker Inszenierung seine Taten im Livestream an, um sie dann umzusetzen und dabei zu filmen.

Terrorismus

Am 9. Oktober 2019, dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, versuchte ein Attentäter in der Synagoge von Halle (Saale) Jüdinnen und Juden zu ermorden, die dort zum Gottesdienst versammelt waren. Nachdem es ihm nicht gelungen war, die Tür zur Synagoge aufzubrechen, erschoss er die Passantin Jana Lange und in einem nahegelegenen Imbiss den Gast Kevin Schwarze.

  • In diesem Video von 2020 schildert die Rabbinatsstudentin Naomi Henkel-Gümbel, die zu dem Zeitpunkt in der Synagoge war, wie der Anschlag ihr Leben veränderte:


https://www.bpb.de/mediathek/fluter-videos/523889/ich-habe-den-rechtsextremen-anschlag-von-halle-ueberlebt/

  • Hier findet sich ein Interview mit dem Imbissbetreiber İsmet Tekin von 2022:

https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/tekiez-in-halle-es-muss-weitergehen-auch-wenn-es-schwer-ist-89643/

Der Täter hatte sich in den sozialen Medien radikalisiert. Er filmte seine Taten mit einer Helmkamera und übertrug sie live ins Internet. Unmittelbar nach dem Anschlag erhielt Veronika Kracher zahlreiche Anfragen der Presse. Denn mit dem Anschlag von Halle war die bis zu diesem Zeitpunkt in Deutschland wenig bekannte menschenverachtende Internetbewegung der „Incels“ ins Licht der Öffentlichkeit gerückt.

Shakespeares Richard ist im weiteren Verlauf des Stückes kein Attentäter, dessen Überzeugungen geltendem Recht entgegenstehen und der deswegen strafrechtlich verfolgt werden kann wie der Attentäter von Halle, der zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt wurde. Richard wird zum Gesetzgeber; der Terrorist sitzt auf dem Thron.

Hoffnung

Wo Gesetzgebung nicht weiterhilft, weil Misogynie und Terror ein Land regieren, bleibt in Shakespeares Drama die Hoffnung auf jenseitige Gerechtigkeit. Selbst wenn Richard zu Beginn ein Orakel ins Werk setzt, um seinen Bruder George, den Herzog von Clarence zu verraten, stellt sich dessen Inhalt letztlich als wahr heraus. Das Orakel besagt, dass jemand, dessen Namen mit dem Buchstaben „G“ beginnt, die Söhne von König Edward ermorden lassen will. Richard legt nahe, dass es sich dabei um George Clarence handeln muss, tatsächlich wird es aber er selbst sein, der Herzog von Gloucester, der den Befehl erteilt. Mit der ehemaligen Königin Margaret tritt dann eine Gegenkraft zu Richard auf. Sie verflucht die Edelleute und hält in Christoph Mehlers Inszenierung durch das Videodesign von Stefano Di Buduo und die kraftvolle Musik von David Rimsky-Korsakow Insignien großer Macht.

Doch nicht auf Flüche und Prophezeiungen lässt Shakespeares Stück hoffen, sondern auf göttliche Gerechtigkeit. In den letzten Worten von Richards Verbündetem Buckingham (in Saarbrücken gespielt von Verena Bukal): „Dieser hohe Alles-Sehende, Gott, mit dem ich gespielt habe, hat mein geheucheltes Gebet gegen meinen eigenen Kopf gewendet und mir im Ernst gegeben, worum ich im Scherz gebeten habe. Kommt, führt mich auf den Block der Schande. Unrecht zahlt Unrecht, und Schmach für Schmach.“

Und wer die Hoffnung auf das Jenseits nicht teilt oder aufgegeben hat, für den könnten die Gegenreden der Frauen im Stück, ihre Flüche und Verwünschungen, könnten juristische Gerechtigkeit und gesellschaftliche Aufarbeitung in der Realität, das Erinnern an die Toten und die Solidarität unter den Überlebenden von Terrorismus zu Zeichen der Hoffnung werden. Text: Verena Katz

Kategorien
Theaterblog

Übersicht der Figuren

Stammbaum der Häuser York, Lancaster, Tudor und die Könige

>>> Übersicht downloaden

Kategorien
Theaterblog

Theater-Scouts besuchen „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“

Die Theater-Scouts (14-17 Jahre) sind eine feste Gruppe von Jugendlichen, die das Saarländische Staatstheater durch die gesamte Spielzeit begleitet. Neben Vorstellungsbesuchen nehmen sie an Proben teil, kommen mit dem Ensemble ins Gespräch und werfen einen neugierigen Blick hinter die Kulissen. Ihre Beobachtungen erscheinen nicht nur im Blog, sondern auch auf Instagram, in der Theaterzeitung und weiteren Formaten des Hauses.

Zuletzt haben sie die Inszenierung „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“ besucht. Das Stück erzählt vom Blick der Zootiere auf das Konzentrationslager Buchenwald und findet dafür starke, beklemmende Bilder. Wie die Jugendlichen die Vorstellung erlebt haben, zeigen ihre sehr persönlichen Eindrücke.

Eindrücke der Theater-Scouts

Ina Rosa Bethscheider:
„Was das Nashorn sah ist ein sehr eindrucksvolles und heftiges Stück. Bis heute bekomme ich das Husten des Bären nicht aus meinem Kopf. Das Thema ist so traurig und kam in dieser Inszenierung extrem stark zum Ausdruck. Besonders der Moment, in dem die Todesursache des Nashorns enthüllt wurde, ist mir im Kopf geblieben. Ich bin danach mit einem überwältigten Gefühl aus dem Theater gekommen.“

Pauline Stiller:
„Das Stück zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie Tiere die Grausamkeit der Konzentrationslager spiegeln, ohne sie direkt auszusprechen. Die Bilder bleiben lange im Kopf und begleiten einen definitiv bis nach Hause. Man wird daran erinnert, niemals wegzuschauen und – wenn man kann – zu handeln. Das ist ein Gedankenanstoß, der uns im Alltag oft verloren geht.“

Lourdes Rheinhardt:
„Mir ist am meisten das Bild „Jedem das Seine“ im Gedächtnis geblieben, weil das ja auf dem Eingangstor des KZ Buchenwald stand. Ich hoffe, dass Jugendliche heute daran denken, dass Rassismus und jede Art von Diskriminierung nicht in Ordnung sind und dass man die Vergangenheit nicht vergessen sollte. Die Geschichte und wie sie gespielt wurde, zeigen den Ernst der Lage. Wir dürfen diese Zeit und die vielen Toten nicht vergessen. Wir haben uns das Theaterstück angesehen und gefragt: ‚Was ist das?‘ – und dann auf die andere Seite geschaut.“

Emma Schmidt:
„Ich möchte weitergeben, dass es wichtig ist, auch in der heutigen Zeit über Themen wie die NS-Zeit zu sprechen. Sich auszutauschen ist wichtig, weil manche Jugendliche vielleicht gar nicht genau wissen, was damals passiert ist. Wir waren ja nicht dabei. Aber man sollte darüber reden, diskutieren und vielleicht sogar demonstrieren. Da dieses Thema jetzt doch wieder aktueller ist, finde ich es wichtig, eine eigene politische Meinung zu haben und für die Demokratie zu kämpfen.“

Lennart Schmidt:
„Mir hat das Stück noch einmal gezeigt, wie wichtig es ist, dass wir nie vergessen dürfen, was in der NS-Zeit geschehen ist. Deshalb finde ich es sehr wichtig, weiterhin darüber zu sprechen. Nur so können wir deutlich machen, warum wir unsere Demokratie und unsere Menschenrechte bewahren müssen – und warum das so wichtig ist.“

Ben Spath:
Was ich sah als ich auf die andere Seite schaute? Ich sah ein Stück, das ein schwieriges und gleichzeitig trauriges Thema behandelt, dabei aber dennoch humorvoll ist. Ich denke, gerade für Jugendliche ist dieses Stück wichtig. Besonders in Zeiten politischen Wandels. Es soll ihnen zeigen, dass sich die Geschichte nicht ein zweites Mal wiederholen darf. Abschließend möchte ich sagen: schaut auch mal über den Zaun und nicht nur auf das, was auf eurer Seite passiert.

Kategorien
Theaterblog

fritz kater
apparat future 2

1
zukunft ist verlängerung der gegenwart/vergangenheit und eben auch nicht/
beim lesen wird mir klar dass alles so kommen kann wie es da steht/
aber eben auch nicht muss!
die scheinbar dystopische beschreibung könnte viel schlimmer sein!/ aber
eben auch viel besser..
natürlich ist es eben wirklich eine frage was gut/ schlecht ist..
und mir wurde sehr klar /dass es eben sehr wohl (! ) an jedem einzelnen liegt
wie es in 20 /30 jahren sein wird/
also wie unsre kinder dann leben werden/und der rest von uns/
das bedeutet /dass das stück eben auch eine aufforderung bedeutet: seine eigene position (mit hilfe des textes
ausfindig zu machen /und wenn möglich/hinsichtlich seiner eigenen möglichkeiten/einschätzungen und absichten
danach auch folgerichtig zu handeln…
2
persönlich ist der gedanke unangenehm:
dass es »dann«(zukunft) irgendwie immer eine art »abrechnung« gibt/
Und das sowohl: von den anderen/ als auch von einem selbst!
wenn man dazu noch zeit hat/sie sich nimmt /
also wie weit ist man selber gegangen auf dem weg ?/in welche richtung?/
wo hätte er/ich/sie/es anders abbiegen sollen/können?/vielleicht müssen?
..
wobei der gedanke wohltuend ist/dass die jeweiligen determinationen/

die die personen grundiert/führt und beschränkt/ schon ziemlich umfangreich ist/
(also wie sich frau/mann/weisser /schwarzer/alter/junger/kranker/starker reicher/armer /diverser zu
verhalten haben:
angesichts der jeweiligen sozialen/moralischen/kulturellen/ökonomischen /politischen vorstellungen
einer gesellschaft)
will sagen: mein »gestaltungsfreiraum« ist eben gerade nicht so »enorm« wie es
werbung/erziehung/medien/der staat/ und alle anderen einem
suggerieren/das heisst einerseits mein »eigenanteil an weltveränderungspotential« ist definitiv
gering/
aber!/das abschieben der verantwortung auf die »herrschenden« ist eben auch eine lüge/weil sie es
ja nicht sind :»die herrschenden«/
sondern nur die menschen /»die uns und viele güter besitzen«/
(als auch die ästhetische deutungshoheit:»der herrschende geschmack ist der geschmack der
herrschenden«b.b.)
aber alles (!) ist immer in bewegung (also auch die herrschaftsverhältnisse!)/also sollten wir uns
doch einmischen!
3
die 3- teilung des textes hat mehrere gründe /einmal geht es in der tat darum ästhetisch so etwas
wie ein tryptichon herzustellen /
als eine art »altar mit 3 seiten« (der nacheinander aufgeklappt werden kann)/(vielleicht im kontext
zu
marys ästhetischen vorstellungen)/
..wo die einzelnen flügel sich gegenseitig beleuchten/und so eine mehrdimensionalität »erscheinen«
könnte/
andererseits geht es darum verschiedene möglichkeiten/tangenten vom heute in die zukunft zu
ziehen/und zu verlängern/
Und diese sich hypothetisch zu vergegenwärtigen..
und schlussendlich finde ich das »spiel mit der zeit« reizvoll/will sagen/in beide zeitachsen (vor-
zürück) ist
eine darstellung möglich!!/wobei die rückwärts laufende mir zwar schwieriger /aber nach wie vor
reizvoller
erscheint/

4
die 3 bücher/
bilden imaginiert 3 verschiedene aufeinanderfolgende zeiten ab:
(vor allem aber ja 3 verschiedene orte:) 4.1.
buch 3( kurz nach dem 3. weltkrieg )zeigt eher ein gemälde wie ich es mir nach dem 30-jährigen krieg
in
europa vorstelle:
alles liegt noch in schutt asche/hunger krankheiten gewalt überziehen das land
und wir sehen 2 menschen (wanna und foe) wie sie einen ähnlichen weg richtung »gelobtes land«
erleben/erstreben/unterschieden (aus weiblicher und männlicher sicht/) am ende ein temporäres
glück(wie jedes glück)
von jungen menschen /die noch einen langen weg vor sich haben/

4.2.
spielt einige zeit/(jahre später )in einer megametropole/die schon absolut überwacht und technokratisch organisiert ist/
(ich war nur einmal in china in einer 34 millionen-stadt aber so »dinge« habe ich da gefühlt)
hier agieren die ki- figuren als anwälte des staates /als ordnungsapparate /aber auch als produzenten /therapeuten und management-
ausführende in unterschiedlichen rollen/
foe und mary sind 2 »humanoide«(hier im sinne von »teilmenschlich« verstanden) aussenseiter /beide verletzt/
er/psychisch -sie physisch/
sie bilden ein ungleiches paar und mary versucht eigentlich durch und über: kunstproduktion und kunsterörterung /
so etwas wie ein produktives auf kommunikation /spiel und/oder manufaktur beruhendes leben zu schaffen /
in einer welt in der es scheinbar keinen »widerstand« sondern nur noch entropie/also: den versuch zur absoluten ordnung
Gibt/
(in diesem teil wird deutlich /dass nicht die ki-robots »böse« sind /sondern die memschen /die sie programmieren(lassen)
aber auch /dass in dieser(!) ki-welt so etwas wie »widerstand« ähnlich wie bei »1984« oder in »brazil«
kaum noch eine chance hat…
4.3.
hier noch einige zeit später sehen wir die »absolut andere seite/«
Wir sind in :
einer völlig zerstörten müll- und todeswelt/ auf der die ausgestossenen /kaputten aber eben noch »überlebt habenden/«
versuchen zu existieren/ und neue oder scheinbar alte (?)formen des zusammenlebens ausprobieren /reorganisieren/
Diese welt ist erstaunlicherweise grösstenteils (wie heute in somalia/jemen /haiti z.b) längst realität/
(nur eben nicht unsere)
..
spannend wird die experimentieranordnung für »privilegierte zuschauende« dadurch/dass eine »ausgestossene person der oberen mittelschicht«
(anthony) versucht:
in die welt der freaks/halb-menschen und outlaws einzudringen /diese begehren nach einem »anderen« leben bezahlt
Der aus dem chor der bürger ausgestossene(anthony) relativ schnell mit dem tod /
weil er die herrschenden »archaischen« regeln nicht akzeptiert/versteht/wahrhaben will/
..
celine/rimbaud/jack london(wolfsblut)/tolstoi(der lebende leichnam)/marianne herzog(nicht den hunger verlieren) haben
solche »reisen« in andere milleus /kontinente und lebensentwürfe schon vorher beschrieben und teilweise(rimbaud) dafür mit ihrem eigenen leben bezahlt..

seltsamerweise erscheint in diesem teil der hauptaspekt des sonstigen textes:»die einsamkeit«
eine eher untergeordnete rolle zu spielen!
/vielleicht weil die unglaubliche anstrengung des überlebens dazu keine zeit lässt oder
Diese systeme (trotz ihrer härte) eine relative stabilität erzeugen/darstellen..
5
die ki figuren sind möglichst symphatisch oder zumindestens komisch gestaltet/
Und darzustellen!!!
(wie gesagt: sie selber können nicht »böse« (sein allerhöchstens die programmierer/)
gerade in ihrer unfertigkeit/naivität liegt ihr charme ihre komik!/
und manchmal eben auch (wie bei wanna-ki) ihr widerstandspotential..
6
die genre der 3 bücher untescheiden sich und soll(t)en auch möglichst unterschiedlich dargestellt werden/
so dass das triptychon wirklich plastisch wird!
..
buch 2 ist eine melancholische komödie mit starken essayistische zügen/
buch 3 ein roadmovie und natürlich eine liebesgeschichte aber auch ein »coming out of age drama«/
buch 1 der eigentlich science fiction: anfangend mit einer art »teacher-stand up comedy« so ist zumindstens der plan!!!

Kategorien
Theaterblog

Ein Untersuchungsfeld für die Bühne

Anna-Elisabeth Fricks Arbeiten oszillieren zwischen Sprechtheater und Performance. In der Alten Feuerwache bringt sie einen Abend »Verlorener Erinnerungen« heraus.  Dramaturgin Simone Kranz sprach mit ihr über die Proben.

Simone Kranz Anna, nach den ersten Proben bin ich sehr fasziniert von deiner Arbeitsweise. Kannst du deine `Methode´ beschreiben?

Anna-Elisabeth Frick Ich weiß gar nicht, ob man das eine Methode nennen kann. Ich bin eine große Sammlerin, ich interessiere mich für alles, was mit dem Thema, das ich gerade bearbeite, zu tun hat. Dieses Material bearbeite ich dann mit den Spielenden. Dabei suche ich die Themen schon so aus, dass es eine Verbindung zu meiner Biografie gibt. Bei »Lethe« ist das Bindeglied mein Vater, der mit Demenz verstorben ist.

K Geht es dir um Aufklärung?

F Das wäre zu kurz gegriffen. Es gibt ja schon Hilfsangebote und Themenabende. Ich möchte mehr einen sinnlichen Raum schaffen, in den das Publikum eintauchen kann. Die Orientierungslosigkeit des Krankheitsbildes Demenz entspricht für mich einem gesellschaftlichen Phänomen. Jeder und jede kennt doch das Gefühl, auf einmal Dinge nicht mehr zu verstehen, die politischen Zusammenhänge nicht mehr erfassen zu können, z.B. nicht glauben zu können, was Trump in Amerika da als Gesetz verkündet. Das Thema hat eine gesellschaftliche, politische und philosophische Dimension. 

K Trotz dieser philosophischen Einbindung arbeitest du mit dem Choreographen Ted Stoffler sehr körperlich…

F Ja, es geht ja auch um Körper. Die Körper der Erkrankten, die ständig laufen wollen, zu anderen Orten, die es so vielleicht gar nicht mehr gibt. Das nicht zur Ruhe kommen können. Nähe und Abstand – beides wird von an Demenz Erkrankten plötzlich anders definiert. Das ist ein schönes Untersuchungsfeld für die Bühne.