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Auf ein Wort

Wie wird man Regisseur*in?

»Die Magie auf dem Theater ist eine große Sehnsucht geblieben.«

Mark Reisig studierte zunächst American Studies und Germanistik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, bevor er 2013 an die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main (Hfmdk-Frankfurt) wechselte, um Regie zu studieren. Seine Abschlussinszenierung »Philoktet« (Heiner Müller) wurde 2017 zum wichtigsten Festival für Nachwuchs-Regisseure, dem Körber Studio Junge Regie eingeladen. Ab 18.09.2020 ist Mark Reisigs Inszenierung »Die Politiker« (Wolfram Lotz), in der sparte4 zu sehen. Über sein Regiestudium sprach Schauspieldramaturgin Simone Kranz mit ihm.

Szenenfotos aus »Die Politiker«: Silvio Kretschmer und Mirjam Kuchinke. Foto ©Honk Photo

S.K.: Wie bist du zum Theater gekommen? Warst du als Kind schon viel im Theater?

M.R.: Es gibt tatsächlich eine Kindheitserfahrung, die sehr zentral dafür war. Das erste Mal als ich ins Theater gegangen bin, war in Heidelberg ins Weihnachtsmärchen und ich saß in der ersten Reihe. Auf der Bühne ging es um Wünsche und es gab einen Wünsche Automat. Und plötzlich hat ein Schauspieler auf mich gezeigt, ich sollte mir was wünschen und ich wurde auf die Bühne geholt. Aber mir fiel vor Schreck gar nichts ein, was ich mir hätte wünschen können. Und da hat der Schauspieler mich gefragt, ob ich mir einen Schokokuss wünschen wollte. Und ich war total erleichtert und habe genickt. Für mich war das ein großes Wunder, dass der Automat dann wirklich einen Schokokuss hatte. Das war für mich als Kind unfassbar, ein magischer Moment und ab da habe ich das Theater gemocht. Und der Wunsch nach Magie im Theater ist bis heute eine große Sehnsucht geblieben.

Silvio Kretschmer und Mirjam Kuchinke. Foto ©Honk Photo

S.K.: Hast du auch in der Schule schon Theater gespielt?

M.R.: Es gab in meiner Realschule so ein Programm, man hat zehn Karten gekriegt für eine Spielzeit und eine Theaterführung. Man durfte sich dafür anmelden, wenn man das wollte und dann sind wir durchs Theater geführt worden und durften auch bei Proben zusehen. Was wir da gesehen haben war ganz modern, ich habe das gar nicht verstanden, ich war viel zu jung, aber trotzdem war die Lust auf Theater da. Und ich wusste, es gab eine Schule, das Wirtschaftsgymnasium in Mannheim, die hatten eine Theater AG, die bekannt in der ganzen Stadt war. Ich wollte überhaupt nichts mit Wirtschaft zu tun haben, aber ich bin auf die Schule gewechselt, wegen dieser Theater AG. Ich hatte das Glück, dass da eine ganz tolle Theaterlehrerin war, die mir ganz viel Platz gegeben hat, um mich zu entwickeln und mutiger zu werden. Als ich dann angefangen habe zu studieren, konnte man an der Uni einen Hörsaal mit einer großen Bühne nutzen und man hat sogar einen Etat von der Uni dafür erhalten.  Ich habe einen Zettel ausgehängt und auf einmal hatte ich 15 Leute, die Theater machen wollten und ich sollte dann sagen, was wir machen. Das war total absurd.

Mirjam Kuchinke und Silvio Kretschmer. Foto ©Honk Photo

S.K.: Wann kam der Entschluss, das professionell zu machen und sich für ein Regiestudium zu bewerben?

Also ich habe zwei große Brüder, die konnten immer alles besser als ich und haben ganz viel für mich geregelt. Dann habe ich das erste Mal Regie geführt und hatte das Gefühl: Ich kann das. Ich kann mit Leuten reden und ich kann eine Atmosphäre schaffen, in der die Leute anfangen auf einer Bühne zu spielen. Ich habe mich aber nicht getraut, mich an einer Regie-Schule zu bewerben, bis jemand zu mir gesagt hat: »Du bist doch blöd. Bewirb dich doch erstmal und schau dann ob du wirklich nicht gut genug bist.« Und dann habe ich zwei Bewerbungen geschrieben, eine für Berlin und eine für Frankfurt. Und da hat es dann geklappt.

Silvio Kretschmer und Mirjam Kuchinke. Foto ©Honk Photo

S.K.: Wie läuft so eine Aufnahmeprüfung ab?

M.R.: Man musste sich mit einem Motivationsschreiben und einem Konzept für eine Inszenierung bewerben. In Berlin bin ich bis zur zweiten Runde gekommen aber das war ganz furchtbar für mich, ich habe einfach nur getan, was ich dachte, was die jetzt von mir sehen wollten. In Frankfurt war es ganz anders, weil einer der Professoren mich verbal attackiert. Er wollte mich provozieren. Er hat mein Konzept gelesen und gesagt: »Ja, das find ich ganz spannend, was du bis hierhin schreibst und dann redest du über Kostüm und Bühne und das finde ich voll langweilig.«  Und dann habe ich direkt angefangen, mich zu wehren und bin ganz stinkig geworden, und habe gesagt: »Ist doch scheißegal«, weil ich dachte: »Hä, darum geht’s doch gar nicht, klar sind Bühne und Kostüm wichtig, aber erstmal reden wir doch über das Stück«. Ich habe einen Schreck gekriegt, weil ich mich damit ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt habe aber wir haben dann über das Stück gesprochen. Der Professor konnte damit umgehen, er ist voll drauf eingegangen, da saßen acht Leute um mich herum, ich alleine auf einem Stuhl und wir haben uns richtig gestritten, aber das war schon echt cool, es war eine Unterhaltung auf Augenhöhe. Gar nicht so: »Ja wir sind hier eine tolle Schule, da musst du aber schon was leisten, wenn du hier ankommen willst.« Es war einfach ein Gespräch, über Theater und das fand ich toll. Dann gab es noch zwei weitere Runden und dann war klar: »Ich bin angenommen!«

S.K.: Wie viele haben sich beworben und wie viele sind genommen worden?

Also in meinem Jahrgang gab es ca. 100 Bewerbungen und drei sind genommen worden. Drei Monate später ging das Studium dann los. Ein Jahr nur Grundlagenunterricht für Schauspieler…

S.K.: Wie viele Stunden am Tag hat man Unterricht?

M.R.: Wir hatten schon wirklich von morgens acht bis abends acht Uhr Unterricht. Das erste Jahr ist richtig krass, auch gewollt. Ich finde das nach wie vor ziemlich gut, denn so ist es am Theater später auch. Die Ausbildung und der Job sind voller Widerstände, man muss sehr viele Entscheidungen gegen ein Privatleben treffen und das lernt man da. Und entweder man lernt damit umzugehen und auch mit dem Druck umzugehen oder der Beruf ist nichts für einen. Natürlich gibt es Leute, die ganz anders funktionieren und trotzdem ganz tolle Künstler sind. Aber wenn man sagt, man möchte ans Stadttheater, man möchte in einen Betrieb und in dieses große Mahlwerk, dann ist das schon ganz gut, um auch mal einen Geschmack davon zu bekommen, was für Verantwortung man übernehmen muss und was für Entscheidungen man treffen muss. Und ob man wirklich gewillt ist, das zu machen. Viele gehen so nach einem oder zwei Jahren. Also, man macht Schauspiel, man macht Physical Theatre, man macht Akrobatik, Sprechen, man kann auch Tanz machen und dann darf man kleine Szenen inszenieren, später kleine Stücke inszenieren, das wird dann immer mehr, bis zur Abschlussinszenierung.

Mirjam Kuchinke und Silvio Kretschmer. Foto ©Honk Photo

S.K.: Du hast ja vorher schon inszeniert, war, rückblickend betrachtet das Studium gut? Hast du was gelernt?

M.R.: Also erstmal war es für mich das schönste Studium, das es gibt. Es ist ein Geschenk, dass man in einen Rahmen kommt, in dem man experimentieren kann und wirklich exzessiv lernen kann. Also wenn man will, kann man wirklich an jeder Ecke lernen und Sachen kennenlernen und sich weiterentwickeln. Die einzige Schattenseite ist, dieses Unverbrauchte, das Freie, was ich vorher empfunden habe; ich mach einfach, was ich will, das geht verloren. Das verabschiedet sich, weil der eigene Maßstab wächst. Man hat das Gefühl, man will wohin, man will weiterkommen oder sich beweisen. Die Konkurrenz ist schon sehr hart. Für jeden freien Platz, den es am Theater gibt, gibt es sehr viele Bewerber.  

S. K.: Ist das etwas, was dir Sorgen macht?  

M.R.: Also vor zwei, drei Jahren hätte ich gesagt: »Ne, interessiert mich nicht. Ich mach das einfach und wenn ich arm bin, dann bin ich halt arm.« Aber die Perspektive ändert sich natürlich. Ich bin jetzt 31, das ist jetzt nicht alt, aber es muss jetzt mal was losgehen. Ich kann jetzt nicht mein Leben lang alle zwei Jahre eine Produktion haben und dann darauf warten, dass mir wiedermal jemand eine Chance gibt. Und dann denke ich wieder: Theater ist eine wahnsinnig sinnvolle Angelegenheit, ich kenne eigentlich keinen Raum, wo es sonst eine so direkte Auseinandersetzung, auch politisch, mit einer Sache gibt. Ich kenne nicht viele Orte in der Gesellschaft, wo tatsächlich noch gemeinschaftlich gedacht und gearbeitet wird. Im Theater trifft man sich mit fremden Leuten und unterhält sich über die Welt und über Zustände in der Gesellschaft und über Persönlichkeit und persönliche Erfahrung. Es ist ein Raum, wo man das beleuchten kann und die Chance bekommt über sich selbst hinauszuwachsen und Einstellungen und Sichtweisen hinterfragen darf. Das ist das, was Kunst leisten kann, dass man gesellschaftliche Entwicklungen oder Vorstellungen hinterfragt. Und das kenn ich nirgendswo anders in der Gesellschaft. Und es gibt ja den Satz, dass das Theater so der Spiegel der Gesellschaft ist und das finde ich nämlich nicht, das würde ja bedeuten, dass man sich selbst sieht und daran etwas erkennt. Wenn, dann ist das Theater das verzerrte Spiegelbild zur Gesellschaft, nicht nur ein Abbild. Man muss etwas anders sehen, eine neue Möglichkeit erkennen, eigentlich einen Ort findet. Deswegen will ich unbedingt Theater machen.

Dank an Pauline Göttert für das Abtippen des Gesprächs.