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Hinter dem Vorhang Theaterblog

EIN ANFANG IST GEMACHT, ABER THEATER WURDE NOCH NICHT GESPIELT!

Endlich wieder auf der Bühne stehen, spielen, singen und das live vor einem Publikum.

Ein Schritt zurück zu dem, was Theater ausmacht: Sich als Mensch vor Menschen zeigen und die Vielfalt des Menschseins spielen! Nicht digital, nicht zweidimensional, sondern live, gemeinsam mit dem Publikum in einem Raum und dreidimensional. Mit allen Sinnen kommunizieren! Von der Bühne über die Rampe in den Zuschauerraum und umgekehrt.

Erst in Anwesenheit des Publikums entsteht Theater! An diesem Sonntag treffen sich im Großen Haus des Saarländischen Staatstheater eine Sopranistin, zwei Schauspielerinnen, ein Schauspieler und zu Gast ein Pianist aus der freien Szene – Valda, Verena, Laura, Raimund, Rick-Henry – und 50 Zuschauer im Parkett verteilt mit großem Abstand. Mehr dürfen den großen Saal des Staatstheaters nicht betreten. So verlangen es die aktuellen Schutzmaßnahmen.

Plakataufsteller vor dem Eingang

Das Schild »Die heutige Vorstellung ist ausverkauft« mahnt, keine weiteren Gäste ins Haus zu lassen. Das Einlasspersonal mit Mund- und Nasenschutz, den man im Rheinland humorvoll »Schnüssläppchen« nennt, empfängt jeden einzelnen Zuschauer und weist ihm seinen Sitzplatz zu. Service pur. Große Freude aber auch leichtes Befremden über die surreale Situation.

Neben der Bühne sitzt der Inspizient hinter Sicherheitsfolien an seinem Pult, dahinter der Bühnenmeister, die Bühnentechniker und die Feuerwehrfrau immer mit Sicherheitsabstand und auch hier selbstverständlich alle mit Mund- und Nasenschutz. Die Ton- und Beleuchtungstechniker sind einsatzbereit, genauso wie die Künstler*innen, die sich unter Anleitung der Maskenbildnerinnen aus Sicherheitsgründen selbst schminken mussten.

Es ist 20 Uhr. Der Inspizient Andreas Tangermann gibt die Vorbühne frei und die Vorstellung beginnt. Rick-Henry Ginkel setzt sich an den großen schwarzen Flügel und spielt mit leichten Händen eine Romanze von Jean Sibelius. Erster Applaus. Verena Bukal, die wie alle Künstlerinnen engagiert in ihrer Freizeit an der Zusammenstellung des Abends beteiligt war, tritt auf, begrüßt das Publikum und spricht von der riesigen Freude, wieder auf der Bühne stehen zu dürfen. Doch bei allen Künstlerinnen und Künstlern ist es mehr als nur große Freude. Es ist die Möglichkeit, wieder ihren Beruf, ihrer Berufung nachgehen zu können. Verena beginnt mit ihrem ersten Lied: »Guten Abend, gut‘ Nacht« danach rezitiert Raimund Widra einen ersten Brecht-Text. Es folgt Laura Trapp mit einem weiteren Song. Darin die Zeilen: »…wenn du lachst ist der Krieg vorbei / in der schwärzesten Nacht / kommt ein Licht…«

Schattenriss auf der Seitenbühne

Alle sind sehr nervös und so ziehe ich als Dramaturg des Abends dem Geschehen lauschend wie ein Tier im Käfig meine Kreise durch noch nicht abgebaute Kulissen hinter dem Eisernen Vorhang. Das jähe Ende der Spielzeit hat sie erst einmal funktionslos gemacht. Nach wie vor keine Oper, kein Schauspiel und kein Ballett. Wir spielen auf der Vor-Bühne über dem Orchestergraben. Ein richtiger Bühnenbetrieb bedeutete bei einer solchen Zuschauerbelegung einen enormen finanziellen Verlust. So sind viele Kollegen weiterhin in Kurzarbeit und warten auf ihren Einsatz.

Auto aus der Produktion »Don Carlos«

Doch Valda Wilson ist wie wir alle anderen überglücklich wieder vor Publikum spielen zu können und überrascht mit einem ungewohnten Song für eine Opernsängerin: »Coin Operated Boy«, den sie mit Ukulele selbst begleitet. Raimund Widra zeigt dazu eine Pantomime. Das zweifelhafte Glück zwischen »münzbetriebenen Mann« und begehrende Sängerin ist komisch und traurig zugleich. Menschen sollten niemals bei Maschinen Trost suchen müssen.

Wie unbezahlbar und kostbar daneben ein Leben in Gesellschaft, in gelebter menschlicher Gemeinschaft. Was ist es für ein Glück, im Theater davon wieder erzählen zu können. Für diesen Augenblick scheinen die Ängste und Entbehrungen der letzten Monate überwunden.

Und so endet nach vielen weiteren Liedern und poetischen Texten von Liebe und Tod, um den kalten, scheinbar so sachlichen Corona-Zahlen etwas entgegen zu setzen, dieser sehr persönliche, anrührende, gleichermaßen melancholische wie fröhliche Abend mit roten Rosen für Künstler und Publikum. Ein Anfang ist gemacht, wenn auch noch nicht Theater gespielt wurde.

Zugabe: Verena Bukal, Laura Trapp, Valda Wilson, Raimund Widra, Rick-Henry Ginkel

Glücklich über das Wiedersehen trifft man sich am Bühneneingang, verabredet sich auf ein Getränk in einer nahen Kneipe und redet über die Zeit und den gemeinsamen erlebten Abend.

Horst Busch,
Chefdramaturg

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DEM RUDOLF SEINE FORTUNA

Zur Produktion: GLÜCK. EIN ABEND MIT 7 GEWINNERN UND DEN BESTEN MOMENTEN IN ZEITLUPE

Kennen Sie dieses Gemälde? Ein Pferd, kraftvoll im Sprung – hat es den Boden jemals berührt? Wird es ihn jemals wieder berühren? – das seinen Weg willensstark durchsetzt und auf eine Brücke aufspringt, hölzern, auf der bereits die Schicksalskugel einer mystischen Figur rollt. Nackt und üppig tanzt eine Frau auf ihr, auf diesem fragilen transparenten Ball. Nicht nur ihre Füße berühren den Sehnsuchtsball, auch die Hufen des Tieres werden ihn bald erreicht haben. Analog dazu streckt sich der Arm des Reiters züngelnd, sehnsüchtelnd nach der Frau. Ihr Haar und abgestreiftes Gewand wallt ihm verheißungsvoll entgegen, sein Schal und der Schweif des Pferdes wallen nicht minder (nur in die andere Richtung). Und da wallt noch etwas Anderes im Rücken des Reiters: es ist der rote Umhang eines gemeinhin als düster geltenden, aber hier lächelnden Gesellen. Ein Gerippe ist zu sehen. Gevatter Tod hetzt gewaltig mit auf dieser Jagd nach Fortuna. Eine lustige Partie!

Bettina Schuster-Gäb,
Schauspieldramaturgin

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WIR GLÜCKSRITTER. EINS

Zur Produktion: GLÜCK. EIN ABEND MIT 7 GEWINNERN UND DEN BESTEN MOMENTEN IN ZEITLUPE

Ein Eröffnungsprojekt für das große Haus. Wir basteln am Glück. Bauen. Es wird monumental und dann wiederum auch intim. Und: oh, Humor. Voll davon! Und manchmal leer und still und gesanglich. Fortuna tritt auf und macht vielleicht auch beim Flaschendrehen mit. Wenn die anderen sie lassen.

Bettina Schuster-Gäb,
Schauspieldramaturgine

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MIT MITEINANDER IST SCHÖNER

Probenstarts

Vor zwei Monaten hielt die Kunstproduktion an.

Die Köpfe machten weiter.

Heute beginnen die Proben wieder. Das szenische Tun des Denkens und Fühlens. Sinnlichkeit zieht wieder ein. Freudemoment.

Bettina Schuster-Gäb,
Schauspieldramaturgin

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BLÄTTERN IN HISTORISCHEN FOTOGRAFIEN

Das Baugrundstück im Oktober 1936.

Gefunden wurden die Fotografien durch einen Zufall: Beim Aufräumen des Dekorationslagers in Gersweiler tauchten Anfang der 2000er Jahre Fotoalben mit über 500 Aufnahmen aus den Jahren 1935-42 auf, die Bau, Planung, Einweihung und Zerstörung des Theaters dokumentieren. Damals wären die Fotos beinahe im Müllcontainer gelandet. Jetzt stellt sie das Staatstheater im Rahmen des Kultur Hackathons »Coding da Vinci-Saar-Lor-Lux 2020« zur freien Nutzung für jedermann online.

Das Eingangsportal im September 1937.

Das digitale Kulturevent »Coding da Vinci« will Kultureinrichtungen aus der gesamten Großregion sowie Digital Entwickler und Akteure aus Technikwelten zusammenbringen. Ziel ist es, den reichen Schatz an historischem und kulturellem Material, einem breiten Publikum online zugänglich zu machen. Dabei kann und soll – wenn es das Datenmaterial erlaubt – auch ein freier, spielerischen Umgang mit den Daten angestoßen werden.

Bombenschäden im 30. April 1942.

So hat sich beispielsweise eine junge Entwicklergruppe gefunden, die im Setting des Staatstheaters ein Computerspiel programmiert. Ermöglicht wurde dies durch filmische Rundgänge, die das Staatstheater im Rahmen von »Coding da Vinci« ebenfalls zur freien Nutzung online gestellt hat. Am 4. Juli werden dann die entstandenen Projekte bei »Coding da Vinci« online präsentiert und prämiert.

Wer bei diesem Abschluss Event dabei sein möchte, kann sich kostenlos unter https://codingdavinci.de zur Preisverleihung anmelden. Sämtliche Datensätze der beteiligten Kultureinrichtungen findet man unter https://codingdavinci.de/daten/. Man darf gespannt sein!

Simone Kranz,
Schauspieldramaturgin

Alle Fotos: CC-BY-SA.4.0 Saarländisches Staatstheater

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WIE DER ERSTE TAU, ÄH, BLICK, ÄH, WORT, AUF FRANZÖSISCH

Von Dramatik, Zukunftsforschung und Kulturfrönen

Ich lese von Krise, ich lese von Betrachtungen der Krise und ich lese von der Welt nach der Krise. Und dann gibt es da noch dieses Projekt »Literatur«. Ganz verrückt: aber darin kommt das Virus gar nicht vor. Darf es das, einfach keine Rolle spielen? Es ist gut, wenn es zukünftig keine Rolle mehr hat, mehr hätte, dieses einfach unbesetzt auf der Weltbühne aufgetauchte Virus alias Corona. Aber so einfach wird das wohl nicht werden. Ahnen wir alle.

Dennoch: es darf auch Welten geben, die uns von einer Wunschwelt im Sinne einer handfesten Utopie erzählen – und die dürfen fiktiv sein und sie dürfen aus der Vor-Krise stammen. Sage ich mir und lese weiter. Entweder à a) Französisch am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen: frankophone Dramatik auf Französisch für das Autor*inn*en-Festival PRIMEURS im November oder à b) Glückstexte für ein baldiges Projekt, wenn wir alle wieder dürfen: wir, proben und spielen und Sie, kommen. a) b) a) b) a) b) – a).

Und vorher ein bisschen Kopf-Zukunft gestalten mit Zukunftsgedanken von Matthias Horx und seinem Zukunftsinstitut, Kolumne 51, »Das Neue Normal«. Alles, was eine Zukunft im Sinne der Menschheit und weniger der Wirtschaftslobby zu gestalten hilft – aus welcher Zeit es auch immer stammen mag – hilft. Dramatik, Kunst allgemein und eigene Gedanken – alle unsere Zukunftsentwürfe, all unser positives Denken, machen das vor-krisige Bisherige, das in irgendeiner Form und anteilig sicher auch wieder einsetzen wird, besser. Ich persönlich brauche dazu Sprache. Und von Denkern und Weltenerfindern zu lesen, denen das sicher auch so geht (gemeint sind Autor*inn*en), befriedet mich doch sehr. Außerdem haben die gerne auch mal Lösungsanregungen parat. Kommen lohnt! Denken auch.

  1. www.festivalprimeurs.eu
  2. https://www.horx.com/51-das-neue-normal/

Gegenwart und Zukunft, I <3 you.

Bettina Schuster-Gäb,
Schauspieldramaturgin